DIE ZEIT: Frau Funke, wir wollen mit Ihnen über die Schreibschrift reden, eine vom Aussterben bedrohte Kulturtechnik!

Cornelia Funke: Ha, ich fühle mich selbst manchmal wie eine vom Aussterben bedrohte Gattung. Wenn ich hier in Amerika, wo ich lebe, Bücher signiere, fragen die Kinder oft, was ich da für Zeichen verwende. Für die ist die Schreibschrift schon etwas völlig Bizarres.

ZEIT: Signieren Sie also inzwischen mit Druckbuchstaben?

Funke: Nein, so eine Widmung würden die Kinder niemals akzeptieren, sobald sie meine Handschrift sehen. Die finden sie mysteriös und wunderbar.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch, wie Sie als Kind Schreiben gelernt haben?

Funke: Klar, das war sehr mühsam. Ich hatte immer Angst, dass es hässlich aussieht. Aber gleichzeitig ist Schreiben ein großes sinnliches Vergnügen, ganz anders, als etwas auswendig zu lernen.

ZEIT: Hatten Sie Lieblingsbuchstaben?

Funke: Ich liebe heute noch alle mit Schlingen, das M, das L und das A – mit denen kann man ganz wunderbare Sachen machen. Langweilig fand ich immer alles gerade, ein kleines l zum Beispiel. Da zeigt sich natürlich auch die Illustratorin in mir. Aber da die meisten Kinder gerne zeichnen, liegt es nahe, in einem einzelnen Buchstaben mehr als nur den Teil eines Wortes zu sehen.

ZEIT: In dieser Form wird das allerdings selten gelehrt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Funke: Leider. Wäre es nicht toll, wenn Schreibenlernen Spaß machte? Kinder sollten mit den Buchstaben spielen dürfen und sich nicht daran halten müssen, welchen Bogen man wie auf die Linie setzt. Mit der Schreibschrift können wir unseren Kindern eine Technik zeigen, mit der sie Schönes erschaffen können – und wir wissen doch, wie irrwitzig glücklich das Menschen macht.

ZEIT: In Deutschland gibt es stattdessen seit Jahren eine Debatte über die Schreibschrift. Vom Grundschulverband kommt die Empfehlung, künftig nur noch die sehr viel einfachere Grundschrift zu lehren. In etlichen Bundesländern geschieht das bereits.

Funke: Das verstehe ich überhaupt nicht. Wenn es die Schreibschrift noch nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Ich glaube ganz fest daran, dass die Schreibschrift für Kinder und Jugendliche ein wunderbares Mittel ist, um sich selbst zu entdecken.

ZEIT: Was entdeckt man denn da?

Funke: In der Art und Weise, wie wir schreiben, erkennen wir uns selbst – unsere Kraft, unsere Unsicherheiten. Wir sehen, ob wir gerade sehr aufgeregt und nervös sind oder ganz ruhig. Ob wir uns klein machen, wenn wir die Buchstaben klein halten, oder einen Platz in der Welt mit ausladenden Bögen behaupten. Im Schreiben drückt sich unsere Persönlichkeit aus.

ZEIT: Das Argument gegen die Schreibschrift ist, dass die Kinder diese in der Arbeitswelt später nicht brauchen, da sei schnelles Tippen gefragt. Leuchtet Ihnen als studierter Pädagogin das nicht ein?

Funke: Überhaupt nicht! Erstens haben wir keine Ahnung, wie die Arbeitswelt in einigen Jahren aussehen wird – die Welt befindet sich in einem Umbruch wie nie zuvor. Und zweitens glaube ich, dass Kinder sowieso schon viel zu früh auf die Arbeitswelt vorbereitet werden anstatt auf die wirkliche Welt.

ZEIT: Was meinen Sie mit der wirklichen Welt?

Funke: Wenn unsere Kinder eins für die Zukunft lernen müssen, dann kreative Lösungen für Probleme zu finden. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kunstunterricht etwa wird gern abgeschafft, weil er nicht als besonders nützlich für die Vorbereitung auf das spätere Leben angesehen wird. Stattdessen wird nutzloses Wissen in die Köpfe gestopft. Es geht immer um Effizienz und Optimierung. Das finde ich ganz furchtbar!

ZEIT: Dann ist Ihr Plädoyer für die Schreibschrift vor allem ein Plädoyer für mehr Freiheit?

Funke: Und für Spiel und Ineffizienz. Außerdem gefährden wir leichtfertig ein Stück unserer Kultur, wenn unsere Kinder nur noch tippen. Stellen Sie sich vor, es gäbe all die Künstler- und Schriftstellerbriefe, aus denen wir so viel über diese Menschen und ihre Zeit erfahren, nur noch als Computerdateien. Wie verarmt würden wir uns fühlen! Wir sollten schon auch darüber nachdenken, was wir irgendwann mal hinterlassen.

ZEIT: Schreiben Sie deshalb Ihre Bücher mit der Hand – um der Nachwelt etwas zu hinterlassen?

Funke: Um Gottes willen, nein! Mir ist das erst bewusst geworden, als das Günter-Grass-Haus in Lübeck eine Ausstellung zu meiner Arbeit gemacht hat und unbedingt meine Notizbücher zeigen wollte. Da standen die Menschen mit verklärtem Gesichtsausdruck vor den Vitrinen. Und hier in Los Angeles, im Getty Research Institute, haben sie zu mir gesagt: "Vom 21. Jahrhundert werden wir überhaupt keine Artefakte mehr haben, nichts mehr zum Sammeln. Gott sei Dank arbeitest du noch anders, Cornelia!"