Als somalischer Journalist habe ich an fast jeder Beerdigung meiner zwischen 2011 und 2014 ermordeten Freunde und Kollegen teilgenommen. Es waren viele. Im Jahr 2012 wurden laut somalischem Journalistenverband 18 Kollegen getötet; 2013 und 2014 waren es jeweils sieben. Journalisten in meinem Heimatland setzen jedes Mal ihr Leben aufs Spiel, wenn sie über das Alltagsgeschehen berichten: in erster Linie über tödliche Angriffe und Selbstmordanschläge der militant-islamischen Al-Shabaab-Miliz.

Auch ich wurde wiederholt von Mitgliedern von Al-Shabaab bedroht. Es gefiel ihnen nicht, dass ich im Wall Street Journal und im Guardian über die Tötung eines ehemaligen Al-Shabaab-Bosses durch US-Drohnen berichtet hatte. Trotzdem dachte ich nie ernsthaft daran, mein Land zu verlassen. Das änderte sich am 26. Januar. Zwei bewaffnete junge Männer stürmten auf mein Auto zu und schossen dreimal auf mich. Glücklicherweise überlebte ich, aber ich konnte nicht nach Hause zurückkehren und musste unter dem Schutz bezahlter Leibwächter in einem Hotel übernachten. Am nächsten Tag wurde ich von ihnen zum Flughafen eskortiert und flog nach Kenia.

Nach meiner Flucht suchten die Killer weiter nach mir, und nachdem sie noch zweimal mein Zuhause aufgesucht und gedroht hatten, meine Kinder und meine Frau umzubringen, floh auch meine Familie und hält sich gegenwärtig in einem Versteck auf.

Ich habe alle und alles verloren, was ich liebte; ich musste meine Kinder und meine Frau verlassen, deren alleiniger Ernährer ich war, und die Arbeit als freiberuflicher Journalist ist unmöglich geworden.

Seit fast einem halben Jahr habe ich meine sechs Kinder und meine Frau nicht mehr gesehen. Nur mit einem Anruf jeden Tag kann ich den Kontakt zu ihnen halten. Es ist schmerzhaft und unendlich traurig, wenn meine jüngsten Kinder, mein Sohn Abdirisak und meine Tochter Amina, mich fragen, wann wir uns sehen oder wann ich sie besuche! Die schwerste Frage, die mir je gestellt wurde, und eine Antwort gibt es nicht. Sie verstehen nicht, warum ich nicht nach Hause komme.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Ich müsste ihnen dazu etwas über die De-facto-Straffreiheit in diesem gesetzlosen Land erklären. Somalia ist praktisch ein rechtsfreier Raum. Morde an Journalisten werden nicht untersucht, es gibt nicht einmal polizeiliche Ermittlungen. Viele angesehene somalische Journalisten, die das Land noch nicht verlassen haben, müssen sich deshalb selbst um ihre Sicherheit kümmern, während andere in die Nachbarländer Kenia, Dschibuti oder Uganda ins Exil gezwungen wurden. 80 Prozent der ermordeten Journalisten hatten für Rundfunksender in Mogadischu gearbeitet.

Seit Warlords und Clanmilizen im Jahr 1990, vor mehr als zwei Jahrzehnten also, das Regime von Präsident Mohamed Siad Barre gestürzt und damit eine Zunahme von Piraterie und Extremismus bewirkt haben, gibt es in Somalia keine funktionierende Zentralregierung mehr.

Erstaunlicherweise hat sich seit dem Jahr 2000 aber eine lebendige Medienlandschaft entwickelt. Derzeit gibt es mehr als 50 Radiostationen und Hunderte von Onlineportalen, dazu knapp zehn Satellitensender und Dutzende von Tageszeitungen.

Doch als wären die Bedrohungen durch die Terroristen nicht schon schlimm genug, begann vergangene Woche auch noch das Parlament, über ein neues, drakonisches Mediengesetz zu debattieren. Es sieht weitreichende Restriktionen für die Presse vor. Beispielsweise kann ein Journalist gezwungen werden, seine Quellen offenzulegen; der Geheimdienst darf Journalisten ohne richterliche Anordnung festhalten. Noch schlimmer: Die Regierung kann eine Geldstrafe von bis zu 5.000 Dollar verhängen – das ist mehr, als ein Journalist in einem Jahr verdient.

Im April verfügte der Chef des somalischen Nachrichtendienstes (Nisa), General Abdurahman Mohamed Turyare, dass Al-Shabaab in den Medien nur noch als UGUS bezeichnet werden dürfe. Die Abkürzung bedeutet: "die Gruppe, die Somalier abschlachtet". Einen Tag später drohte der Sprecher von Al-Shabaab, Abdiasis abu Mus’ab, seine Kämpfer würden jeden Journalisten ins Visier nehmen, der Al-Shabaab als UGUS bezeichne. Diese Episode ist kennzeichnend für das Dilemma, in dem sich viele somalische Reporter befinden. Entweder werden sie von der Regierung bedroht oder von den Islamisten – oder von beiden.

Was Somalia am dringendsten braucht, ist eine funktionierende und transparent arbeitende Regierung, die ihrem Volk verantwortlich ist. Zu dieser Verantwortung zählte auch die Untersuchung der Morde und Mordversuche an Journalisten. Wir wollen in einem Land ohne Angst und ohne Repressalien gegen Medienschaffende und Menschenrechtsaktivisten leben.

Mit einigen Kollegen im Exil habe ich eine Kampagne zur Rettung somalischer Journalisten ins Leben gerufen. In den Sozialen Medien hat sie sich schnell verbreitet und kann unter diesem Hashtag abgerufen werden: #SaveSomaliJournalist.

Wir sind keine Politiker, sondern "Boten", und wir wollen, dass unsere Regierung uns schützt. Wir fordern, dass die Straffreiheit aufhört, damit den Killern bewusst wird, dass der Mord an einem Journalisten Verhaftung und harte Bestrafung nach sich zieht. Vielleicht kann ich dann auch irgendwann meine Familie wiedersehen.  

Aus dem Englischen von Elisabeth Thielicke