Von Yanis Varoufakis, dem gerade zurückgetretenen griechischen Finanzminister, erscheint in wenigen Tagen ein kleines Buch, das an seine Tochter gerichtet ist. Es heißt Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre (Hanser Verlag) und beansprucht, in einfachen Worten komplexe Sachverhalte zu erklären. Es kreist letztlich um eine kleine Erzählung: Varoufakis stellt sich vor, wie auf Ägina der Abend anbricht. Die Sonne versinkt im Meer, man trifft Freunde, isst mit ihnen am Strand. Neben der Taverne hat der alte Kapitän Kostas sein Boot liegen, und er hat ein Problem: Der Anker hat sich im Grund verhakt, und die Kette ist gerissen. Kostas bittet die Tochter von Varoufakis, ins Meer zu springen, um ein neues Seil durch die Ankerkette zu ziehen. Er würde es ja gern selbst tun, aber das Rheuma, das Alter und so weiter.

Natürlich springt Varoufakis’ Tochter mit größter Selbstverständlichkeit ins Wasser, weil sie stolz ist, eine "Heldin des Augenblicks" zu werden. Der Sprung habe für sie einen Lebenswert, keinen Tauschwert, erklärt der Vater. Seine (gut erzogene) Tochter erwartet für ihre kleine Hilfe keine Gegenleistung – denn der Mensch ist an sich gut, wenn nicht die Marktgesellschaft seine hässlichen Seiten befördert. Leider aber, so Varoufakis, lebten wir in einer Welt, in der die Tauschwerte über die Lebenswerte triumphierten, in einer zynischen Welt also, die alles nach Marktkriterien bemisst.

Das sei früher anders gewesen: In der Antike etwa wäre kein Dichter auf die Idee gekommen, die Rüstung des toten Achill zu versteigern – weder Ajax noch Odysseus seien am Tauschwert der Waffen interessiert gewesen, dafür aber am symbolischen Wert, am Lebenswert der Waffen. Die Dominanz der Tauschwerte entstand, so Varoufakis, erst mit der Entwicklung von Marktgesellschaften: Im Zuge der industriellen Revolution in Großbritannien wurden die Bauern ihrer Böden beraubt und zu modernen Knechten, zu Fabrikarbeitern modelliert. Sowohl die menschliche Arbeit und die Werkzeuge und Maschinen als auch das Land wurden kommerzialisiert. Vormals waren diese drei Bestandteile Güter. Indem diese Güter Waren wurden, rechnete man mit einem Mal mit der Zukunft, man wettete auf sie: Es entstand ein Bankensystem und mit ihm Zinsen und Schulden, die für Wirtschaftsaufschwünge sorgten und für regelmäßige Crashs, die wiederum der Staat zu verhindern suchte, indem er sich heillos verschuldete. Kurzum: Der unheilvolle Lauf des modernen Kapitalismus begann und mündete schließlich, man muss es so engführen, in die griechische Staatspleite. Denn im Inneren des modernen Kapitalismus steckt "der Keim des Bösen", eine Art "schwarze Magie, nämlich das Bankensystem". Heute sei der Stress schlimmer als früher, die Qualität der Arbeit schlechter: "Wir rennen wie Hamster in einem Rad, das sich immer schneller dreht, uns aber nirgendwohin bringt." Und nebenher verrohen die Seelen, weil man nur noch mit dem Hintergedanken einer erhofften Gegenleistung für Kostas ins Wasser springt.

Von Varoufakis wird kolportiert, dass er seine Verhandlungspartner durch recht lange Vorträge über Grundsätzliches der Ökonomie aufs Blut reizte. Wo die sogenannte Troika ihn nach Zahlen und Bilanzen der griechischen Wirtschaft und nach Reformvorschlägen befragte, soll der griechische Finanzminister ins Prinzipielle abgedriftet sein. Grundsätzlich sei es nämlich so, erklärt Varoufakis seiner Tochter: Da die Banker die Neigung haben, ganze Gesellschaften zu überschulden, und die "Gegenwart die Zukunft nicht abbezahlen kann, gibt es nur einen Ausweg: dass man die Schulden vergibt, dass man sie abschreibt", um, so ließe sich ergänzen, endlich wieder ein stolzes, selbstbestimmtes und motiviertes Griechenland zu ermöglichen.

Die Verschuldung eines Staates oder einer Gesellschaft wird bei Varoufakis wirtschaftsgeschichtlich begründet, der globalisierte Kapitalismus steckt in einem systemischen Verschuldungszusammenhang, er leidet an einer Blasensucht – weshalb konkretere, wenig großraumtheoretische Aspekte des Wirtschaftslebens wie eine verlässliche Verwaltung, funktionierende staatliche Institutionen, belastbare Sozialsysteme in dem Buch gänzlich ausgeblendet werden. Derartiges Klein-Klein ist für Varoufakis vermutlich nur Blendwerk Brüsseler Bürokraten, die das weltumspannende Verschuldungsdrama, in dem wir uns befinden, nur vernebeln – wie auch die schönen, die zwischenmenschlichen Regungen, die noch nicht ökonomisiert sind, von den Bürokraten verachtet würden (die Würde der Armut, auch dies steckt in diesem kleinen, rhetorisch einnehmenden Buch, sei doch immer besser als der Reichtum der angeblich charakterlich Verrohten).

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 09.07.2015.

Dass die Krise des Kapitalismus sich in Griechenland manifestiert, ist in Varoufakis’ Logik übrigens plausibel – sie zeige sich stets an den schwachen Rändern des Kontinents, wo die Unterdrückung der Banken und internationaler Institutionen zuerst sichtbar werde. Das so seelenvolle Griechenland ist nur der zufällige Austragungsort für ein Geschick, das dem Finanzkapitalismus selbst irreparabel innewohnt, weshalb Griechenland an den Schulden, die es hat, nicht schuld ist.

Man bekommt bei der Lektüre des Buches eine Ahnung von den burlesk-bizarren Szenen, die sich während der Verhandlungen abgespielt haben dürften, als ein Romantiker der Seele gegen die Zahlenkolonnen der Pragmatiker antrat. Christine Lagarde vom Internationalen Währungsfonds wünschte sich dringend einen "Dialog mit Erwachsenen", Varoufakis dürfte sie belehrt haben wie eine Tochter.