Die Antworten des vergewaltigten Mädchens sind kurz, das Schweigen dazwischen währt endlos. "Wie lange hat dein Vater das mit dir gemacht?" – "Sehr lange." – "Hast du es deiner Mutter erzählt?" – "Ja." – "Wusstest du, dass du schwanger bist?" – "Nein."

20.000 Zuschauer haben dieses Fernsehinterview mit einem schwangeren Mädchen aus dem brasilianischen Recife auf der Website des Senders TV Jornal/SBT angeklickt. 4. Juli 2013: Da ist das Mädchen im dritten Monat schwanger. Vier Jahre lang wurde die Zwölfjährige vom eigenen Vater sexuell missbraucht. Wenige Tage nach dem Fernsehinterview ist sie nicht mehr schwanger. Die Familie hat sich für eine Abtreibung entschieden. Nach brasilianischer Gesetzgebung ist dies nach einer Vergewaltigung erlaubt.

Aus den kurzen Antworten, die das Mädchen damals im Fernsehen gibt, spricht ein Leid, das viele Frauen in Lateinamerika kennen. Denn der Traditionalismus des Kontinents hat eine dunkle Seite, dazu gehören häusliche Gewalt, das Schweigen der Opfer und rigide Abtreibungsvorschriften, die in mehreren Ländern die Abtreibung auch dann verbieten, wenn die Schwangerschaft gewaltsam zustande kam.

Die Stimme des Mädchens aus Recife ist gedämpft, sie schaut auf den Boden, ihre Lippen öffnen sich kaum, wenn sie spricht. "Er hat es zu Hause gemacht, als meine Mutter weg war. Ich habe es ihr gesagt, sie wollte es ihren Brüdern sagen. Doch es passierte nichts." Jahrelang hatte das Kind sich niemandem anvertraut. Der Vater drohte, sonst die Mutter und die Geschwister zu töten. Es ist das typische Täterverhalten bei Missbrauch in der Familie. Doch die Angst der Mädchen vor solchen Peinigern hat in Lateinamerika auch einen politischen und einen religiösen Aspekt.

Weitreichende Abtreibungsverbote und Kirchen, die diese Verbote stützen, machen missbrauchten Teenagern das Leben zusätzlich zur Hölle. Nur in drei von 21 Ländern Lateinamerikas, nämlich Uruguay, Kuba und Puerto Rico, ist Abtreibung innerhalb der ersten drei Monate straffrei. Im Rest der Region ist ein Schwangerschaftsabbruch verboten und nur bei Lebensgefahr für die Mutter oder nach einer Vergewaltigung erlaubt. In Chile, Honduras, Nicaragua, El Salvador und in der Dominikanischen Republik ist die Abtreibung komplett und ohne Ausnahmen unter Strafe gestellt.

Seit Mai 2015 lenkt der Fall der zehnjährigen Mainumby aus Paraguay den Blick der Weltöffentlichkeit erneut auf Lateinamerika. Das Mädchen ist zum Symbol für das Leid von Millionen von Minderjährigen geworden, deren Kindheit durch sexuelle Gewalt abrupt endet. Sie ist zudem das tragische Sinnbild einer öffentlichen Gesundheitsversorgung, die sich an moralischen Prinzipien statt an den Bedürfnissen ihrer Patienten orientiert.

Der Leidensweg der zehnjährigen Mainumby beginnt im Januar 2014, als ihre Mutter eine Anzeige wegen Missbrauch erstattet. Im August 2014 antwortet die Staatsanwaltschaft, dass sie die Ermittlungen einstellen werde. Im Dezember 2014 beklagt sich das Mädchen über Bauchschmerzen und Übelkeit. Vier Ärzte, die das Mädchen nacheinander aufsucht, vermuteten, sie habe Würmer. Erst im April 2015 wird im Mutter-und-Kind-Krankenhaus in der Hauptstadt Asunción eine Risikoschwangerschaft festgestellt.

