Der östliche Teil der Admiralitätsstraße ist 11,20 Meter breit, gerade einmal 100 Meter lang und verbindet die Heiligengeistbrücke mit der Willy-Brandt-Straße. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, dass mitten durch die Admiralitätsstraße ein Riss geht. Es ist der seltsamste Canyon der Innenstadt. Links die Klinik Fleetinsel, ein Industrieklinkerbau mit 30 Betten, eröffnet 1992, bekannt für orthopädische Eingriffe. Rechts die Hausnummern 67–77, vier Altbauten mit rückwärtigen Lagergebäuden am Fleet; darin zehn Galerien, das Künstlerhaus Westwerk, das Mini-Theater Fleetstreet, die legendäre Kunst- und Fachbuchhandlung Sautter & Lackmann sowie Marinehof und Rialto, als gastronomische Treffpunkte gerühmt für solide Verpflegung ohne Blend-Faktor.

Welten trennen beide Seiten. Links werden mit präziser Renditevorstellung Knochen und Gelenke geflickt, rechts wird gemalt, skizziert, gedruckt, ausgestellt, gelesen und manchmal einfach in den Tag hineingelebt. Manche nennen die Fleetinsel das heimliche Zentrum des Hamburger Kunstbetriebs, andere ein Biotop, und wiederum andere sagen einfach "unser Dorf" dazu.

Ein Dorf, das es beinahe nicht mehr gegeben hätte. Die "Freie und Abrissstadt Hamburg" habe alte Gebäude abgeräumt, wann immer sich Gelegenheit zu merkantilem Vorteil geboten habe, heißt es oft. Hier ist es mal anders gelaufen. Wie es dazu kam – eine lange Geschichte.

Daher erst einmal eine kurze.

Ein tropischer Sommerabend auf der Fleetinsel, noch um 20 Uhr glüht das Pflaster. Vor den Fassaden hängt eine olfaktorische Collage aus Ziegenkäse, Brackwasser und frischer Farbe. Bei Sautter & Lackmann wird eine Ausstellung der dänischen Künstlerin Christina Blaabjerg eröffnet. Ihre kleinen Formate behaupten sich knapp vor den Reihen der Regale mit Tausenden von Buchrücken. Weißwein, viel Mineralwasser, Brezeln, das hanseatisch-bescheidene Premierenprogramm.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Alle Fenster, alle Türen sind geöffnet, hier und da wehen noch ein paar Besucher mehr herein und vertiefen sich in die Landschaften der Dänin. Man witzelt, man trinkt und erörtert die uralte Frage: Hat Hamburg wirklich eine lebendige Kunstszene? Wer erfolgreich wurde, ging fort. Umgehend fallen die Namen Daniel Richter und Jonathan Meese. Vom Sogfaktor Berlins ist die Rede, von fleißigen Galeristen und dem aufgeschlossenen Publikum dort.

Und Hamburg? Keine Ateliers! Keine billigen Wohnungen! Eine reiche Stadt, die ihre Theater und Museen unter erdrosselnden Sparzwang stellt. Vor allem aber sei daran schuld ein ignorantes, desinteressiertes Bürgertum, das seine Distinktionsmerkmale auf Immobilien und Segeljachten beschränkt. Ignorantes Bürgertum? Aber Moment mal – es gibt doch Jockel Waitz!