Eine Hebammenschülerin im Kreißsaal des Universitätsklinikums in Leipzig © Waltraud Grubitzsch/dpa

Diagnose: Milchstau. Und eine offene Brustwarze. Claudia Lowitz begutachtet den Busen der jungen Mutter, die vor elf Tagen ihren dritten Sohn zur Welt gebracht hat. "Retterspitz-Wickel", sagt Lowitz, ein altes Hausmittel aus Arnika, Thymol und Rosmarinöl. "Das zieht die Entzündung raus und lindert den Schmerz." Lowitz sitzt auf einer Bettkante im Münchner Stadtteil Au und nimmt den Säugling auf den Arm: Janosch, 56 Zentimeter groß, 4.100 Gramm schwer. Schon bei der Geburt ein kräftiger Junge. Jetzt weint er. Lowitz bettet den Kleinen auf ein Wickeltuch, knöpft den weiß-blauen Strampler auf, inspiziert den Rest der vertrockneten Nabelschnur und reinigt ihn sanft mit lauwarmem Wasser.

Claudia Lowitz, 50 Jahre alt, ist freiberufliche Hebamme. Wenn sie wieder auf ihr schwarzes Herrenrad steigt und zum nächsten Hausbesuch eilt, wird eine Stunde vergangen sein. Dafür wird Lowitz eine Pauschale von 31,35 Euro abrechnen, für die Anfahrt bekommt sie 66 Cent pro Kilometer. Brutto.

Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt. Und kaum einer ist schlechter bezahlt. "Ich habe nicht Hebamme gelernt, um reich zu werden", sagt Lowitz. Aber als sie sich vor 30 Jahren für den Beruf entschied, dachte sie, sie würde davon gut leben können. Heute, sagt Lowitz, sei Hebamme so etwas wie ein Hobby. Eines, das sich immer mehr Frauen nicht länger leisten können: Der Deutsche Hebammenverband (DHV), bei dem 90 Prozent der Hebammen hierzulande Mitglied sind, zählt bereits 25 Prozent weniger freiberufliche Geburtshelferinnen als 2009. Allein im Juni dieses Jahres haben 150 Verbandshebammen die Geburtshilfe aufgegeben.

Seit Jahren protestieren Hebammen gegen schmale Vergütungssätze und steigende Versicherungsprämien. Seit Jahren warnen Experten davor, dass Deutschland in Zukunft die Hebammen ausgehen könnten. Wenn man mit Müttern und Hebammen spricht, wird klar: Der Mangel ist kein Szenario, das in der Zukunft spielt. Er ist heute schon real. In manchen Städten werden Schwangere von überfüllten Kliniken abgewiesen, im Kreißsaal müssen sie sich oft eine Hebamme mit drei anderen teilen, überforderte Mütter finden keine Betreuung fürs Wochenbett. Und so geht es nicht nur um die Frage, wie Hebammen wie Claudia Lowitz über die Runden kommen sollen. Es geht auch darum, was einem Land, das Weltmeister im Nichtkinderkriegen ist, die Geburt seiner wenigen Kinder noch wert ist.

Nach Schätzung des DHV verdient eine Hebamme im Schnitt gerade mal 8,50 Euro die Stunde. Das ist gesetzlicher Mindestlohn. Eine Vollzeitangestellte im Krankenhaus kommt laut einem Bericht im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums auf 31.000 Euro brutto im Jahr. Freiberuflerinnen wie Claudia Lowitz bleiben nach Abzug der Betriebskosten durchschnittlich nur 26.000 Euro – vor Steuern.

Die Haftpflichtprämien haben sich in 15 Jahren verfünfzehnfacht

Das Geld ist aber nur das eine. "Wirklich zermürbend ist, dass wir nicht wissen, ob es uns nächstes Jahr überhaupt noch gibt", sagt Lowitz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Freiberufliche Hebammen müssen sich selbst versichern. Die Beiträge für die Berufshaftpflichtversicherung haben sich für jene, die Kinder entbinden, in den vergangenen 15 Jahren verfünfzehnfacht. Zum Juli sind sie erneut um 23 Prozent gestiegen – auf 6.274 Euro im Jahr. Nicht, weil den Hebammen heute mehr Fehler bei der Geburt unterlaufen als früher. Die Gerichte sprechen den Familien im Schadensfall nur deutlich mehr Geld zu. Zwar hat der Gesetzgeber die Krankenkassen zu einem Ausgleich der Mehrkosten verpflichtet, doch die Verhandlungen stocken seit Monaten.

Und im nächsten Sommer läuft der Vertrag mit dem einzigen verbliebenen Versicherungskonsortium aus, das Haftpflichtpolicen für freiberufliche Geburtshelferinnen anbietet. Wird er nicht verlängert, dürfen bald nur noch angestellte Hebammen arbeiten, die über ihre Klinik versichert sind – eine Minderheit. Der DHV schätzt, dass 80 Prozent aller Hebammen in Deutschland freiberuflich tätig sind.

Um sich die ständig steigenden Prämien zu sparen, haben viele freiberufliche Hebammen die Geburtshilfe aufgegeben. Sie bieten stattdessen Geburtsvorbereitungskurse an, Akupunktur oder Babymassagen. Das spart ihnen viele Tausend Euro im Jahr, weil die Versicherungsprämien bei der Vor- und Nachsorge von Schwangeren sehr viel niedriger sind. Und so hilft heute nur ungefähr jede dritte Hebamme überhaupt noch Kindern auf die Welt.

Was das für werdende Mütter bedeutet, kann man in München gut beobachten. Die Stadt wächst seit Jahren, und wo immer mehr Menschen leben, kommen auch mehr Kinder zur Welt. 21.000 Babys waren es im vergangenen Jahr, 20 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Tendenz steigend. Das Einzige, was nicht mitwächst, sind die Entbindungsstationen. Im vergangenen Jahr wurden 800 Schwangere von Geburtskliniken abgewiesen oder in andere Häuser verlegt, weil alle Kreißsäle belegt waren. Das geht aus einer Umfrage des Referats für Gesundheit und Umwelt unter den elf Geburtskliniken der Stadt hervor. Und noch etwas zeigt diese Umfrage: Frauen werden selbst dann abgewiesen, wenn die Wehen längst eingesetzt haben.

Bis auf eine Privatklinik gaben alle Einrichtungen an, bei der Geburtshilfe an ihre Grenzen zu stoßen. Sieben der elf Kliniken meldeten sich im vergangenen Jahr stunden- oder sogar tageweise von der Rettungsleitstelle ab, über die Notfälle auf die Kreißsäle der Stadt verteilt werden. Sie konnten keine Schwangeren mehr aufnehmen. Das Klinikum Schwabing etwa ist auf 1.200 Geburten im Jahr ausgelegt, zuletzt kamen dort aber 2.132 Kinder zur Welt. Beim Klinikum Dritter Orden müssen sich Frauen bis zur achten Schwangerschaftswoche für die Geburt angemeldet haben, um überhaupt noch einen Platz zu bekommen. Ein Zeitpunkt, zu dem viele gerade erst wissen, dass sie schwanger sind.