Eine Zehnjährige, die missbraucht wurde, muss das Kind austragen

Glaubt man dem paraguayischen Gesundheitsminister Antonio Barrios, geht es dem Mädchen gut. Die Schwangerschaft verlaufe ohne Komplikationen, das Mädchen werde medizinisch und psychisch betreut, sagte er kürzlich vor der Presse. Schon im Mai hatte er erklärt: "Eine Abtreibung ist ausgeschlossen. Ich bin dagegen, und außerdem ist dies verboten." Da befand sich die Zehnjährige in der 23. Schwangerschaftswoche.

Elba Núñez vom lateinamerikanischen Komitee für Frauenrechte (Cladem) sagt, es gehe dem Mädchen alles andere als gut. Núñez trifft sich regelmäßig mit Mainumbys Mutter, die zu den wenigen Personen gehört, die das missbrauchte Kind in dem abgeschirmten Krankenhaus für schwangere Kinder und Teenager in Asunción besuchen dürfen. "Sie ist in der 30. Woche und hat starke Schmerzen. Ich bin sehr besorgt", sagt Núñez. "Warum holen sie das Baby nicht per Kaiserschnitt?"

Es sind dramatische Szenen, die sich unmittelbar vor dem Besuch des Papstes in Paraguay am 10. Juli abspielen. Gesetzlich sind Abtreibungen in dem streng katholischen Land verboten. Doch der Fall Mainumby erregt die gesamte Gesellschaft: Frauenrechtlerinnen klagen katholische "Lebensschützer" an, ihre moralischen Prinzipien auf Kosten eines vergewaltigten Mädchens zu verteidigen. "Lebensschützer" werfen Menschenrechtsorganisationen vor, sie benutzten das Mädchen, um ihre politischen Ziele, nämlich eine Legalisierung der Abtreibung, durchzusetzen.

Mittlerweile hat sich auch die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) in den Fall eingeschaltet. "Das Mädchen leidet an Unterernährung und Blutarmut, sie wiegt 34 Kilo und ist 1,39 Meter groß. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie während der Schwangerschaft oder Geburt stirbt, ist viermal höher als bei einer erwachsenen Frau", heißt es in der Stellungnahme vom 8. Juni. Darin empfiehlt die Kommission auch einen Schwangerschaftsabbruch, damit das Mädchen "nicht erneut zum Opfer wird".

Doch das Wort Schwangerschaftsabbruch steht in Paraguay auf dem Index. Laut Gesetz darf eine Abtreibung im Land nur vorgenommen werden, wenn die Mutter in Lebensgefahr schwebt. Wenn die Gefahr aber nicht besteht oder geleugnet wird, in diesem Fall sogar vom Gesundheitsminister, muss auch eine minderjährige vergewaltigte Schwangere ihr Kind austragen. Paraguay verfügt damit über eine strengere Gesetzgebung als seine Nachbarländer Argentinien, Brasilien und Bolivien, die eine Abtreibung auch nach einer Vergewaltigung straffrei stellen.

Franziskus fordert zum Erbarmen mit den Frauen auf, die abtreiben

Kinderschwangerschaften sind deshalb in Paraguay nichts Außergewöhnliches. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Asunción brachten im vergangenen Jahr 684 Mädchen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren ein Kind zur Welt, bei Teenagern im Alter von 15 bis 19 Jahren lag die Anzahl bei 20.009 Geburten. Nach Angaben der Weltbank werden in Paraguay durchschnittlich 66 von 1.000 Neugeborenen von Teenagern im Alter zwischen 15 und 19 Jahren zur Welt gebracht. Zum Vergleich: In Argentinien liegt die Rate bei 54, in Brasilien bei 70 und in Kuba bei 43 Neugeborenen. In den Ländern mit harten Abtreibungsverboten wie der Dominikanischen Republik und Nicaragua ist die Zahl der Teenagerschwangerschaften am höchsten: Dort liegt die Rate bei 98 beziehungsweise 99 Neugeborenen. In Deutschland sind es drei, in den USA 30 von 1.000 Geburten.

