Warum sind unsere Alten so wunderlich, warum wirken sie auf uns oft so verbittert? Das war die Frage, mit der ich ins Auto stieg, vor mehr als einem Jahr. Ich fuhr nach Satuelle. In einen Ort, der sehr nach Frankreich klingt, aber gar nicht dort liegt – sondern in Sachsen-Anhalt, Landkreis Börde. Satuelle sah, beim ersten Hinsehen, tatsächlich beinahe französisch aus, wie ein Dorf in der Provence. Die Häuser waren aus Backstein, es duftete nach Blumen.

In Satuelle wollte ich jemanden treffen, der da im Pfarrhaus lebte. Hans-Jochen Tschiche, Revolutionär und Grünen-Politiker, und, so hatte man mir gesagt: ein Vater, ach was, Großvater der DDR-Opposition. Als ich eingebogen war mit meinem Auto, auf dem Weg zu seinem Häuschen, da schaute er schon aus dem Fenster. Ein Mann mit kurzem Haar und vollem Bart, ein Bürgerrechtler, wie man ihn sich malen würde.

Zu Tschiche trieb es mich, weil eine Idee mich nicht mehr losließ: Ich, ein junger Ossi, geboren 1988, altersbedingt leider revolutionsunbeteiligt, mithin nur ein Enkel der ostdeutschen Oppositionellen, ich also wollte die älteren Männer besuchen, die den Besitzstand von 1989 verwahren; die Revolutionsveteranen. Unsere Opas, die Helden. Die, die wir heute Bürgerrechtler nennen und die den Umbruch Ost erst ermöglichten. Ich fragte mich, warum sie in der Öffentlichkeit quasi keine Rolle mehr spielen. Warum man sich an ihre Namen kaum mehr erinnert. Ich fragte mich auch, warum man häufig das Gefühl hat, dass sie schlecht gelaunt sind – obwohl sie so viel erreicht haben, oder sogar alles. Einen ganzen Staat in die Knie gezwungen. Ich reiste auch nach Satuelle, weil ich mich ein bisschen über Pfarrer Tschiche geärgert hatte, aber dazu kommen wir später.

Wir Jüngeren des Ostens wissen von unseren Widerständlern, von diesen Tschiches, in Wahrheit so gut wie gar nichts. Das Ende der DDR erscheint uns im Rückblick wie ein logischer Schritt: Das ist halt so passiert! Eines Tages liefen Hunderttausende in Leipzig und rangen den SED-Staat nieder. Als sei es so einfach gewesen! Dass es die besonders Entschlossenen hinter alledem gab, mutige Menschen, die den Boden bereiteten, auch unter Einsatz ihres Lebensglücks – Männer und Frauen wie Bärbel Bohley und Rainer Eppelmann, wie Lutz Rathenow, Friedrich Schorlemmer und Christoph Wonneberger und eben Hans-Jochen Tschiche –, das vergessen wir. Mit den Bürgerrechtlern verhält es sich nämlich so: Wir sprechen nicht mit ihnen, und sie sprechen nicht mit uns. Es gibt eine feine Membran zwischen uns. Man sieht sich, aber man versteht sich nicht.

Ich wollte das ändern, deshalb fuhr ich zu Hans-Jochen Tschiche, der mir als Wegbereiter der Revolution im Raum Magdeburg vorgestellt wurde, der hier dissidentische Netzwerke betrieb, Gesprächskreise, der das Neue Forum mitbegründete. Für den Text über ihn und unser Gespräch würde ich Zeit haben, dachte ich. Keine Eile. Vielleicht im Herbst 2015 hätte er erscheinen können. Dann, wenn die Wiedervereinigung sich zum 25. Mal jährt. Ich war da ziemlich entspannt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 28 vom 09.07.2015.

Aber jetzt, ein Jahr nach meinem Gespräch mit ihm, ist Hans-Jochen Tschiche gestorben. Tschiche wurde 85 Jahre alt. Ich werde ihm keine Fragen mehr stellen können. Ich kann hier nur von den Antworten erzählen, die er mir schon gegeben hat.

