Das Haus als Fahrradanhänger © Wide Path Camper

Männer sinken zu Boden, befingern Achsen und Schweißnähte, stehen auf und diskutieren. Frauen bekommen weiche Augen, lächeln mich an und wollen wissen, ob man in diesem Gefährt auch schlafen könne. Eine geht noch weiter: "Auch zu zweit?" Wäre ich ein unglücklicher Single, schüchtern, kontaktarm – ich bliebe es nicht lang. Diese Kiste, die ich da hinter dem Fahrrad herziehe, wirkt auf die Menschen um mich herum zauberisch. Vielleicht, weil mein Anhängsel den ewigen Gegensatz zwischen Immobilienbesitzern und Nomaden so elegant und kurzerhand aufhebt. Vielleicht, weil es signalisiert: Hier kommt ein Mann mit Nest. Auf Rädern! Oder weil das Ding so komisch und ein bisschen bemitleidenswert aussieht.

Das, was ich da auf den Radwegen und kleinen Straßen der süddänischen Insel Als über Hügel und an Fjorden und Sunden entlang am Haken habe, hat noch nicht mal einen anständigen Namen. Sein Hersteller, der Jungingenieur Mads Johansen aus dem nahen Sønderborg, spricht vom "Bicycle-Camper". Die korrekte deutsche Langform wäre Fahrrad-Wohnanhänger. Die Konkurrenz sagt Fahrradcaravan oder "Bike RV". RV bedeutet recreational vehicle, Freizeitfahrzeug. Ich nenne es Hanne.

Hanne hat zwei Kinderfahrrad-Räder, eine Deichsel, Fenster und eine Tür. Ihre Vorderseite ist abgerundet. Spötter würden sagen: aerodynamisch. Dabei ist das einen Meter breite, 1,30 Meter hohe und ebenso lange Häuschen ein Segel im Wind. Wenn der weht; aber das tut er gerade nicht. Ich rase einen Hügel mit 35 Sachen runter, auf der anderen Seite geht’s mit 12 km/h wieder rauf, das aber nur, weil ich Mads widersprochen habe. Bei der Übergabe in seiner Werkstatt legte er mir nahe, ein normales Fahrrad vorzuspannen. Er wollte beweisen, dass Hanne ein Leichtgewicht ist. Ich bestand auf einem E-Bike. Das war eine gute Idee. Wenn ich zu den 45 Kilo Nettogewicht von Hanne für das Fahrrad 25 Kilo addiere, dazu die Summe aus meinem Eigengewicht und dem des Gepäcks, bin ich bei vier Zentnern – na danke!

Mit dem Hilfsmotor halte ich einen Schnitt von knapp 25 km/h, Mofatempo. Wobei ich keine Ahnung habe, ob "Knallert forbudt"- Schilder für mich gelten. Hanne jedenfalls knallt nicht. Ohnehin bin ich – immerhin komme ich aus dem Einzugsbereich der StVZO – unsicher, welcher Kategorie ich mein Gefährt zurechnen soll. Motorisiertes Gespann? Zweispurlightlastzug? Kurz vor Høruphav, das an einem Nebenarm der Flensburger Förde liegt, blockieren zwei niedliche Schranken den Radweg. Ein Fahrrad passt hindurch – die dicke Hanne nicht. Umkehren oder Gewalt anwenden? Meine Lösung verrate ich nicht. Beim lystbådehavn, wie der Däne einen Jachthafen nennt, ist dann aber wirklich Schluss. Ein solides schmales Holztor versperrt den Radweg. Ich muss umkehren. Also nein, Hanne, was hast du für einen Wendekreis!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Innerlich schulterzuckend fahre ich einen Kilometer zurück. Dann geht’s halt auf einer breiteren Straße weiter. Ich begegne zahllosen Rennradlern, diesen eisernen Helden der Landstraße, die niemals Gefühle zeigen. Doch wegen Hanne drehen sie den behelmten Kopf, lachen und heben den Daumen! Ich fahre wie auf Wolken – solange keine Wellen und Löcher in der Fahrbahn sind: Bei denen ruckelt und zerrt es von hinten am Rad, dass ich um die filigrane Anhängerkupplung fürchte.

Mein Ziel ist ein Campingplatz am Damm zur Halbinsel Kegnæs. Drejby Strand Camping liegt sensationell schön zwischen Meer und Haff, ist ruhig, ADAC-geprüft. Ich bekomme natürlich einen Ehrenplatz in der ersten Reihe am Meer. Und dann vollzieht sich vor den Augen schaulustiger Mitcamper die Verwandlung des hässlichen Entleins Hanne in einen Schwan. Ich habe das vorher geübt, also läuft es wie geschmiert: Füßchen ausklappen, ein Griff an Hannes Kragen, dann ziehe ich ihr – so mag das aussehen – das Fell über den Kopf. Hanne klappt nach hinten auf wie eine Muschel, wird doppelt so lang und sieht jetzt wirklich wie ein Mini-Wohnwagen aus. Süüüß!

Vier Minuten! Applaus. Ja, so was hat die Welt noch nicht gesehen! Denn es gibt zwar viele weitere Radcaravan-Lösungen, doch auch fast alle anderen sind nur Prototypen. Und keine ist so entfaltbar wie Hanne. Ich verneige mich, schiebe im Wagen ein paar Holzbänke hin und her, hole Stühle raus, hake innen und außen Tischchen ein, auf die Tassen und was Alkoholisches kommen. Ich setze mich in den Sonnenuntergang, schaue aufs gewellte Meer und seufze tief und glücklich. Und etwas müde. Auch ein E-Bike will getreten sein.

Es ist Nacht. Ich liege weich gebettet auf einer dicken Matratze. Habe bei einer Innenlänge von 2,60 Metern Platz satt. Im Gegensatz zum Zelt fühle ich mich irgendwie geschützt, behaust. Ich habe gelesen, in den USA plant man, begehbare Fahrradanhänger für Obdachlose herzustellen. Ein Amsterdamer hat eine Box entworfen, die von einem Dreirad getragen wird. Zieht man eine zweite Box heraus, hat man eine Art Sarg, in dem man schlafen kann.

Hanne ist ein Schneckenhaus. Mit großen Fenstern und kleinem Komfort. Kocher, Töpfe, Geschirr, Teelicht-Lämpchen, und alles Gepäck ist verstaut. Nur: Wer braucht Hanne? Mads behauptet, man könne in diesem Camper zu zweit schlafen. Na ja. Dann muss die Liebe aber so jung sein, wie die Hüften schmal sein sollten. Angler fallen mir ein, immer unterwegs zu neuen Fischgründen, bei Regen setzen sie sich in den Hänger. Leute auf der Suche nach ihrem Ich? Oder nach einem Du? Alleinerziehende mit Kind? Das wäre auch eine Idee.

50 Bestellungen liegen Mads vor. Die ersten Käufer zahlen nur 2.000 Euro, der reguläre Preis dürfte später bei 3500 Euro liegen. Insgesamt will Mads in diesem Jahr 100 Anhänger bauen. Im Augenblick hakt es leider noch mit dem Bankkredit. Hakt es weiter, macht das auch nichts. Zur Not hat er ja Hanne.

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