Die dicken Bäuche der dünnen Kinder offenbaren, was sich allzu oft hinter der Fassade jener großen Familien abspielt, die den konservativen Kräften in der katholischen Kirche oft noch als Vorbild für das Westeuropa der Geburtenkontrolle dienen: Armut, Machismo und Missbrauch. Es ist eine gewalttätige Mischung, die vielen Frauen und ihren Kindern das Leben zur Hölle macht. Kinderreichtum gilt als Segen Gottes. Warum sollte der Mann sich dann um Verhütung kümmern?

Die wenigen Worte des zwölfjährigen Mädchens aus Recife zeigten, wie selbstverständlich häusliche Gewalt in Lateinamerika noch immer hingenommen wird. "Hat dein Vater deine Mutter geschlagen?" – "Ja. Wenn er betrunken war, hat er auf sie eingeprügelt." – "Hattest du deswegen Angst?" – "Ja." Prügel, Vergewaltigung und Mord kommen in Lateinamerika erschreckend häufig vor. Nach UN-Schätzungen schwankt die Missbrauchsrate bei Jugendlichen in Lateinamerika zwischen 12 und 19 Prozent, weltweit liegt sie bei rund 10 Prozent. Erst nach dem Ende der Militärdiktaturen Ende der achtziger Jahre wurde auf Druck von Frauenorganisationen Vergewaltigung als Straftat in vielen Ländern Lateinamerikas eingeführt.

Auch wenn das Gesetz die Frauen heute vor sexueller Gewalt schützt – in der Praxis sind körperliche Misshandlung und Morde aus Eifersucht nicht weniger geworden. Männliche Gewalt scheint so selbstverständlich, dass sie achselzuckend zur Kenntnis genommen wird. Ein Onkel des missbrauchten Mädchens aus Recife sagte später aus: "Meine Schwester hat sich oft beklagt, dass ihr Mann sie misshandelte, dass er sogar versuche, sie umzubringen. Über die Vergewaltigung ihrer Tochter hat sie aber nie ein Wort verloren. Wenn die Familie zusammenkam, war alles normal."

Was ist normal? Das ändert sich derzeit. Mittlerweile wollen viele Menschen in Lateinamerika den Missbrauch Minderjähriger und die Gewalt gegen Frauen nicht mehr hinnehmen. In Paraguay hat der Fall Mainumby öffentliche Entrüstung ausgelöst. "#NiñaEnPeligro" lautet die Kampagne von Amnesty International, die nun Druck auf die Regierung in Asunción ausüben soll. Der Protest von Menschenrechtsorganisationen, Kinderhilfswerken und Frauenrechtlerinnen hat dazu geführt, dass die Regierung in Paraguay selbst eine Kampagne gegen Missbrauch aufgelegt hat. "Denunciá la violencia sexual" – " Missbrauch anzeigen! Wir sind alle verantwortlich", lautet der Slogan, mit dem das Gesundheitsministerium in Paraguay die Gesellschaft um Hilfe bittet.

"Der Missbrauch des Mädchens hat der Gesellschaft vor Augen geführt, wie verwundbar die Jugendlichen sind", sagt Marité Ocampos von der Frauenorganisation Kuña Roga aus Paraguay. Doch was sagt die katholische Kirche dazu? Für den Vatikan ist Missbrauch Sünde, Abtreibung hingegen Mord. An dieser Auffassung wird sich wohl sobald nichts ändern. Feministin Ocampos bereitet sich deshalb seit Monaten darauf vor, Papst Franziskus für das Leid der Mädchen zu sensibilisieren. Sie gehört zu den ausgewählten Vertretern der Zivilgesellschaft, die sich am 11. Juli in Asunción mit dem Papst treffen werden.

