Übung der ukrainischen Armee in der Nähe von Mariupol © Anatolii Stepanov/AFP/Getty Images

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Jeden Morgen brechen die Beobachter der OSZE in der Ostukraine auf, um die Waffenruhe zu überwachen. Seit März vergangenen Jahres ist ein Teil der 480 Mitarbeiter in den umkämpften Gebieten im Dienst. Sie sehen: schwere Waffen, die entlang der Front in Stellung gebracht werden. Sie hören: Detonationen, mehrere Hundert am Tag.

Alles, was die Beobachter haben, sind Funkgeräte, ihre gepanzerten Autos und eine Überwachungsdrohne, die zweite ist kaputt. Man sollte meinen, dass diese Ausrüstung genügt: Offiziell sind sie ja nicht in einem Land unterwegs, in dem Krieg herrscht. Doch was sie in ihren Protokollen festhalten, erinnert an Tagebucheinträge eines Frontsoldaten.

1. Juli: 306 Explosionen, hörbar am Beobachtungspunkt nahe dem Bahnhof in Donezk, Beschuss einer Gemeinde in Wuhlehirsk, Donezker Volksrepublik (unter Kontrolle der Separatisten). Im Sammeldepot, in das die Ukrainer ihre schweren Waffen verbracht hatten, fehlen nun: acht Haubitzen, zwei Panzerabwehrkanonen, drei Raketenwerfer.

3. Juli: 152 Explosionen nahe dem Bahnhof in Donezk. Zwölf Panzerminen auf einer Straße der Luhansker Volksrepublik (unter Kontrolle der Separatisten). Zwei neue Checkpoints der ukrainischen Streitkräfte nahe der Front. Konzentration von militärischem Gerät in der Donezker Volksrepublik, darunter neun Panzer, vier bewaffnete Kettenfahrzeuge, 28 Transportpanzer, 60 Trucks.

5. Juli: Drei Kampfpanzer auf Territorium unter ukrainischer Kontrolle; 52 Kampfpanzer, 58 Transportpanzer und fünf Haubitzen auf der anderen Seite gesichtet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

So liest sich die Waffenruhe, die dank Angela Merkel und François Hollande am 12. Februar zwischen Russland, der Ukraine und den Separatisten der sogenannten Volksrepubliken von Donezk und Luhansk verabredet wurde, drei Tage später in Kraft trat und deren Umsetzung von der OSZE beobachtet wird. Die 13 Punkte wurden schnell als Minsk 2 bekannt. Minsk 2 deshalb, weil schon ein halbes Jahr zuvor in der weißrussischen Hauptstadt eine Waffenruhe verabredet worden war, diese aber nach und nach zerschossen wurde. Deutsche Diplomaten mögen die Bezeichnung Minsk 2 nicht so gern, es klingt nach einer Fortsetzung, und Fortsetzungen sind selten besser als das Original. Sie sprechen lieber von Minsk, als sei die Vereinbarung vom September nicht gescheitert, sondern fortgesetzt worden: Minsk, jetzt halt noch besser.

Ein unmögliches Abkommen

Minsk 2 hatte zwei Ziele. Erstens sollten die nervösen Amerikaner davon abgehalten werden, Waffen an die Ukraine zu liefern und damit aus einem europäischen Konflikt einen globalen zu machen. Zweitens wollte die Ukraine ein Desaster abwenden: Die strategisch wichtige Stadt Debalzewe wurde heftig umkämpft, mehrere Tausend ukrainische Soldaten waren so gut wie eingekesselt. Doch kaum in Kraft, wurde das Abkommen gebrochen: Die Separatisten nahmen Debalzewe ein. Die Gültigkeit von Minsk begann also mit der neuerlichen Eroberung ukrainischen Territoriums und dem Tod Hunderter ukrainischer Soldaten, die es nicht aus dem Kessel schafften. Wie viele starben, ist nicht genau bekannt, die ukrainische Seite lügt die Zahlen schön.

Von Beginn an litt das Abkommen unter Geburtsfehlern. Die unterlegenen Ukrainer stimmten Minsk 2 zu, weil sie sich eine Atempause erhofften. Die Russen, weil das Abkommen die Teilung der Ukraine bestätigte: Es schuf eine Front. Wo vorher einzelne Brennpunkte loderten, wurden sie nun durch eine offizielle Kampflinie miteinander verbunden und die Teilung des Donbass faktisch zementiert. Zum anderen kann Russland über den politischen Prozess, den Minsk 2 vorsieht, die Ukraine destabilisieren. Die politischen Ziele des Abkommens wurden vage genug formuliert, um sie später im Detail zu verhandeln – oder um Raum für Wunschvorstellungen zu lassen. Unter Dezentralisierung zum Beispiel stellt sich der ukrainische Präsident etwas anderes vor als der russische. Poroschenko will auf keinen Fall Befugnisse in Sicherheitsfragen und der Außenpolitik abgeben, ebenso wenig will er einen Sonderstatus für die besetzten Teile des Donbass. Putin hingegen schwebt eine faktische Autonomie der Gebiete vor mit Befugnissen, die sonst nur souveräne Staaten haben. Die Taktik der Russen und Separatisten läuft darauf hinaus, den Donbass vollends der ukrainischen Souveränität zu entziehen – aber die wirtschaftlichen Kosten trägt bitte weiterhin Kiew.