Mit diesem Foto aus dem Gazastreifen gewann der Fotograf 2013 den begehrten World Press Photo Award. Später wurde ihm vorgeworfen, er habe auf dem Bild nachträglich irreale Lichtverhältnisse geschaffen. Den Preis durfte er behalten. © Paul Hansen/Reuters

Jedes historische Ereignis braucht heute sein Foto, jeder Krieg und jede Krise, jedes Gipfeltreffen und jeder Rekordversuch, deshalb brauchte auch Martin Szwed eines. Ein Selbstporträt, einen Ich-war-hier-Schnappschuss vom Ende der Erde. Denn die Welt glaubt keinem 33-Jährigen aus Balingen am Rand der Schwäbischen Alb, der behauptet, er sei zum Südpol gerannt. Die Welt will ein Foto sehen.

Martin Szwed ist Bergsteiger und Abenteurer von Beruf. Zum Jahreswechsel 2014/15 brach er in die Antarktis auf. Und wenn seine Geschichte stimmt, schaffte er es in 14 Tagen und 18 Stunden vom Mount Vinson zum Südpol, so schnell wie kein Mensch vor ihm. Auf seiner mehr als tausend Kilometer langen Tour hätte Szwed sterben können. Ein Schneesturm, Erfrierungen, ein gebrochenes Bein: Das Ende kennt viele Optionen. Dass Szwed allerdings über sein Selbstporträt stolperte, "über so eine Scheiße", wie er sagt, das erstaunt ihn bis heute.

Denn die Welt vergibt vieles. Ein manipuliertes Foto allerdings nie.

Es ist ein Tag im Sommer 2015, an dem Szwed von seinem Absturz erzählt, ebenso heftig wie hilflos gestikulierend sitzt er auf dem Sofa seiner kleinen Wohnung, ein Mann mit Pferdeschwanz und sehnigen Armen, zu seinen Füßen eine Husky-Dame namens Dakota. "Sehen Sie", sagt Szwed und klappt seinen Laptop auf, "hier sind die Bilder." Eine flache Eiswüste, ein Schlitten, der blaue Himmel. Aber kein Foto von Martin Szwed am südlichsten Punkt der Erde.

Er sei "völlig fertig" gewesen, sagt Szwed. Er habe um drei Uhr nachts sein Ziel erreicht, irgendwie habe er mit seinem Handy kein Selbstporträt hinbekommen, das sowohl ihn als auch die Markierung des Südpols zeigt.

Bilder gehören zum Geschäftsmodell eines Extremsportlers. So wie Entdecker früher bei ihrer Rückkehr Gold und Gewürze vorzeigen mussten, muss ein Abenteurer wie Szwed von seinen Reisen wertvolle Fotos mitbringen.

Und plötzlich gab es was zu sehen. Jemand montierte ein Porträt von ihm, Szwed, in ein Südpol-Bild aus dem Internet und schickte das Ergebnis an die Medien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Szwed sagt, einer seiner Sponsoren müsse es gewesen sein. Es sei nicht um Betrug gegangen, man habe halt nur ein Foto gebraucht. Das Bild sei mit dem Hinweis "Composing", Montage, versehen gewesen. Sagt Szwed. Der Hauptsponsor sagt: Wir haben das montierte Bild von Szwed bekommen. Weitere mögliche Fotofälscher können sich nicht äußern, Szwed benennt sie nicht.

Erst zweifelten nur ein paar Konkurrenten an Martin Szweds Lauf zum Pol. Konnte er wirklich so schnell gewesen sein? Es wäre eine Debatte unter Experten und Extremisten geblieben, hätte nicht die Nachrichtenagentur dpa ein paar Zeilen über den Rekordstreit geschrieben, hätte sie nicht das montierte Foto dazugestellt – und es kurz darauf zurückgezogen mit dem Hinweis, einer Manipulation aufgesessen zu sein. Die Lichtverhältnisse stimmten nicht. In Szweds spiegelnder Brille fehlten die Hände, die man bei einem Selbstporträt sehen müsste. Und das Wort Composing war auch irgendwo auf dem Weg zum Leser verloren gegangen. Auf einmal sah es so aus, als habe Szwed mit Absicht betrogen.