Am 5. Juli kam Franziskus in Quito an. Von Ecuador reist er weiter nach Bolivien und dann nach Paraguay. Franziskus erbarme Dich! Schon vor einem Jahr appellierten lateinamerikanische Katholikinnen an den Papst, Gnade walten zu lassen, statt auf Dogmen zu pochen. Ein offener Brief der "Katholikinnen für das Recht auf eigene Entscheidung" ("Católicas por el derecho de decidir") zeigte den tiefen Graben, der die Gläubigen in ihrem Alltag von ihrer Kirche trennt: "Papst Franziskus, wir appellieren an Dich, versetze Dich in die Lage von vergewaltigten Frauen und Mädchen! Gerade die Ärmeren sind großer Gewalt ausgesetzt, viele werden ungewollt schwanger, viele werden von ihren eigenen Ehemännern ermordet. Angesichts dieser Situation schmerzt uns das Schweigen der Kirche, die ihre Stimme für diese Frauen nicht erhoben hat."

Werden die Katholikinnen bei dem argentinischen Papst Gehör finden? Oder bleibt das Thema Abtreibung trotz der Millionen von heimlichen Schwangerschaftsabbrüchen – allein ein Brasilien sind es über vier Millionen im Jahr – ein Tabu? Derzeit scheint die Lobbyarbeit der katholischen Bischofskonferenzen und der Evangelikalen auch in Lateinamerika an ihre Grenzen zu stoßen. Ausgerechnet in Chile, wo Abtreibung komplett verboten ist, plant Präsidentin Michelle Bachelet zurzeit eine Reform des Gesetzes. Und in Argentinien wurde 2012 die Abtreibung auch nach einer Vergewaltigung straffrei gestellt.

Es ist paradox: Ausgerechnet der Widerstand der katholischen Kirche hat mit dazu beigetragen, dass in einigen Ländern die strenge Gesetzgebung mittlerweile liberaler interpretiert wird. Minderjährige Schwangere – so das Urteil vieler Frauenärzte – befinden sich nicht nur in Lebensgefahr, wenn medizinische Komplikationen auftreten, sondern auch, wenn ihre seelischen Probleme sich zuspitzen. Im brasilianischen Recife bekannten sich Ärzte des öffentlichen Gesundheitssystems bereits 2009 dazu, einem neunjährigen Mädchen, das Zwillinge erwartete, zur Abtreibung verholfen zu haben.

Das Mädchen und ihre 14-jährige Schwester waren jahrelang von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden und hatten dafür regelmäßig ein "kleines Taschengeld" bekommen. Als der damalige Erzbischof José Cardoso Sobrinho nach der Abtreibung die Ärzte und die Mutter exkommunizierte, zeigte sich die brasilianische Öffentlichkeit fassungslos. Der Vatikan musste sich nach dem Verdikt des konservativen Klerikers um Schadensbegrenzung bemühen. "Es sind andere, die es verdienen, exkommuniziert zu werden, nicht diejenigen, die dem Mädchen helfen, weiterzuleben und verlorenes Vertrauen in die Menschheit zurückzugewinnen", erklärte damals der Vorsitzende der Päpstlichen Akademie für das Leben, Rino Fisichella. Die Exkommunikation habe der Glaubwürdigkeit der Kirche geschadet. Ihre Lehre erscheine "unsensibel und ohne Gnade".

Doch Franziskus wäre nicht Franziskus, wenn er nicht auch in Paraguay Hoffnungen wecken würde. Neulich sagte er auf dem Petersplatz in Rom, dass Priester mit dem Schmerz der Frauen, die sich dazu entschlössen, eine Schwangerschaft abzubrechen, Erbarmen haben sollten. Die Gläubigen in Paraguay warten bei der Abschlussmesse am 12. Juli auf ein weiteres tröstendes Wort. Es könnte befreiend wirken. Auch wenn katholische Konservative noch immer behaupten, die bislang geltende Sexualmoral sei unumstößlich: Was der Papst sagt, das gilt.