Gelächter gluckert durch den Raum. Wer würde zu Beginn einer Theatervorstellung auch zu pfeifen wagen, pfeifen wie im Wald, gegen die Dunkelheit und die Gespenster, die darin wohnen, gegen alle Urängste dieser Welt? Stockfinster lässt Douglas Gordon es werden, der schottische Video- und Installationskünstler, der in seinem Berliner Atelier drei ausgestopfte Wölfe hält, einem von ihnen hat er kürzlich den Kopf abgehackt, und der Sachen macht wie: im Niemandsland von North Cumbria einen Bechstein-Flügel abfackeln (The End of Civilization) oder in einer New Yorker Galerie einen leibhaftigen Zirkus-Elefanten Tod spielen lassen, wieder und wieder legt sich dort der dressierte Dickhäuter vor der Kamera zum Sterben nieder. Und jetzt also Manchester, jetzt also Musiktheater – wir sind im Theaterchen im neuen Kulturzentrum Home zwischen Oxford Road und Deansgate, da, wo die Stadt am unaufgeräumtesten ist und am meisten bei sich selbst.

So finster lässt Gordon es im Saal werden, so nachtrabenschwarz, dass man buchstäblich die Hand nicht vor Augen sieht. Zehn Minuten dauert die Eingangssequenz, nervenschwache Zuschauer werden aufgefordert, den Saal wieder zu verlassen, selbst die Notausgangsleuchten haben sich dem obsessiven künstlerischen Willen zu fügen. Kaum tun sie das und erlöschen, setzt es aus dem Off, vom Band, den ersten Hieb. Metall trifft auf Holz, das Holz wimmert und ächzt, hält erst stand und dann doch nicht, splittert, kracht, bricht, während derjenige, der die Axt führt, immer heftiger pumpt und schnauft und man förmlich die Schweißperlen von seiner Stirn aufs Blätterwerk und Geäst zu seinen Füßen tropfen hört.

Was ist das? Die Tonspur zu einem Horrorfilm? Oder die simple, bestürzende Botschaft, dass die von Menschenhand geschundene Natur längst zurückschlägt? Am Ende der Sequenz fällt der Baum, und anderthalb Stunden später, am Ende des Stücks, einer Art Rotkäppchen-Reflexion, fällt er noch einmal und mit ihm, in ohrenbetäubender Brandung, der ganze irrlichternde, wispernde, rauschende Wald, in den Neck of the Woods die Zuschauer entführt. Dank eines virtuosen Sounddesigns fühlt sich dieses Finale tatsächlich so an, als würde es nicht nur den anonymen Holzfäller samt Rotkäppchen, der Großmutter, dem Wolf und allen Zuhörern selbst unter sich begraben, sondern auch alle Bemühungen um Balance in einer aus der Balance geratenen Welt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Vieles in diesem hybriden, gesamtkunstwerkhaften Opus mag rätselhaft bleiben, eingeschlossen in Gordons selbstreferentielle Dunkelheitsfantasien, mehr Raunen als Ästhetik und durchaus pathosverliebt. Etwa, wenn es auf der nahezu leeren Bühne schneit, als würde Frau Holle im Schnürboden ihre Kissen ausschütteln, oder wenn eine der sieben hinten links aufgestellten Äxte plötzlich blutrot anläuft. Die Provokation aber, im Ungleichgewicht der globalen Kräfte nicht den Untergang zu sehen, das Böse, Teuflische, "Wölfische" schlechthin, sondern ein brachliegendes Potenzial, die sitzt. Als könne der böse, teuflische, wölfische Mensch nur an sich selbst genesen – und alle Kunst nur an der Entschlossenheit des Künstlers zum Selbstporträt. Dass zum Schlussapplaus nach einem elaborierten Brahms-Liszt-Janáček-Rachmaninow-Bach-Chopin-Medley die Titelmelodie der US-amerikanischen Kultserie True Detective erklingt, sagt einerseits, lakonisch-augenzwinkernd: The show must go on. Und andererseits: Wer im Krimi den Mörder überführt, kennt noch lange nicht die ganze Wahrheit. Gerade der Ermittler erkennt sie oft nicht.