Im Sommer 1997 hatten die Brüder Jan und Tim Edler eine ebenso naheliegende wie geniale Idee. Eine Idee, die Berlin drastisch verändern würde und Tausende Menschen glücklich machen könnte: Sie erträumten sich ein Freischwimmbad von 850 Metern Länge und 30 Metern Breite, mitten im Zentrum der Stadt, in einem Flussarm der Spree. Man müsse dort nur das Wasser mithilfe von Sand und Schilf filtern, dann könnte man vom Außenministerium losschwimmen, am Humboldt Forum und dem wiederaufgebauten Schloss vorbei bis hin zum Bode-Museum, dem Bau an der Spitze der Museumsinsel. Kommenden Sonntag gibt es nun, nach 18 Jahren des Drängens und Planens, das erste große Probeschwimmen.

Hier konnten die Schwimmer zum ersten Mal einen neuen Blick auf ihre Stadt gewinnen, einen Blick, den die Bewohner von Städten wie München, Zürich und Stockholm längst kennen. Es gibt kaum Schöneres, als sich im Eisbach durch den Englischen Garten von München treiben zu lassen, man schwebt im kühlenden Nass, den Blick in den Himmel gerichtet, die Sonne strahlt durch die Kronen der vorbeiziehenden Laubbäume.

Das Flussbadprojekt in Berlin soll nicht nur das Spreewasser sauberer machen und für ein Stück Natürlichkeit mitten in der Stadt sorgen, sondern auch einen neuen öffentlichen Raum schaffen – die Initiatoren planen auch einen Uferweg auf Wasserhöhe. So soll den Einheimischen und Zugereisten die Geschichte der Stadt auf ungewohnte Art erfahrbar gemacht werden. Schon im 19. Jahrhundert gab es in diesem Kanal Flussbäder, das letzte wurde 1925 geschlossen. Schuld war ausgerechnet die Modernisierung, denn mit ihr kamen die Abwässer. Die moderne Mischwasserkanalisation der Stadt entlädt sich bei starken Regengüssen im großen Stil in die Spree, hier landet der Überlauf auch heute noch. Deshalb haben sich die Planer für die Zuflüsse im Bereich des Flussbads eine Lösung ausgedacht.

Jan Edler, der mit seinem Bruder Tim das Architekturbüro Realities United leitet und jetzt auch als Vorsitzender des Flussbad-Vereins agiert, ist zu einem der besten Kenner dieses Kanals geworden. Spaziert man mit ihm vom historischen Hafen nahe der Jannowitzbrücke bis zum Bode-Museum, kann er einem alles über die Geschichte des Flusses, über dessen Fließgeschwindigkeit und den Fischreiher erzählen. "Wir arbeiten mit einem Schwerkraftfilter, das Wasser wird vertikal durch eine Sandpackung gedrückt, unten in einer Drainageschicht aufgesammelt, und dann ist es sauber. Den Sand muss man nicht austauschen, das ist nicht wie beim Brita-Filter zu Hause. Hier entsteht ein Biotop." Stinkt das nicht? "Nein, das wird keine Kloake." Bei einem dramatischen Hochwasser – das in Berlin nur alle Jubeljahre vorkommt – würde das dreckige Wasser unter der Filterschicht durch breite Rohre abfließen können.

Wie spektakulär die Idee der Edler-Brüder ist, zeigt sich auch an dem wachsenden Protest dagegen. Er kommt bisher vor allem von Denkmalschützern. Sie befürchten, die alten Brücken würden sich nicht mehr in der Spree spiegeln. Es geht auch darum, wie das Flussbad die von Schinkel entworfene Ufermauer auf der Höhe des Lustgartens verändern würde. In den Entwürfen von Realities United würde die Mauer am Lustgarten einer sehr breiten Treppe weichen, über die man ins Wasser steigen, auf der man sich sonnen oder im Winter die Schlittschuhe anziehen könnte. Eine ähnliche Treppe ist auch vor dem Berliner Schloss, das erst noch fertig gebaut werden muss, vorgesehen. In dem vorhandenen Gewölbe unterhalb des Schlossplatzes, wo früher Boote des Kaisers vertäut waren, sollen Ankleidekabinen und Kleiderschränke auf Flößen installiert werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Jan Edler kann die Einwände der Denkmalschützer durchaus nachvollziehen, aber er plädiert für ein Nachdenken darüber, wie man Denkmäler bewahren und zugleich für eine lebendige Stadt sorgen kann. Heute nutzen die Museumsinsel fast ausschließlich Touristen, nachts ist sie tot. Ein Flussbad würde auch die Berliner aus den umliegenden Stadtteilen anziehen, in ihren Arbeits- und Seminarpausen kämen die Büroangestellten und Studenten. So wie früher im Kaiserreich, als es zwischen Schlossplatz und Lustgarten eine beliebte Badeanstalt gab. Damals boten die Flussbadeanstalten vor allem eine Möglichkeit der Minimalhygiene, aber auch die Lust an der Abkühlung und am Schweben im Wasser. Das Flussbad ist ja nicht nur eine schöne Fantasie, es ist, wie auch der Soziologe und Flussbadunterstützer Harald Welzer sagt, die Rückeroberung von Möglichkeiten, die es bereits gab. "Ich bin großer Hoffnung", sagt Jan Edler, Jahrgang 1970, "dass ich noch nicht zu alt bin zum Schwimmen, wenn das hier fertig ist." Für eine halbe Million Berliner, das hat er mit seinem Bruder und den anderen Mitstreitern von Realities United ausgerechnet, wäre das Flussbad das nächstgelegene natürliche Badegewässer. An Tagen wie diesen könnten die Berliner es sehr gut gebrauchen.

Freischwimmen - In die Spree springen New York will es, München auch. Flussbaden in der Stadt soll wieder zum Alltag werden. Eine Berliner Bürgerinitiative hat Ideen, wie das in der Spree möglich wird.