Ich weiß noch, seine Wohnung. Als ich damals, vor einem Jahr, oben bei ihm angelangt war, war ich erst einmal beeindruckt. Von der schieren Masse an Büchern, die dort in riesigen Regalen sich stapelten. Aber auch von dem kleinen Mann davor, der so freundlich-erwartungsvoll lächelte. Der gar nicht dieser etwas verbitterte Bürgerrechtler war, den ich erwartet hatte. Im Gegenteil, er war so fröhlich: Viele Jüngere, sagte er mir, fielen ihm ja nicht ein, die sich für die Geschichte der DDR-Oppositionellen interessierten. Er sei da nicht bitter, in Westdeutschland habe es auch zwei Jahrzehnte gedauert, bis die Aufarbeitung begann. Dann stockte er. Ihm fiel etwas ein: "Zwei Jahrzehnte sind ja hier schon vorbei. Na, vielleicht kommt es noch." Viele, die zwar jung sind, aber noch alt genug, um die DDR bewusst erlebt zu haben – viele von denen, sagte Tschiche, hätten vielleicht ein schlechtes Gewissen, wenn sie Bürgerrechtler sehen. Vielleicht seien wir ganz Jungen die Chance für die Versöhnung. Als wir später redeten, entschuldigte er sich mehrfach bei mir. Dafür, dass er so viel rede. "Manchmal, wenn sich jemand interessiert, dann schütte ich den mit meinen Geschichten voll", sagte er. Denn er erzähle so gerne. "Ich bin doch voller Geschichten."

Das ist er. Aus Lexika weiß ich: Tschiche, 1929 in Kossa nahe Bitterfeld geboren, war seit 1978 Leiter der Evangelischen Akademie in Sachsen-Anhalt. Spätestens Anfang der Achtziger begann er, die kirchliche Friedensbewegung mitzuprägen. Im September 1989 gründete er, unter anderem mit Bärbel Bohley, das Neue Forum. Saß in der ersten frei gewählten Volkskammer; dann, nach der Vereinigung, von 1990 bis 1998 im Landtag Sachsen-Anhalts: Tschiche machte wirklich eine zweite, eine Nachwende-Karriere, anders als viele Mitstreiter. Er wurde Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen. Kaum hatte er den SED-Staat mit gestürzt, bildeten seine Grünen gemeinsam mit der SPD in Magdeburg 1994 eine von der PDS tolerierte Minderheitsregierung. Ausgerechnet er, der Dissident, verhalf der PDS zu ihrer ersten indirekten Regierungsbeteiligung. 1998 verpasste die Grünen-Fraktion, und mit ihr Tschiche, aber den Wiedereinzug in den Landtag.

Gönnen sie uns Nachgeborenen unser Glück nicht?

In seinem Haus in Satuelle servierte Tschiche Getränke. Das Sprechen fiel ihm nicht ganz leicht, er murmelte die Worte etwas, aber jeder Satz saß, und dabei war Tschiche auch noch so überbordend sympathisch: Ich weiß noch, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam wegen der Vorurteile, mit denen ich angereist war. Ich hatte ja gedacht: Die Bürgerrechtler – gönnen sie uns Nachgeborenen unser Glück nicht? Jenes Glück, das sie doch erst ermöglicht haben; das Glück, ein großartiges, freies Leben zu führen? Gönnen sie sich ihr eigenes Glück nicht?

Ich fragte Tschiche also danach. Ich erzählte ihm vom Stolz, den viele Jüngere empfänden – den auch ich empfinde – beim Blick auf dieses vereinte Land, wie es geworden ist. Er entgegnete, das könne er verstehen. "Ich klage ja auch auf hohem Niveau", sagte er. Aber wer garantiere denn, dass das, was wir haben, das Paradies sei? Für Paradiese sei sowieso der liebe Gott allein zuständig. Hätte eine reformierte DDR nicht auch etwas Gutes werden können? "Was ich wollte, war: Die DDR demokratisieren, das war so mein Traum", sagte Tschiche. Das war es nämlich, wofür die meisten Bürgerrechtler eingetreten sind. Vor einigen Jahren hat Tschiche ein Preisausschreiben des immer noch existierenden Neuen Forums gewonnen, mit einem Text, in dem ein Mann im Krankenhaus liegt und vom Ausgang der ersten freien Wahlen träumt. "Eindeutige Sieger wurden die Bürgerrechtler, die Frauenbewegung und die Grünen. Sie erhielten zusammen mehr als 50 Prozent der Stimmen", schreibt Tschiche in diesem Text. Die DDR bleibt darin selbstständig. "Im Lager der westdeutschen Industriellen herrschte Frust. Sie waren schon den ganzen Herbst 1989 durch die ostdeutschen Lande gefahren und hatten sich nach Filetstücken der Industrie umgesehen ... Die DDR war unterdessen ein sozialistischer Rechtsstaat geworden, in dem die Freiheitsrechte des Individuums höchsten Schutz genossen." So also erträumt sich ein Bürgerrechtler die Welt.

