Viele Schriftsteller wohnen in Berlin. In Mitte, Prenzlauer Berg oder, die älteren Semester, in Friedenau. In Moabit wohnen sie eher nicht. Monika Rinck dürfte die einzige Kleist-Preisträgerin sein, die in diesem Kiez nordwestlich des Hauptbahnhofs zu Hause ist, seit 25 Jahren bereits, abgesehen von einem kurzen Aufenthalt im Wedding und, der einzige Glamourpunkt in dieser Wohnbiografie, in New Haven/Connecticut an der Yale University. Geboren wurde sie 1969 in Zweibrücken in der Westpfalz, kurz ging sie zum Studium nach Bochum, landete dann zum Wintersemester 1990/91 in der späteren Hauptstadt, gemeinsam mit ihrem Bruder, der auch heute als Bildhauer hier lebt.

Zwar habe Moabit inzwischen angefangen, sich zu verändern, sagt Monika Rinck, nachdem sie ihre Umhängetasche, an der ein schwarzer Fuchsschwanz baumelt, beiseitegestellt hat, aber gerade die Ecke Alt-Moabit/Kirchstraße ist noch weitgehend verschont geblieben von Designer-Boutiquen und schnieken Cocktailbars. Stattdessen die herkömmliche Abfolge von Fahrschule, Änderungsschneiderei, Blumenladen, außerdem eine iPhone-Klinik und anderes Kleingewerbe. Selbst die Automatenkasinos, so die Dichterin, würden in dieser Gegend entgegen allen Erwartungen nicht aussterben. Das idyllische Gartencafé hinter der Kirche Sankt Johannis, in dem wir uns treffen wollen, öffnet leider erst um 15 Uhr. Nicht zuletzt an ausreichend Publikum für gepflegten Mittagstisch scheint noch Mangel zu herrschen. Auf der Bücherbank vor der Kirche liegen, als wollten sie das krause Miteinander in dieser Ecke Berlins widerspiegeln, stapelweise Indiana Jones-Bände neben einer alten Nietzsche-Gesamtausgabe.

Sie habe manchmal das Gefühl, in einem Kinderbuch zu wohnen, sagt Monika Rinck, während wir ein anderes Café suchen. In ihrer Straße kenne sie jeden, und dem Dieter, der immer grüßend und rauchend auf der Bank gesessen habe, hätten die Nachbarn, als er starb, einen Gedenkstein errichtet.

Vielleicht, so denkt man, braucht es eine solche äußere Beschaulichkeit, um Gedichte zu schreiben, wie Monika Rinck es tut, Gedichte, in denen nichts gesichert ist, in dem das Denken vielmehr Achterbahn oder besser, wie es in mein denken aus dem Band zum fernbleiben der umarmung von 2007 heißt, in dem es Hoovercraft fährt:

ich hab heut mittag mein denken gesehen,

es war eine abgeweidete wiese mit buckeln.

wobei,

es könnten auch ausläufer bemooster

bergketten sein,

jener grünfilzige teppich, den rentiere fressen.

nein, einfach eine rege sich wölbende

landschaft jenseits

der baumgrenze, und sie war definitiv

geschoren.

die gedanken gingen leicht schwindelnd darüber

wie sichtbar gemachte luftströme, nein,

eigentlich vielmehr

wie eine flotte immaterieller hoovercrafts.

sie nutzten

die buckel als schanze.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Monika Rinck hat Geschichte, Religionswissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, und bis heute ist sie ein theorie- und gedankenhungriger Mensch geblieben. Von Roland Barthes springt sie im Gespräch zu Kierkegaard, um gleich darauf einen Satz zu zitieren, den Judith Butler irgendwo in diesem Buch geschrieben habe – "Na, wie hieß es noch? Egal!" Ihr wichtigster Lehrer aber sei kein toter Philosoph und auch kein Großdenker der Gegenwart, ihr wichtigster Lehrer sei der Religionswissenschaftler Lorenz Wilkens gewesen – weil er in seinen Seminaren noch den abwegigsten Einfall habe gelten und aufnehmen oder auch einfach habe stehen lassen können, ohne ihn zwanghaft mit anderen Gedanken zu versöhnen.

Auch in Rincks Gedichten stehen immer wieder scheinbar disparateste Dinge nebeneinander, die "Datenlage" verkehrt sich da in eine "Gartentrage", und zum Sellerie wird "Schnitzler" serviert. Gesicherte Erkenntnisse haben in Rincks Werk keinen Platz. Im Gegenteil, die Welt vermeintlicher Gewissheiten wird hier skeptisch beäugt: "Inzwischen wissen wir allerdings, dass weder das Weib noch der Mann / einen Penis besitzen. Kalifornischen Wissenschaftlern sei Dank."

Es ist nicht die Aufgabe des Gedichts, Erkenntnisse zu liefern. Der sich im Fernsehen oder auch in Zeitungen mitunter zur Manie auswachsende Trieb, für alles möglichst schnell möglichst handhabbare Erklärungen zu finden, steht dem Impetus der Dichtung diametral entgegen: Das Gedicht will infrage stellen, will das Denken aufwirbeln und die Wahrnehmung erweitern. Nicht in einem beunruhigenden oder aufrührerischen, sondern in einem an- oder gar erregenden Sinn.