Kinderarbeit gehört in vielen Regionen mit großer Armut zum Alltag. Die UN-Entwicklungsziele sollen auch daran etwas ändern. © Daniel Berehulak/Getty Images

Noch sind die Bilder der Regierungschefs vor Alpenpanorama nicht verblasst, ist der G-7-Gipfel in Elmau nicht vergessen, da geht es schon wieder ums große Ganze. Bei der Weltkonferenz zur Entwicklungsfinanzierung treffen sich kommende Woche die 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen in Addis Abeba, um über Geldquellen zur Bekämpfung von Hunger, Epidemien, Armut und Ressourcenknappheiten zu beraten. Es ist erst der Auftakt für das Super-Entwicklungsjahr 2015: Im September folgt der UN-Gipfel zur Nachhaltigkeit in New York, im Dezember die UN-Klimakonferenz in Paris. So viel Bemühen einer angespannten Welt um eine gemeinsame Sache war selten.

Während jedoch schon im Vorfeld des Elmauer Treffens vermeintliche "Jahrhundertversprechen" diskutiert wurden, herrscht vor Addis Abeba eher Funkstille. Weltkonferenz? Da kommt doch außer schönem Gerede eh nichts heraus, scheinen viele zu denken. Das aber täuscht.

Denn in Äthiopien könnten wichtige Weichen dafür gestellt werden, dass die Vereinten Nationen sich im September in New York auf neue "nachhaltige Entwicklungsziele" für die kommenden 15 Jahre einigen. Diese Sustainable Development Goals (SDGs) sind das umfassendste Programm, das die UN je in Angriff genommen haben. Formuliert haben es Experten und Diplomaten im Gespräch mit der Zivilgesellschaft. Es ist der Versuch, Ökologie, Ökonomie und soziale Werte zusammenzuführen; drei Dimensionen, deren Widersprüche Elend und Krisen auslösen, etwa in Gestalt von Entwaldung, Landkonflikten, Massenflucht. Gemeinsam sollen die globalen Probleme gelindert werden: "For People and Planet".

Die Einigung wäre auch deshalb ein Erfolg, weil mit den SDGs zugleich die historisch eingefahrenen, hierarchischen Rollen der Entwicklungshilfe passé wären. Denn künftig wären nicht nur arme "Nehmerländer" gezwungen, sich zu verändern. Auch die reichen "Geber" müssten sich darauf verpflichten, ihr Leben und Wirtschaften zukunftstauglich auszurichten. Die SDGs machen alle Nationen zu Entwicklungsländern.

So fordern sie, gesunde Nahrung, Bildung und Gesundheit für alle zu gewährleisten – nicht nur in Somalia, sondern ebenso in den USA oder Deutschland. Globale Handels- und Migrationsgesetze sollen die Ungleichheit auch zwischen den Staaten verringern. Die Wohlhabenden sind aufgefordert, ihren Konsum ressourcensparend zu überdenken. 169 Überprüfungskriterien sind Messlatten für Zwischenbilanzen. Das Zieljahr ist 2030, bei den dringlichsten Problemen wie dem Waldschutz schon 2020.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Das klingt zunächst überfrachtet, schwammig und wohlfeil, ist vor lauter Kompromissen teils widersprüchlich. Sind solche Ziele also völlig realitätsfern? Nicht unbedingt. Das zeigen gerade die Vorgänger der SDGs, die Millennium Development Goals (MDGs).

Im Jahr 2000 wurden diese Jahrtausend-Entwicklungsziele von den UN-Mitgliedsstaaten verabschiedet, um weltweit die Armut niederzuringen. Auch damals gab es ganz konkrete Vorgaben wie etwa "die Senkung der Kindersterblichkeit von unter Fünfjährigen um zwei Drittel zwischen 1990 und 2015". Und noch immer leiden viel zu viele Menschen an Hunger und Perspektivlosigkeit. Doch heute kann man vorrechnen, dass die Kindersterblichkeit tatsächlich erheblich gesunken ist und sich die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser halbiert hat. Mehr Kinder gehen zur Schule, der Kampf gegen Malaria und andere Infektionskrankheiten war vielerorts erfolgreich. Und wer hätte im Jahr 2000 daran geglaubt, dass 2013 rund acht Millionen Afrikaner Medikamente gegen Aids bekommen könnten?