Es gab da mal ein Musterland. Okay, dort lebten Sklaven. Aber sonst: Der Staat war demokratisch organisiert. In diesem Musterland regierten die vielen und nicht die wenigen; die Menschen waren gleich vor dem Gesetz; öffentliche Ämter erlangten sie nach Befähigung und nicht durch Klientelismus; und es galt die Annahme, dass sie frei sind.

Das klingt nach einem Land, das ganz gut in die Europäische Union von heute passen würde. Es war seiner Zeit nur weit voraus, die EU gab es vor 2.700 Jahren noch nicht. Die Polis war ein antiker Stadtstaat und hieß Athen.

Von dem Musterland ist heute nicht mehr viel übrig. Manche Ökonomen nennen Athens Nachfolger in der Neuzeit seit einigen Monaten sogar einen gescheiterten Staat.

Dieses moderne Griechenland droht Europa gerade zu zerreißen. Die gängige Erzählung ist, dass der Euro das Land kaputt gemacht hat und dass die Sparvorgaben der anderen Euro-Staaten es nun noch kaputter machen. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Es unterschlägt einen großen Teil der Geschichte: Griechenlands Wirtschaft war schon lange zuvor auf dem Weg des Scheiterns. Die Euro-Krise ist nur ein Symptom viel tiefer liegender Probleme, die sie nun verstärkt.

Im Griechenland von heute ist der Staat zum Gegner vieler Bürger geworden. Die Prinzipien des antiken Athens haben sich vielerorts in ihr Gegenteil verkehrt. Es machen wenige Politik auf Kosten der vielen, Nepotismus und nicht Befähigung bringt Menschen in Ämter, das Justizwesen und die Steuerbehörden behandeln nicht alle Menschen gleich. Das Land, das vor 2.700 Jahren so reich war an politisch-kulturellem Kapital, ist heute sehr arm an diesem Kapital und auch an wirtschaftlicher Kraft.

Viele Griechen wollten das ändern und wählten deshalb zu Beginn des Jahres die linksradikale Partei Syriza in die Regierung. Die versprach, Griechenland wieder ein bisschen mehr wie das antike Athen zu machen, ohne Nepotismus und Korruption. Außerdem versprach sie, sich gegen die Sparpolitik der anderen Euro-Staaten und die Forderungen der Gläubiger des Landes zu wehren, die, das bestreitet inzwischen nicht einmal mehr der Internationale Währungsfonds (IWF), die ohnehin große Armut im Land noch vergrößert hatten.

An der Macht, kümmerten sich die neuen Herrscher dann vor allem um das Versprechen, die Feinde außerhalb Griechenlands zu bekämpfen. Die Schuld an Arbeitslosigkeit und Armut gaben sie den Gläubigern und den Euro-Staaten. Um die Feinde im Inneren, die keine Steuern bezahlten und ihr Geld ins Ausland schafften, kümmerten sich der Regierungschef Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis kaum. Sie kümmerten sich auch nicht um jene Gruppen der wenigen, die Privilegien auf Kosten der vielen verteidigten.

Es gibt viel Forschung zur Frage, welche Rolle Institutionen beim Wirtschaftswachstum spielen. Bei allen Unterschieden gibt es einen Konsens unter den Wissenschaftlern: Die Sicherung von Eigentumsrechten, die Einhegung der Macht einzelner Gruppen, effiziente staatliche Dienste und wenig Korruption wirken sich positiv auf Wohlstand aus. Die gute Welt, die diese Forschung beschreibt, klingt ein bisschen nach dem antiken Athen.

Schwache Institutionen, schwache Wirtschaft, das klingt dann sehr nach dem modernen Griechenland. "Nach 1974 ließ der ökonomische und soziale Fortschritt (...) nach und führte schrittweise zur heutigen Krise, weil alle Institutionen, die den effizienten Betrieb von Demokratie und freien Märkten aufrechterhielten, bewusst und schwerwiegend untergraben wurden", schreibt der griechische Ökonom George Bitros.

Tatsächlich wurzeln die Probleme Griechenlands sogar noch tiefer. Es ging schon damit los, dass das Land die industrielle Revolution verpasst hat. Nach seiner Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlebte es zwischen 1830 und 1913: drei militärische Angriffe durch das Ausland, einen verlorenen Krieg, zwei gewonnene Kriege, zwei Militärputsche, mehrere politisch motivierte tödliche Attentate, elf Revolten gegen politische Entscheidungen und 85 (!) Regierungswechsel in drei Regierungssystemen (ein parlamentarisches, eine absolute und eine konstitutionelle Monarchie). "Es ist offensichtlich, dass in dieser komplexen und politischen Umwelt die ökonomischen Kräfte des Kapitalismus sich nicht entwickeln und Wachstum unterstützen können", resümiert der Wirtschaftswissenschaftler Ioannis-Dionysios Salavrakos in einer Studie über sein Land. Bis heute gibt es kaum nennenswerte Industrie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Der historische Blick setzt die Krise dieser Tage recht nüchtern ins Bild. Zu hohe Schulden waren für Griechenland in den vergangenen 200 Jahren ohnehin eher die Regel als die Ausnahme, es gab auch mehrere Staatspleiten. Selbst rigide Sparprogramme gab es schon. 1885 etwa traf es die Katze des Finanzministeriums. Ihre Stellenbeschreibung sah die Aufgabe vor, Akten fressende Mäuse zu fangen. Der Premierminister wies das Ministerium mit einer recht neoliberalen Begründung an, die fünf Drachmen für das Futter einzusparen: "Wenn die Katze ihre Arbeit sauber macht, braucht sie das Futter nicht, wenn sie ihre Arbeit nicht sauber macht, dann brauchen wir sie nicht."

So tief hat sich danach wohl kein Regierungschef mehr über das Organigramm seiner Verwaltung gebeugt, um herauszufinden, ob alle Staatsdiener in Griechenland dem Staat auch dienen. Der griechische Beamtenapparat wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vielmehr zum Symbol eines Staates, den sich zwei abwechselnd regierende Parteien zur Beute gemacht haben. Auch darin wurzelt die heutige Krise.