Hoch das Bein: Die Frauen-Mannschaft des Vosslocher SV beim ersten Training © Isadora Tast für DIE ZEIT

In der Kabine gibt es Prosecco. Zwei Flaschen liegen in einem weißen Bottich auf einem weißen Stehtisch, eine mit grünem Deckel, eine mit pinkem Deckel. "Die Frauen", sagt Jochen Lenz, "die trinken doch am liebsten so ’nen Hugo." Und weil Jochen Lenz, der zweite Vorsitzende des Vosslocher SV, glaubt, dass sich die Frauen über so ’nen Hugo am meisten freuen, hat er ihnen zur Begrüßung die Flaschen besorgt und zwanzig Gläser dazu. Echte Sektgläser aus Glas natürlich, gehört sich ja so.

In der Kabine, in der jetzt der Sekt steht und sonst noch niemand ist, es ist eine Stunde vor Trainingsbeginn, da wurde bis vor Kurzem auch getrunken. Nicht aus Gläsern, sondern aus Flaschen. Manchmal Wasser, meist aber Bier, kistenweise. Das war das Problem.

Der Vosslocher SV aus Bokholt-Hanredder, 1200 Einwohner, 40 Kilometer nordwestlich von Hamburg gelegen, hat ein Imageproblem. Die erste Mannschaft der Herren, also die wichtigste Mannschaft des Vereins, existiert nicht mehr. Entlassen wegen schlechter Führung. Sie soffen, sie pöbelten, griffen Gegner an, stritten sich mit Fans. "Wir haben einfach keine andere Möglichkeit mehr gesehen", sagt Jochen Lenz. Und da es einen Verein ohne erste Mannschaft zwar geben kann, aber nicht geben sollte, mussten sie eine Lösung finden. Sie suchten etwas, was dem Verein Hoffnung gibt. Was das Gegenteil von rüpelhaften Männern ist.

Sie fanden: Frauen.

"Wie wäre das, wenn wir statt der ersten Mannschaft Herren eine erste Mannschaft Frauen machen?", fragte Jochen Lenz seinen ersten Vorsitzenden, das war im Frühling, da hatten sie die Herren gerade rausgeschmissen, nachdem ihr letztes Spiel abgebrochen wurde – die Spieler hatten Jagd gemacht auf einen Fan des Gegners und ihn bis ins Clubheim verfolgt. Der erste Vorsitzende fand die Idee mit den Frauen super. Sie besprachen das im Vorstand, zwei Männer, sieben Frauen. Auch die Frauen fanden die Idee mit den Frauen super. Und deshalb läuft an diesem Mittwochabend Ende Juni zum ersten Mal eine Frauenmannschaft in Bokholt-Hanredder auf den Rasenplatz.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

17 Frauen sind gekommen zu diesem Training. 17 Frauen, die alle in der Zeitung von dem Projekt gelesen haben oder auf Facebook. Einige haben noch nie gespielt, sie fanden einfach den Gedanken gut: einen Verein, der ganz auf Frauen setzt, wow. Einige haben schon in anderen Vereinen gespielt, früher mal, und wollen jetzt wieder anfangen, wie die Spielertrainerin, schwanger im siebten Monat.

Nach dem Warmlaufen ruft die Spielertrainerin: "Trinkt noch mal was, Verena ist jetzt da, die wird euch ordentlich zum Schwitzen bringen." Verena ist Fitnesstrainerin. Sie gibt sonst Kurse im Vosslocher SV, die Namen tragen wie deepWork. Jetzt macht sie die Fußballfrauen fit. Sie laufen, ziehen die Fersen hoch, ziehen die Knie hoch. Dann nehmen sie die Liegestützposition ein und gehen mit den Füßen langsam zu den Händen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Eine Frau ruft: "Wer kam eigentlich auf die Idee, hier mitzumachen?" Die Spielerinnen lachen. Sie schwitzen.

Jochen Lenz schwitzt nicht. Er sitzt ein paar Meter vom Platz entfernt auf der Veranda des Vereinsheims. Trinkt ein Bier, raucht eine Zigarette. Das auf dem Platz sei jetzt die Sache der Frauen, sagt er, damit habe er nichts zu tun. Ihn macht das glücklich. Endlich geht was los, endlich gibt es etwas, worauf er sich freuen kann, nach all den Jahren, in denen sein Verein nur dann wahrgenommen wurde, wenn es wieder ordentlich Streit gab.

7. April 2005: Spieler werfen mit Flaschen, Spieler prügeln sich mit der Mannschaft der Alten Herren des eigenen Vereins. Der Vosslocher SV meldet zum ersten Mal seine erste Herrenmannschaft ab.

15. April 2013: Der Vosslocher SV hat eine neue erste Fußballmannschaft der Herren aufgebaut, der Verein steht trotzdem kurz vor dem Ende, weil niemand bereit ist, den Vorsitz zu übernehmen. Erst ganz am Ende der Mitgliederversammlung lassen sich zwei Männer aufstellen: Einer ist Jochen Lenz, der Mann, der später die Frauenfußball-Idee haben wird.

26. September 2014: Das Hamburger Sportgericht verurteilt den Vosslocher SV zu einer Strafe von 500 Euro, weil Spieler auf ihre Gegner eingeprügelt haben.

29. März 2015: Ein Spiel zwischen TSV Seestermüher Marsch II und dem Vosslocher SV wird nach 70 Minuten abgebrochen, weil ein Fan von Seestermühe Vosslocher Spieler rassistisch beleidigt und die Spieler auf ihn losgehen und ihn verfolgen, bis ins Clubheim.

1. April 2015: Der Vosslocher SV meldet zum zweiten Mal seine erste Herrenmannschaft ab.