Welche Institution in Deutschland versammelt über eine Million Helden? Wer rennt hin, wenn alle weglaufen? Und wer hat noch einen Frauenanteil im einstelligen Prozentbereich und ein umso breiteres Angebot an sexistischen Kalendern? Die Feuerwehr. Eine Institution, die selbst im digitalen Zeitalter bei Kindern (und vielen Erwachsenen) noch immer ungebrochene Attraktivität genießt.

Doch auch die Feuerwehr wird vom Zeitgeist nicht verschont und hat mit demografischem Wandel und Skepsis gegenüber dem Vereinsleben zu kämpfen. Das Personal, ob Freiwillige oder Profis, droht knapp zu werden. Wie die Branche darauf reagiert, ließ sich im Juni auf der Interschutz in Hannover besichtigen, der Welt-Leitmesse für Rettung, Brand-/Katastrophenschutz und Sicherheit. Alle fünf Jahre findet dieses Fachtreffen statt. Auch die Interschutz 2015 war wieder ein Paradies für Freunde langer Drehleitern, etwa des auf 112 Meter ausfahrbaren Bronto Skylift; für den modebewussten Brandbekämpfer, angesagte Schutzanzugfarbe ist derzeit Beige; oder für die Wahl des Toughest Firefighter Alive. Doch abgesehen von solchen bewährten Attraktionen, gab es auch technisch Neues zu besichtigen.

Denn die Antwort der Feuerwehr auf den Personalmangel lautet wie anderswo: Digitalisierung, Automatisierung, Robotik. Erste elektronische Kollegen sind schon im Einsatz, so der Löschroboter LUF 60 bei der Hamburger Feuerwehr, der aus Österreich stammt und wohl deshalb an eine fahrbare Schneekanone erinnert. Sein großer Bruder LUF 120, auf der Interschutz erstmals zu sehen, wirkt dagegen wie eine Kreuzung aus Star Wars- Jäger und der Lokomotive Emma. Solche Roboter können löschen, aber auch in gefährlicher Umgebung messen und die Kommunikation mit Verunglückten aufnehmen. Der Markt dafür ist seit Fukushima mächtig in Bewegung geraten.

Auch Drohnen sind ein unübersehbares Messethema. Wo heute jeder Dreikäsehoch die Nachbarschaft mit seinem Quattrokopter ausspionieren kann, will die Feuerwehr auf Luftaufklärung nicht verzichten. Eine bessere und schnellere Lagebeurteilung versprechen sich die Profis von Aufklärungsdrohnen, die Radioaktivität messen, Feuer detektieren und 3-D-Bilder versenden können. Der bestaunte Messehammer war die fast drei Meter lange Riesendrohne des Gemeinschaftsprojektes Proteus, das die Feuerwehr Hannover mit der polnischen Feuerwehr Poznań durchführt. Das Biest (Spannweite 6,40 Meter) kann von einem Katapultanhänger starten, acht Stunden in der Luft bleiben, aus bis zu 4.000 Metern Höhe Brände entdecken und sogar den Brennstoff bestimmen.

Beeindruckende Zahlen sind der Treibstoff jeder Messe; auch solche: 200.000 Mal brennt es in Deutschland pro Jahr, 400 Tote sind zu beklagen. Merkwürdig nur, dass diese Zahlen sich seit Jahrzehnten nicht verändert haben. Um an aktuelle Daten zu kommen, ist die Feuerwehrforschung auf Google News angewiesen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Doch gibt es überhaupt so etwas wie eine akademische Feuerwehrforschung? Fragt man Experten, winken diese meist genervt ab: Feuerwehr ist Ländersache, da wurschtelt jeder vor sich hin. Daten werden nicht gesammelt oder sortiert; so entscheidet man lebenswichtige Fragen nach Pi mal Daumen. "Die Sicherheitsforschung an sich ist eine sehr junge Disziplin. In der Vergangenheit basierten Entwicklungen und Innovationen oftmals ausschließlich auf Erfahrungen, Abschätzungen und Bauchgefühl", sagt Dirk Aschenbrenner, Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes in Altenberge bei Münster.

Das gilt auch für die, neben der Notrufnummer 112, wichtigste Zahlenkombination der Zunft. 10 : 8 lautet die magische Quote der meisten Brandschutzbedarfspläne in Deutschlands Städten. Der Quotient besagt: Ist in der Stadt ein Feuer ausgebrochen, müssen mindestens zehn Feuerwehrleute nur acht Minuten nach dem Alarm am Brandort sein.