"Ist das Kunst, oder kann das weg?" Dieser Satz taucht in Berichten über die Ratlosigkeit von Putzfrauen gegenüber Beuysschen Fettecken und anderen Werken moderner Kunst auf. Könnte man ihn nicht auch auf die Menschheit anwenden? Der Bordkanonier eines Alienraumschiffs, das wie das Imperium in Star Wars mit seinem Todesstern über eine Superwaffe verfügt, die ganze Planeten auslöschen kann, könnte auf die Erde hinabblicken, sich seine drei Augen reiben und den Kommandanten fragen: "Chef, sind die Kunst, oder sind die Dreck und können weg?" Auch Gott war einmal der Meinung, dass "wir" (bis auf Noah) weggeputzt gehörten, und der Alienkommandant könnte ähnlich entscheiden.

Was für eine distanzierte – manchen vielleicht als die Sicht eines Menschenverächters erscheinende – Perspektive auf unsere Gattung ist das, die das Bild vom bewaffneten Alien entwickelt? Können wir uns selbst wirklich aus so einer verfremdeten Perspektive betrachten? Können wir uns selbst so sehen wie eine Person, der moderne Kunst völlig fremd ist und die deshalb Gegenstände, die andere für Geniestreiche halten, nur als Müll sieht? Nun ist diese kalte Perspektive die der Wissenschaft. Denn nach ihr ist es mit Beuysschen Fettfilzen, Mona Lisa und allen nicht artistischen Errungenschaften der Menschheit wie auch mit ihr selbst irgendwann vorbei, auch wenn keine Aliens uns besuchen sollten. Ein großer Meteorit, die in sieben Milliarden Jahren zum Roten Riesen bis zur Erdbahn aufgeblähte Sonne, vermutlich jedoch schon viel früher irgendein pandemisch gewordenes Virus werden der menschlichen Gattung ein Ende setzen. Zwar wissen wir, dass diesen natürlichen Entwicklungen, anders als der von Jahwe veranlassten Sintflut oder dem Schießbefehl unseres Aliens, kein Werturteil gegen die Menschheit zugrunde liegt. Trotzdem erscheint von einem kosmischen view from nowhere, wie der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel das einmal genannt hat, die Menschheit bedeutungs- und sinnlos. Was empfindet man bei diesem Gedanken? Erscheint er als einer, der in einer falschen Perspektive entsteht?

Ich denke, ich bin mit den meisten Lesern einig, dass das, was wir Menschen auf der Welt im Großen und Ganzen anrichten, weder als gut noch als schön beurteilt werden kann. Auch wenn die Menschheit ohne Werturteil einmal vernichtet wird, könnte mancher sagen, dass sie es auch nicht besser verdient habe, und seufzen: "Gott sei Dank, dass irgendwann ein Meteorit kommt und uns auslöscht." Der US-amerikanische Philosoph Samuel Scheffler meint jedoch in seinem neuen Buch Der Tod und das Leben danach, dass eine solche Aussage nicht ernst gemeint sein könne, wenn der so Urteilende sein eigenes individuelles Handeln nicht entwerten wolle. Denn nach Scheffler wollen "wir", dass es mit "uns" weitergeht, weil der Sinn unseres individuellen Lebens vom Fortbestand der Gattung abhängt. Und zwar nicht weil wir auf kollektive Besserung hoffen. Manche mögen denken, dass "wir" mit der Artenausrottung schon noch aufhören, die Massentierhaltung abschaffen, den "Islamischen Staat" so wie vergangene und zukünftig auftretende Faschisten besiegen werden. Doch es liegt nach Scheffler nicht an den vielleicht am Maßstab des Leids gemessenen guten Konsequenzen, die menschliches Leben eventuell irgendwann einmal in einer Gesamtbilanz auf dem Globus tatsächlich zustande bringen wird (woran ich zweifle), dass für Menschen das Leben, das nach ihrem eigenen kommt, einen Wert hat. Samuel Scheffler hält die Einschätzung, dass es mit uns weitergehen sollte, auch nicht für die Manifestation eines kollektiven Selbsterhaltungstriebes. Denn er glaubt, zeigen zu können, dass wir unser eigenes individuelles Leben und Handeln nur im Kontext der Fortexistenz der Gattung wertschätzen und als sinnvolles fortsetzen können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Unser Individualismus und Egoismus hätten, so meint er, viel engere Grenzen, als mancher annehme. Krebsforschung, Bücherschreiben, Städtebau, schulische und universitäre Bildung, all das verlöre seinen Wert, wenn wir wüssten: In vier Wochen wird alles Leben ausgelöscht. Wir halten das menschliche Treiben nach Scheffler grundsätzlich für wertvoll, trotz allen Leids, das es verursacht, weil dem Leben und Handeln der Einzelnen erst durch eine zukünftige Menschheit ein sinngebender Horizont verschafft wird. Der Professor für Philosophie und Recht an der New York University schreibt: "Wir maßen uns die Autorität an, Urteile darüber zu fällen, wie die Zukunft ablaufen sollte. In gewisser Weise stellt die Wertschätzung einen Versuch dar, die Zeit zu kontrollieren (...). Etwas wertzuschätzen bedeutet, sich der Vergänglichkeit der Zeit zu widersetzen, darauf zu bestehen, dass der Lauf der Zeit keinerlei normative Autorität besitzt." Etwas unbegrenzte zeitliche Dauer zu wünschen ist gleichbedeutend mit: es wertzuschätzen.