Die Speicherstadt in Hamburg, zusammen mit dem Kontorhausviertel seit Sonntag Unesco-Welterbe © dpa

Hamburg liebt die Tradition. Für seine Geschichte interessiert es sich nicht.

Natürlich gibt es hier historische Archive und Institute und sogar ein hochprachtvolles Museum für Hamburgische Geschichte. Doch es liegt da, in den Wallanlagen am Millerntor, wie ein versunkenes Märchenschloss, sanft umrankt von der Dornenhecke städtischer Ignoranz. Während andere Bundesländer viel Geld in große kulturhistorische Ausstellungen investieren, die zigtausend Besucher erfreuen und bilden, hat man aus dem Hamburg-Museum mit seiner fantastischen Sammlung schon seit Jahrzehnten kaum ein Lebenszeichen mehr vernommen. Und wie lange musste das Museum der Arbeit in Barmbek um seine Existenz kämpfen! Oder das Altonaer Museum, das 2010 gänzlich abgewickelt werden sollte!

Geschichte interessiert Hamburg nicht. Obwohl man gern so tut und nächste Woche Speicherstadt und Chilehaus zum Weltkulturerbe erklären lassen will. Denkmalschutz existiert nur dem Namen nach. Was wegmuss, muss weg. So funktionierte die "wachsende Stadt" schon immer. Dafür wird dann mit großer Girlande irgendwo am Grindel oder am Hafenrand eine Tankstelle oder Telefonzelle aus den fünfziger Jahren unter Schutz gestellt, Doppelseite mit Kultursenatorin im Abendblatt.

Wie 1842 die Flammen des Großen Brandes, wie 1943 die britischen Bomber, so fielen in der Nachkriegszeit die Stadtplaner über Hamburg her. Ehrwürdigste Viertel wurden in Ceaușescu-Manier ausradiert, gerade – um nur davon zu reden – in der Innenstadt, innerhalb des Wallrings. Hier fiel die halbe Neustadt dem Büroneubau zum Opfer, und die halbe Altstadt verschwand mit ihren Fleeten unter der sechsspurigen Ost-West-Autobahn – die, Fluch der bösen Tat, heute die HafenCity von der Innenstadt wie ein Todesstreifen trennt.

Kirchen wurden abgeräumt: der gewaltige neugotische Bau von St. Nikolai, der nach den Kriegszerstörungen gut wiederherzurichten gewesen wäre, ebenso wie die kleine St.-Anschar-Kirche am Valentinskamp mit fast dem gesamten historistischen Ensemble, das sie umgab. Die bezaubernde klassizistische Esplanade opferte man zwei mediokren Hochhäuschen. Einer der schönsten und größten Kontorbauten Europas, der Dovenhof, sank genauso in Trümmer wie das hinreißende Palais des traditionsreichen Geselligkeitsvereins Erholung neben der Laeiszhalle mit seinen prachtvollen Ballsälen. Nicht anders erging es dem zwar kriegsversehrten, doch in seinen Mauern erhaltenen Naturhistorischen Museum, vor dem Krieg die populärste naturwissenschaftliche Sammlung des Landes; heute steht dort, vis-à-vis dem Hauptbahnhof, eine Kaufhauskiste. Das Haus des legendären Cafés L’Arronge gegenüber der Staatsoper, das Lessing-Premierenkino am Gänsemarkt, Richard Laages berühmter Hapag-Pavillon am Jungfernstieg von 1924, der tausendmal gemalte Zeitballturm am Kaispeicher A, jahrzehntelang ein Wahrzeichen der Stadt, wie die monumentalen Portale der Elbbrücken – alles weggerissen, weggesprengt! Von dem heruntergewirtschafteten Stadtraumkunstwerk Mönckebergstraße, von den haarsträubenden Büroeinbauten im Kirchenschiff von St. Petri oder der zerrumpelten Dachlandschaft rund um die Binnenalster noch zu schweigen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Gewiss, es hat Tradition. Hamburg ist wohl die einzige Stadt Europas, die ihre gotische Kathedrale dem Erdboden gleichgemacht hat, 1806. Und just dem Bau der Speicherstadt ging Ende des 19. Jahrhunderts eine weitere Abrissorgie voraus: Für den mittelaltertümelnden Backsteinkomplex mit seinem Spitzenflor von Türmchen und Giebelchen musste ein gediegenes Stadtquartier aus imposanten barocken Bürger- und Kontorhäusern weichen, das an Amsterdam erinnerte.

Und was blieb vom Gängeviertel? Im Laufe des 19. Jahrhunderts war es zum Slum verkommen. In der Kaiserzeit, Weimarer Republik, NS-Diktatur kannte man nichts anderes als Abriss. Aber hätte man nicht spätestens in den sechziger, siebziger Jahren die wenigen verbliebenen Straßen behutsam sanieren können? Stattdessen riss man, bis auf eine Zeile am Bäckerbreitergang, fast alles nieder und baute Kopien. Das bizarrste Ensemble entstand so an der Neanderstraße im hanseatischen Kulissen-Wunderland der Toepfer-Stiftung: Hier gibt es neben anderen althamburgischen Haus- respektive Fassadenmasken auch eine des barocken Paradieshofbaus zwei Straßen weiter – der allerdings, als das Faksimile hochbetoniert wurde, noch existierte. Doch, o Wunder!, das Original blieb stehen, wurde durch studentische Initiative gerettet und schließlich musterhaft restauriert. So hat man nun beides: Original und Fälschung.