Wir eigneten uns zur Revolution, sagte Tschiche. Nicht für die Zeit danach

Tschiche war der Überzeugung: Wir leben, auch im Osten, inzwischen in einem richtigen Westland. Gleichzeitig seien viele Bürgerrechtler nach 1990 in tiefste Leere gefallen: Ihre Kompetenz war das Revoltieren, nicht das Gestalten. Von einem Moment auf den anderen habe sich für viele Helden kaum mehr einer interessiert, denn ihre Fähigkeiten wurden nicht mehr gebraucht, es kam jetzt auf Bürokraten an, auch Technokraten, auf Politik-Talente.

Aber Sie waren doch ein Politik-Talent, Herr Tschiche ... Ja, antwortete er, aber er sei auch immer Oppositioneller geblieben. Ich müsse Verständnis haben für manche Verbitterung seiner Weggefährten. "Wir aus der DDR-Opposition", erklärte er, "waren die Türöffner. Die anderen haben dann die Politik gemacht. Die Tür zu öffnen, das kann auch etwas Schönes sein. Und wir Bürgerrechtler waren, wie sich hinterher herausstellte, eben sehr verschieden." Viele hätten nur Opposition gekonnt.

Es kommt mir als Nachgeborenem oft so vor, als gebe es reine Bürgerrechtlerdiskurse, Scheingefechte der Veteranen, in die kein anderer einzudringen habe: Wer war wer in der DDR? Fragen wie diese machen die Bürgerrechtler unter sich aus, da lassen sie keine Luft dran. Viele von ihnen wollten die DDR reformieren. Es ärgerte sie, dass ein Großteil des Volkes stattdessen die schnelle Einheit ersehnte. Dass die Ossis nur Bananen wollten, Fernseher, Westgeld, gutes Leben. Die Kinder der Revolution fressen ihre Bananen. Na und? Ich bin froh, im Westen zu leben.

Bärbel Bohley, besagte Mitbegründerin des Neuen Forums, sprach in einem Interview, Jahre vor ihrem Tod 2010, vom Gegenteil: "Ich hatte immer das Gefühl, dass der Westen froh war, nun den Osten verändern zu können – um sich nicht selbst verändern zu müssen. Wir waren so etwas wie eine Abwrackprämie." Sie hätte sich gewünscht, dass die DDR-Bürger, ähnlich wie die Tschechen oder Polen, Bürgerrechtler wie Lech Wałęsa oder Václav Havel zu ihren neuen Anführern wählen würden; stattdessen wählten die Ostdeutschen Kohl, die Einheit. Der Leipziger Historiker Rainer Eckert erklärte vor Kurzem, die Bürgerrechtlerszene sei heute "recht zerstreut, manche sind verbittert, weil sie wieder am Rand der Gesellschaft stehen. Die sagen: einmal Oppositioneller, immer Oppositioneller." Kaum ein Bürgerrechtler von 1989 jedenfalls ist Leitfigur geworden im neuen, vereinten Deutschland.

Doch, einer! Und damit sind wir beim Grund dafür angekommen, dass ich damals mit leichtem Ärger bei Hans-Jochen Tschiche angereist war, mit leichtem Groll: Als Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt werden sollte, erfüllte mich das mit Stolz. Ich fand den Grund für meine Freude – in diesem freien Land zu sein, in diesem Wohlstand, in diesem Lebensluxus – in der Geschichte dieses Präsidenten wieder. Und glaubte, die anderen Ostdeutschen – die Bürgerrechtler ebenso – würden seinen Erfolg als ihren Erfolg beklatschen. Einer der Ihren hatte es im Westen nach ganz oben geschafft!

Aber genau das legte man ihm zum Schlechten aus. Der Osten fiel Gauck in den Rücken. Es waren die Westdeutschen, die sich überbordend freuten. Aber die Tschiches und Schorlemmers? Schimpften. Hans-Jochen Tschiche setzte einen Brief auf, in dem solche Sätze standen: "Er", Gauck, "hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt." Und: "Endlich ist Gauck dort angekommen, wo er schon immer hinwollte – im konservativen Teil der westlichen Gesellschaft." Ja, schließlich schrieb Tschiche: "Gauck ist die falsche Person."

Gauck sei eitel, unendlich eitel

Bin ich denn satt, nur weil ich froh bin, ihn zu haben, den Westen?

