Sie sind keine jungen Männer mehr. Colin Masters und Konrad Beyreuther haben ihr gesamtes Forscherleben lang gegen Alzheimer gekämpft. Und sie beabsichtigen zu siegen: "Bevor ich sterbe, will ich eine Therapie sehen", sagt Masters.

Das könnte ihm gelingen. Der Demenzfachmann von der University of Melbourne war einer der Hauptredner, als sich die internationale Alzheimer-Szene Mitte Juni am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg versammelte. Das Treffen war perfekt terminiert, denn es scheint, als stehe der Demenztherapie eine Zeitenwende bevor. "Wir sind so zuversichtlich wie noch nie", sagt Beyreuther, der als Molekularbiologe in Heidelberg forscht. Eine Heilung sei zwar nicht in Sicht. "Aber wir werden den Verfall aufhalten können."

Gleich zwei neue Wirkstoffe machen den Fachleuten Mut. Einer stammt aus dem Hause des amerikanischen Pharmamultis Eli Lilly, der andere von der Firma Biogen. Beide Präparate werden gerade an erkrankten Menschen getestet – den Firmen zufolge mit zwar vorläufigen, aber eindrucksvollen Ergebnissen: Die Mittel scheinen das Fortschreiten der Krankheit zu bremsen, gar beinahe zu stoppen.

Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Demenzform, bei der spezielle Ablagerungen die Funktion des Gehirns beeinträchtigen. Für die 35 Millionen Menschen auf dem Globus, die allmählich ihr Gedächtnis, ihre Persönlichkeit, ihr Ich an das unheimliche Leiden verlieren, wäre das die erste gute Nachricht. Ein Lichtblick angesichts all der Tragödien, die sich bei den Betroffenen und ihren Angehörigen vollziehen. Und für die Pharmaforschung, die – was Alzheimer betrifft – auf eine Serie von Misserfolgen zurückblickt, wäre ein wirksamer Therapieansatz eine Sensation.

Masters und Beyreuther – und mit ihnen die gesamte Fachwelt – fiebern der kommenden Woche entgegen, wenn Eli Lilly auf der Internationalen Alzheimer-Konferenz in Washington neue Studienergebnisse präsentiert. Die Erwartungshaltung in der Szene: Bald könnte nach vielen enttäuschten Hoffnungen tatsächlich ein nachdrücklich wirksames Medikament gegen das Fortschreiten des tödlichen Hirnschwundes zur Verfügung stehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Ohne Beyreuthers und Masters’ Vorarbeiten hätte es die ersehnte Aussicht auf Behandlung nicht geben können. Als junge Forscher trugen sie in den 1980er Jahren dazu bei, die Ursache der Krankheit zu klären. Man wusste bereits, dass sich im Gehirn der Patienten Ablagerungen ansammeln, die die Nervenzellen schädigen. Je mehr Neuronen absterben, umso stärker schrumpft das Gehirn. Woraus die Ablagerungen bestehen, fanden die Wissenschaftler heraus, als sie das Nervengewebe Verstorbener untersuchten. Sie entdeckten kurze, verklumpte Eiweißstücke, die in zweierlei Formen vorkamen: einer gesunden und einer pathologischen. Letztere hat wahrscheinlich toxische Eigenschaften und schädigt die Nervenbahnen.

Für die Pharmaindustrie wäre ein Medikament ein Volltreffer

Das Eiweiß ist heute unter dem Namen Amyloid-beta (Abeta) bekannt. Seit Jahren schon versuchen Forscher, die giftige Variante aus dem Hirn von Patienten zu entfernen. Dazu infundiert man ihnen Antikörper ins Blut. Jedes Immunsystem operiert mit diesen Abwehrmolekülen. Sie erkennen und beseitigen Eindringlinge. In diesem Falle entstammen die Antikörper keiner natürlichen Immunreaktion, sondern wurden biotechnisch hergestellt. Mit ihrer Hilfe soll das Immunsystem der behandelten Patienten die schädlichen Ablagerungen auflösen. Bislang allerdings waren ähnliche Versuche gescheitert. Auch das neue Eli-Lilly-Präparat – ein Antikörper namens Solanezumab (abgekürzt "Sola") – richtet sich gegen Abeta. Es soll jedoch besser ins Hirn gelangen und dadurch die Anhäufung der gefährlichen Substanz stoppen können. Auf diese Weise hoffen die Forscher, die Krankheit auszubremsen. Colin Masters hält sich mit Äußerungen zu Eli Lillys Ergebnissen zurück – er ist einer der wenigen Experten, die die Daten genau kennen, ist aber als wissenschaftlicher Berater des Unternehmens zum Stillschweigen verpflichtet. Die Euphorischen unter den Fachleuten erwarten einen Beinahe-Stillstand, die eher skeptischen Experten rechnen mit einer merklichen Verzögerung des Gehirnverfalls. Aber auch dies wäre viel mehr, als die klinische Forschung bislang hat erreichen können.

Denn jene Alzheimermittel, die schon auf dem Markt sind, können das Auftreten der gefürchteten Symptome nur für einen gewissen Zeitraum leicht verzögern. Sie unterstützten die noch nicht angegriffenen Teile des Gehirns vorübergehend in ihrer Funktion (Neurotransmitter-Booster). Die fatalen Kettenreaktionen des fehlgefalteten Abeta können sie indes nicht bremsen.

Auch heute ist trotz des Optimismus der Fachleute Vorsicht geboten. Die Alzheimerforscher sind eine übersichtliche Riege, Gerüchte können da schnell einen Kollektivrausch auslösen, dem womöglich herbe Ernüchterung folgt. Allerdings ist auch klar: Zeigt sich kommende Woche bei der Konferenz in Washington, dass Eli Lillys Ergebnisse der kritischen Überprüfung standhalten, besteht für einen Teil der Erkrankten erstmals eine kleine Hoffnung. Positive Befunde vorausgesetzt, könnte binnen zwei Jahren ein Medikament die Zulassung erhalten.