Das Gartenzimmer im Hamburger Literaturhaus an einem strahlenden Junitag, vor den Fenstern glänzt die Alster, drinnen grüßen Großschriftsteller wie Heinrich Böll und Heiner Müller von den Wänden. Nach und nach trudeln Isabel Mundry, Sarah Nemtsov, Moritz Eggert und Johannes Maria Staud ein. Man kennt sich, die Branche ist klein. Richtig geredet aber haben die vier noch nicht miteinander.

DIE ZEIT: Was ist eigentlich los mit der neuen Musik? Sie wird gespielt, es gibt Aufträge, aber viel geredet wird nicht über sie. Wenn Intellektuelle zur Weltlage befragt werden, dann sind das Schriftsteller, Philosophen, Soziologen und allenfalls Theaterregisseure. Warum?

Moritz Eggert: Das Letzte, was die Welt in Sachen neue Musik aufgebracht hat, waren Karlheinz Stockhausens Äußerungen zum 11. September.

ZEIT: Als er den Angriff auf das World Trade Center 2001 zum "größten Kunstwerk" erklärte, "was es je gegeben hat".

Eggert: Danach hat man keinen von uns mehr gefragt. Stockhausen bediente das Klischee: der verwirrte zeitgenössische Komponist, der nur an seine Aufführungen denkt, an die Ästhetik, die Kunst, und den man nach anderem nicht fragen darf.

ZEIT: Dabei galten Musiker von jeher als besonders auskunftsfreudig und streitbar. Noch in den 1980er Jahren lieferten sich die Komponisten Hans Werner Henze und Helmut Lachenmann saftige Scharmützel. Im Kern ging es um die Frage, ob man im ausgehenden 20. Jahrhundert mit den gleichen musikalischen Mitteln arbeiten dürfe, der gleichen Harmonik, den gleichen Gattungen, wie schon Mozart und Brahms sie kannten. Henze tat das, aus Überzeugung. Oder ob die Postmoderne – das war Lachenmanns Position – nicht vielmehr zum ästhetischen Fortschritt verpflichtet sei. Lachenmann schrieb damals über Henze: "Es ist noch lange nicht gesagt, dass einer in der Tradition wurzelt, bloß weil er darin wurstelt."

Johannes Maria Staud: Es ist interessant, dass es bei Henze und Lachenmann gar nicht um Politik ging, um Gesellschaftskritik, sondern um musikalische Ethiken.

ZEIT: Mit dem Ergebnis, dass sich das breitere Publikum dafür nicht interessierte – und bis heute nicht interessiert.

Isabel Mundry: Ich höre aus Ihrer Eingangsfrage zweierlei heraus. Das eine: Warum werden wir nicht wahrgenommen? Das andere: Wie nehmen wir uns selbst wahr? Wenn wir von den 1950er, sechziger, siebziger Jahren sprechen, dann geht es um ein verhältnismäßig geschlossenes System mit einem ebensolchen Kulturbegriff. In dem Maß aber, in dem sich in der Welt und in der Kunst alles ausdifferenziert und verzweigt, haben es andere Künste leichter, ihre Medien sind oft gegenwartsnäher. Wir Komponisten operieren mit jahrhundertealten Instrumenten, Notationen, temperierten Stimmungen, mit der Konzertform, auch mit Stille, und es gibt gute Gründe, dem allem verbunden zu bleiben. Ästhetische Wahrnehmung kann auch nicht anschlussfähig sein.

ZEIT: Reden, streiten Sie darüber miteinander?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Sarah Nemtsov: Es gibt einen lebendigen Diskurs, nur viel zersplitterter als früher, allein über die Sozialen Netzwerke sind viel mehr Menschen involviert. Ich denke da an die Auseinandersetzung zwischen Johannes Kreidler und Claus-Steffen Mahnkopf ...

ZEIT: ... die sich 2010, erstaunlich spät, über die Frage in die Haare gerieten, welche Folgen die digitale Revolution für die musikalische Ästhetik haben könnte oder müsste.

Mundry: Aber der Musikbegriff, auf den man rekurriert, wenn man eine Partitur schreibt, der wird anders als früher wenig verhandelt. Wie fälle ich ästhetische Entscheidungen? Darüber redet kaum jemand. Die Diskussionen heute sind allgemeiner, beschäftigen sich zum Beispiel mit Handwerklichkeit versus Sampletechnik und solchen Dingen.

Staud: Man fragt: Nehme ich etwas aus dem Internet, found footage, vorgefundenes Material, und integriere es in meine Arbeit, oder glaube ich an das autonome Kunstwerk?

ZEIT: Und, glauben Sie daran?

Staud: Persönlich schon. Aber ist das wichtig? Mal ist das Kunstwerk offen, dann wird’s wieder geschlossen, dann schreibt mal wieder jemand eine Sinfonie ... Unabhängig davon, ob ich inspiriert bin von politischen Aktualitäten, von Dingen, die mir wehtun, die mich provozieren, ist Komponieren an sich etwas Abstrahierendes, sehr Zeitintensives, von daher hatte es die Musik schon immer schwerer mit der Tagesaktualität.

Eggert: Aber früher haben die Schnittstellen zur Gesellschaft besser funktioniert. Bach zu seiner Zeit hat heutige Musik geschrieben, weil er ständig mit seinem Publikum konfrontiert war. Jede Woche eine neue Kirchenkantate! Beethoven war ein politischer Komponist. Die Neunte ist politisch, die Eroica ohnehin. Wenn man seine Briefe liest, weiß man, der interessiert sich für seine Zeit, der diskutiert darüber. Diese Schnittstellen gäb’s ja für uns heute theoretisch auch ...

ZEIT: Eigentlich noch viel mehr!

Eggert: Richtig, aber die Komponisten müssen sich schon selber an die Nase fassen. Ich glaube, der Grund, warum wir im intellektuellen Diskurs keine Rolle spielen, ist derselbe, warum man den Pudelzüchterverein Barmbek nicht zu grundsätzlichen Fragen des Tierschutzes befragt. Wir sind randständig, wir machen gar nicht die Musik, die die meisten Menschen als Musik wahrnehmen.

ZEIT: Was auch an den Pudeln liegen dürfte, um im Bild zu bleiben. Gibt es Wege aus der Randständigkeit?

Mundry: Derzeit wollen viele Komponisten politisch sein, wobei ich oft das Gefühl habe, das Politische ist da eher ein Label als ein Inhalt. Ich glaube, Musik kann auf subtilere Weise etwas in Bewegung bringen. Carolin Emcke hat dieses eindrückliche Buch geschrieben, Wie wir begehren. Sie schildert darin ihr Coming-out und wie sie erkannt hat, ein anderes Begehren zu haben als das von der Gesellschaft vorgegebene. Dabei räumt sie der Musik einen großen Platz ein. Sie entdeckt dort Zustände wie Verwandlung, Modulation oder Ambivalenz, die für sie so etwas wie ein Skript für die Selbstwahrnehmung werden. Musik kann Wahrnehmungskorrespondenzen erzeugen und etwas verhandeln, nur weniger buchstäblich als andere Künste. Insofern kann sie aber auch rigide sein. Es gibt neue Musik, die finde ich faschistoid.