Augenblicklich begann der Absturz des Martin Szwed. Spiegel Online schüttete Spott ins Netz, die Süddeutsche Zeitung schrieb von "Verarsche am Arsch der Welt". Szweds Hauptsponsor lässt den Vertrag ruhen, die Gipfelbilder auf seiner Homepage werden angezweifelt, all seine Touren rund um die Welt. Sein ganzes Leben ist jetzt mit dem Etikett "angeblich" versehen. Ist Szwed ein Lügner? Oder war er wirklich am Pol und hat sich mit einer Dummheit um den Ruhm gebracht?

Dass Reinhold Messner im Himalaya einem Bären hinterherjagt, den er für den Yeti hält: skurril. Dass Martin Szwed seinen Lauf zum Pol mit einem gebastelten Bild illustrieren wollte: ein Skandal.

Stellen Sie, liebe ZEIT-Leser, sich manchmal die Frage, ob die Fotos, die Sie in der Zeitung sehen, alle echt sind? Dann sind Sie nicht allein. Den Menschen, die professionell mit Fotos zu tun haben, geht es inzwischen ähnlich. Fotografen und Bildredakteure, Kunstprofessoren und Wissenschaftler, sie alle streiten über Manipulation im Fotojournalismus. Es geht um die technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters. Es geht auch darum, unter welchen Bedingungen Fotografen heute arbeiten müssen. Vor allem aber geht es um die Grenze zwischen "echt" und "gefälscht". Um die Frage, wo genau diese Grenze verläuft. Und wie oft sie überschritten wird.

So wie auf diesem Foto eines Raketentests im Iran, das eine französische Nachrichtenagentur vor einigen Jahren verbreitete. Das Foto erschien auf den Titelseiten der Los Angeles Times und der Financial Times, die BBC und die New York Times benutzten es für ihre Websites. Es wirkte wie ein Beweis für die militärische Potenz des iranischen Regimes.

Aber das Foto war gelogen. Iranische Staatsmedien hatten es offenbar manipuliert. In Wahrheit hatte eine der Raketen nicht gezündet, sie blieb am Boden.

Auch eine Lüge: das angebliche Foto des getöteten Osama bin Laden, das durchs Internet zirkulierte, bis hin zu den Websites einiger Zeitungen. Betrachter fanden schnell heraus, dass es schon entstanden war, als Bin Laden noch lebte – eine Komposition aus zwei Bildern, das eine zeigte Bin Laden, das andere eine unbekannte Leiche.

Und noch eine Lüge: Beirut nach einer Bombardierung durch Israel im Jahr 2006. Der libanesische Fotograf erfand extra viel Brandrauch dazu. Das wirkt spektakulärer. Die Nachrichtenagentur Reuters verbreitete das Bild und musste es später zurückziehen. Einem Blogger war aufgefallen, dass der Rauch allzu symmetrisch in die Luft stieg. Der Fotograf verlor seine Stelle, sein komplettes Archiv verschwand aus der Datenbank.

Ein Angebot zur Lüge schließlich das Reportagebild aus dem Irak: Links hält ein US-Soldat dem Gefangenen eine Waffe an den Kopf, rechts bietet ein anderer eine Wasserflasche an. Man kann die Aussage dieses Fotos zuspitzen, wenn man entweder die eine oder die andere Seite abschneidet. Die US-Armee als Killer, die US-Armee als Freund.

Hätten Sie Angela Merkels Schweißflecken vermisst? Würden Sie das Bild des älteren Mannes namens Joe Biden, der sein Auto wäscht, als Fälschung erkennen, wenn Sie nicht wüssten, dass sich US-Vizepräsidenten kaum so fotografieren lassen? Oder diese Befehlsgeste, Soldat mit Waffe gegen Zivilist mit Baby: Hätten Sie sie entlarvt als Behauptung einer Begebenheit, die es nie gegeben hat? 

Und dann ist da noch diese Zahl, die vor Kurzem zu lesen war. 22 Prozent. Fast ein Viertel aller Einsendungen in der letzten Runde beim World Press Photo Award, dem weltweit wichtigsten Wettbewerb für Fotojournalisten: aussortiert wegen zu starker digitaler Bearbeitung. "Fassungslosigkeit", "Erstaunen", "du kannst es nicht glauben" – solche Worte hört man, wenn man mit Mitgliedern der Jury spricht. Und fragt sich, ob die besten Fotoreporter der Welt nur eine Bande von Betrügern sind.