Die kleine Biene taumelt, ihre Flügel vibrieren, aber sie kann noch nicht fliegen. Das ist genau der richtige Zeitpunkt. Leicht lässt sich die Babybiene aus ihrer Holzbox heben. Einen Klecks Nagellack auf den flauschigen Rücken, mit der Pinzette eine weiße Plakette mit Nummer auf dem Lackklecks platziert, fertig. Das dauert weniger als eine Minute pro Biene. Aber diesen Sommer sollen ja auch 30.000 Tiere markiert werden, Handarbeit im Dienste der Bienenrettung.

Denn Deutschland sucht die Superbiene. Natürlich in einem eigenen Institut für Bienenkunde. Es liegt in Hohen Neuendorf nahe Berlin und ist Schauplatz für das europaweit größte Projekt der Bienenforschung. Smartbees heißt es, und "kluge Bienen" soll es hervorbringen; Bienen, die der gefürchteten Varroa-Milbe besser widerstehen können, jenem Schädling, der seit Jahren in den Stöcken wütet. Weltweit fürchten die Imker die Milbe, denn sie gilt als Hauptauslöser für das weitverbreitete Bienenvölkersterben (ZEIT Nr. 44/11).

"Würde man nicht gegen Varroa vorgehen, gäbe es in Deutschland, vielleicht sogar in Europa bald keine Bienen mehr", sagt der Koordinator des Smartbees-Projekts mit dem passenden Namen Kaspar Bienefeld. Er ist der Direktor des Landesinstituts und Bienen-Enthusiast. Bienefeld schwärmt: "Faszinierend, wie 50.000 Bienen organisiert sind und dann zum Wohle des Volkes arbeiten."

In Hohen Neuendorf trifft dieses Faszinosum auf moderne Forschung. 15 Millionen Bienen leben und summen hier, in 350 Völkern, die 10 bis 15 Tonnen Honig pro Jahr produzieren. Doch der ist nur ein Nebenprodukt. Im idyllischen Park, der die gelb-weiße Villa des Landesinstituts umgibt, summen mittlerweile 10.000 mit Nagellack und Nummernblättchen markierte Bienen. Die Forscher verfolgen das Schicksal jeder einzelnen; so wollen sie herausfinden, welche Tiere am besten gegen die Varroa-Milbe gewappnet sind. Die Bienen sammeln Nektar, die Bienenforscher Erkenntnisse – um Bienenvölker züchten zu können, denen der Schädling nichts anhaben kann.

Denn die Zahl der Honigsammler geht seit Jahren zurück. Um 1990 existierten laut Deutschem Imkerbund hierzulande rund 1,2 Millionen Bienenvölker – 15 Jahre später wies die Statistik nur mehr 700.000 aus. Gründe für den Bienenschwund gibt es viele: Zu wenig Wildblumen, zu viele toxische Pflanzenschutzmittel und Schädlinge – all das setzt den Bienen zu. Über die genauen Ursachen, etwa über die Gefährlichkeit der Pestizide, wird zwar noch gestritten. Klar aber ist: Die Varroa-Milbe ist ein zentraler Faktor, und die Bienen brauchen Hilfe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Immerhin zählen Bienen zu den wichtigsten Nutztieren Deutschlands. Für große Teile der Landwirtschaft ist ihr freiwilliger Einsatz als Bestäuber unverzichtbar. Als im Winter 2002/03 rund 30 Prozent der Bienen starben, breitete sich vielerorts Panik aus. Zum Glück haben sich die Bestände seither stabilisiert.

Der Hauptfeind des fleißigen Insekts stammt ursprünglich aus Asien und wurde erstmals 1977 in Deutschland nachgewiesen. Mittlerweile ist die Varroa-Milbe auf nahezu allen Kontinenten vertreten. Nur Australien ist noch milbenfrei, und die Antarktis. In der gibt es allerdings auch keine Bienen. Eigentlich ist Varroa destructor – die "Zerstörerische" – ein Parasit der asiatischen Biene, Apis cerana. Diese hat sich an den Eindringling gewöhnt und ist inzwischen gegen ihn resistent. Die europäische Honigbiene Apis mellifera hingegen erkennt den fremden Parasiten nicht – und wenn, weiß sie oft nicht, wie sie ihn wieder loswerden soll.

Denn bequem macht die Milbe es sich ausgerechnet in den Brutzellen eines Bienenstocks, gleichsam im Kinderzimmer, und schwächt dort die Immunabwehr der Babybienen. Das macht die Tiere anfälliger für krankheitserregende Mikroben und Viren. Das Gefährliche an der Milbe ist also die "Dreiecksbeziehung" zwischen Biene, Milbe und Viren – ein Hauptthema von Smartbees.

Auf molekularer Ebene wird in Hohen Neuendorf erforscht, weshalb manche Tiere gegen Varroa widerstandsfähiger sind als andere. Wissenschaftler in elf Ländern arbeiten an dem einzigartigen Großprojekt, das von hier aus gesteuert wird und welches die Europäische Kommission seit dem Jahr 2014 mit insgesamt sechs Millionen Euro fördert. Die Beteiligten wollen die genetischen Grundlagen der Widerstandskraft aufspüren. Kennt man sie, lassen sich gezielt Varroa-resistente Bienenvölker züchten.

Voraussetzung dafür ist schier endloses Beobachten. Erst wenn die Wissenschaftler die Eigenschaften einzelner Bienen genau kennen, können sie die entscheidende Verbindung herstellen – zwischen genetischen Grundlagen und späterem Verhalten. Und deshalb verpassen sie den Babybienen Nummernschilder.