Es gibt keinen deutschen Autor der klassischen Epoche, der einen weiteren Horizont hatte – in des Wortes einfacher und doppelter Bedeutung. Fast noch ein Teenager, segelt Georg Forster mit James Cook um die Erde, bis an die Eisgrenze der Antarktis, lebt später zwischen London und Wilna, Mitglied aller Akademien Europas, und begreift 1789 als einer der ersten deutschen Intellektuellen, was die Stunde geschlagen hat. In seinen Schriften wirft er einen Blick von der Alten Welt auf die für Europa neue, und wagt zugleich von dieser Neuen Welt einen Blick zurück auf die Alte. Eine singuläre Natur- und Gesellschaftserfahrung verbindet sich hier mit weltpolitischer Einsicht. Und wenn die Berliner nicht so rührend provinziell wären, würden sie ihren neuen Palast der Republik, dessen skurriles Betonskelett irgendwie ans KaDeWe erinnert, statt Humboldt-Forum Forster-Forum nennen – nach Alexander von Humboldts verehrtem Lehrer und Mentor, dem ersten Globalautor deutscher Sprache.

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Wegen seiner Liebe zur Freiheit, zu Gleichheit und Brüderlichkeit nannte Georg Forster sich selbst "für Deutschland verloren". Tatsächlich galt das in den Jahren nach seinem frühen Tod 1794, als sich nur noch wenige, wie Humboldt, Goethe und Friedrich Schlegel, zum einst Gefeierten, nunmehr Verfemten bekannten. Doch alle Versuche einer Damnatio Memoriae, vor allem im dunklen deutschen Jahrhundert zwischen 1849 und 1945, misslangen.

Immer wieder hat sein interkulturelles, voll Neugier in die Welt ausgreifendes Werk inspiriert, sein Schicksal berührt. In historischen Dramen und populären Romanen (Ina Seidel!) lebte er weiter, und wenn er auch aus den brunznationalen Goldschnitt-Editionen verbannt blieb, so gab es doch etliche Neuauflagen seiner Bücher. Die Akademie der Wissenschaften in Berlin begann noch zu DDR-Zeiten eine monumentale Ausgabe sämtlicher Schriften; dazu sind neben ungezählten Aufsätzen (viele davon gesammelt in den bislang 19 Bänden der Kasseler Georg-Forster-Studien) im Lauf der letzten Jahre gleich mehrere Biografien erschienen. Jetzt, angeregt auch durch den Sensationserfolg von Forsters Reise um die Welt in der "Anderen Bibliothek", hat sich der Philosophiehistoriker Jürgen Goldstein erneut darangemacht, Forster zu ergründen.

Allerdings will er nicht, wie Klaus Harpprecht oder Ulrich Enzensberger in ihren Büchern, ein tragisches "Leben in Scherben", ein bürgerliches Trauerspiel inszenieren, sondern die Linien des Forsterschen Denkens nachziehen. Goldstein geht es um die Erfahrungslebenslehre, um die ambivalente Natur- und Geschichtsphilosophie Forsters vor dem Hintergrund der anthropologischen Debatten seiner Zeit. Am Anfang steht dabei natürlich der überwältigende Eindruck der dreijährigen Weltreise, zu welcher der 18-Jährige 1772 von England aus aufbrach.

Das Buch macht noch einmal deutlich, was das im 18. Jahrhundert hieß, die Welt zu umrunden, auf Captain Cooks Resolution, einem umgebauten Kohletransporter, in einer Nussschale von Schiff bis an den Rand des Eises und der Finsternis vorzudringen. Es war eine Expedition in den Weltraum, und diese monströse Erfahrung sollte Forsters Blick auf Leben und Politik, Natur und Geschichte für immer bestimmen.

Goldstein evoziert, Forsters packender Beschreibung folgend, das Bild des südlichen Eismeers, die Erfahrung des Beinahe-Verschollengehens (die Resolution verliert den Kontakt zum Schwesterschiff Adventure), das Verstummen allen Lebens in der grau-weißen Leere und die lauernde, tödliche Gefahr für das Schiff, das zwischen den träge treibenden Eisbergen im Nebel mühsam seinen Weg sucht. Es ist eine Urerfahrung der Allmacht der Natur und der Ohnmacht des Menschen. Und seiner Kunst und Freiheit, es doch zu schaffen, sein Glück noch zu zwingen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Hinzu kommt die zweite große Erfahrung: die Entdeckung der Egalität. Da ist zum einen die Gesellschaft des Schiffes. So streng die Ränge und Befehlsketten drücken, so bildet die Mannschaft doch in der Not eine Gemeinschaft der Gleichen. Selbst der Kapitän ordnet sich ein, wird zum einfachen Mann an Deck: James Cook, das Tagelöhnerkind, das zum Idol seiner Zeit aufgestiegen ist.

Und da ist die Begegnung mit den Gesellschaften der Südsee. Forster weiß: Den edlen Wilden, den idealen Menschen vor aller Zeit oder Zivilisation gibt es nicht. Es gibt nur andere Zivilisationen und Ordnungen. Sind sie besser, sind sie schlechter als die in Europa? Sind sie einfach nur zurück? Oder gibt es Elemente, die in die Zukunft weisen?

Die allmähliche Verfertigung des Freiheitsgedankens beim Reisen – nirgendwo können wir sie schöner beobachten als in Forsters weltweisem Bordbuch. Von der Resolution in die Revolution: Goldstein streift die weiteren Lebensetappen nur, die Londoner Zeit, die arbeitsreichen Jahre an der Universität in Wilna, Forsters Leiden schließlich als Bibliothekar am kurfürstlichen Hof zu Mainz. Die ärmliche, groteske deutsche Duodezwelt bedrückt ihn, wie könnte es anders sein? Immer wieder plant er neue Reisen, wenigstens den Rhein hinunter.