Ist man weniger Bürgerrechtler, wenn man erst im Herbst 1989 vor die Kirche trat? Ein Systemliebhaber war Gauck gewiss nicht. Warum also so kleinmütig? Warum musste er Gauck das Bürgerrechtlersein absprechen, fragte ich Tschiche. Weil es ihn so störte, dass nach 1989 jeder behauptete, vor 1989 dabei gewesen zu sein? Da sagte Tschiche, dass Gauck, obwohl der kein Widerständler gewesen sei, als angeblicher DDR-Oppositioneller die Sympathien der Wessis einheimse. Denen biedere er sich an. Gauck sei "satt", weil er so zufrieden sei mit dem Westen. Und er sei eitel, unendlich eitel.

Bin ich dann auch satt, weil ich sehr froh bin, dass ich ihn habe, den Westen? Das hätte ich Tschiche fragen sollen, aber es fiel mir in dem Moment nicht ein. Ich fragte ihn, ob er das Gefühl habe, dass allzu viele Menschen sich auf die Fahne schrieben, Revolutionäre zu sein. "Es ist doch amüsant", antwortete Tschiche. "Alle haben in der DDR angeblich mit den Zähnen geknirscht. Bloß – man hat es nicht gehört. Alle haben die Fäuste geballt! Hatten aber die Hände in der Tasche." Die Staatssicherheit habe 1.500, vielleicht 2.000 Menschen zur DDR-Opposition gezählt, darunter einen harten Kern von etwa 60 Leuten, zu denen habe er, Tschiche, gehört, 60 in der ganzen DDR! "Vielleicht gab es noch bis zu 5.000 Sympathisanten. Das war dann schon die Opposition", sagte Tschiche.

Spätestens vom Anfang der 1980er Jahre an, so erzählte er mir, habe der Staat versucht, Jagd auf ihn zu machen. Geschützt habe ihn, dass er im Westen publiziert hatte, der Westen und die Kirche seien jeweils seine "Schutzmantelmadonna" gewesen.

Sein Mut hat mich beeindruckt. Vielleicht kann man von einem, der für die Gerechtigkeit im Allergrößten kämpfte, für die Gerechtigkeit eines ganzen Volkes, nicht auch im allerkleinsten Gerechtigkeit erwarten? Darf so einer nicht im Detail auch mal unfair sein? Womöglich hatte Tschiche auch ein bisschen recht, vielleicht wagte sich Gauck wesentlich später aus der Deckung und ist nur Bürgerrechtler zweiter Klasse. Vielleicht kann man auch von einem wie Tschiche, der alles aufs Spiel gesetzt hat für das Ende einer Diktatur – vielleicht kann man von so einem auch nicht das maximale Verständnis erwarten, wenn er das Gefühl hat, ein Dritter profitiere von seinem Erfolg. Und mutet dieses Gefühl auch noch so absurd an. Das kann einen versöhnen mit Tschiches Sicht auf Gauck. Das muss einen versöhnen. Mich hat es versöhnt.

Die Bürgerrechtler, das ist mein Gefühl, sind bis heute stolz auf eine DDR, die sie gerne erschaffen hätten – und unglücklich, dass diese nie kam. Ich bin stolz auf die Wiedervereinigung, die ohne die Bürgerrechtler nie gekommen wäre. Ich kann glücklich sein über die Folgen ihrer Tat, auch wenn sie mit ihrer Tat etwas ganz anderes bezweckten. Vielleicht muss man das einander nur oft genug sagen. Im Prinzip geht es den Bürgerrechtlern von 89 wie den Weltmeistern von 90: Man vergisst ihre Tat nicht, aber man vergisst die, die es getan haben. Andere Länder lieben ihre Freiheitskämpfer, wir Deutschen respektieren sie allenfalls. Warum fangen wir nicht an, sie zu lieben? Wir, die dritte oder vierte Generation der in der DDR Geborenen, könnten aufhören, um die Bürgerrechtler herumzuschleichen wie ängstliche Kinder. Wir sind erwachsen, wir können ihnen Mut machen.

Die Trauerfeier für Hans-Jochen Tschiche fand an einem wunderschönen Nachmittag statt, in Magdeburg auf dem Westfriedhof, am 3. Juli 2015. Ich bin hingegangen, weil ich fand, dass ich das unserem Gespräch schuldig bin, und damit ihm. Ich hätte ihn noch viel mehr fragen sollen, damals, in Satuelle. Das Dorf wird übrigens Sa-tu-el-le ausgesprochen, wie man’s schreibt, sagte Tschiche.