Es ist der heißeste Tag des Jahres: In Berlin sind es 39 Grad, deutsche Autobahnen reißen vor Hitze auf – und Professor Stürmer trägt Anzug und Krawatte. Ich trage einen Bikini. Um mich herum essen Leute Eis oder schlafen mit offenem Mund. Auf meinem Bildschirm erzählt Stürmer, dass Menschen im Mittelalter glaubten, die Pest entstehe durch ungünstige Sternkonstellationen.

Ich sitze – nein, liege – gerade in der Onlinevorlesung "Soziale Repräsentation von Gesundheit und Krankheit". Eine Vorlesung des Masterstudiengangs Psychologie an der Fernuniversität Hagen. Die habe ich runtergeladen und auf dem Laptop an einen Baggersee in Berlin mitgenommen.

Studenten an der Fernuniversität Hagen lernen meist mit Studienbriefen, das sind Vorlesungen in Schriftform. Manche Vorlesungen sind aber auf Video aufgezeichnet: Man kann sie online angucken oder auf dem Computer speichern. Meine Vorlesung ist so aufgebaut, dass die PowerPoint-Präsentation drei Fünftel des Bildschirms einnimmt. Den Rest füllen zwei Quadrate. In dem einen steht eine Inhaltsangabe, in dem anderen sieht man den Lehrenden vor dem Rednerpult. Ein bisschen seltsam ist es schon, mit dem Laptop am See zu liegen. Anderseits: Überall sonst wäre es viel zu heiß. Und ist es nicht der Sinn einer solchen Vorlesung, möglichst flexibel zu sein?

Auf jeden Fall ist es komfortabel: Ich kann meinen Privatprofessor am Bildschirm zurückspulen, wenn ich etwas nicht verstanden habe, und dabei eine Kugel Zitroneneis essen. Kommt ein wichtiger PowerPoint-Slide, kann ich einen Screenshot machen. Es geht um Krankheiten, wie sie sozial erklärt werden und welche Konsequenzen das hat. Wie geht eine Gesellschaft mit HIV um, wenn die Krankheit als "Schwulenpest" dargestellt wird? Und was bedeutet es für die Betroffenen? Wie unterscheiden sich Vorstellungen von Gesundheit in der westlichen und der chinesischen Medizin? Das sind keine trivialen Fragen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Von Minute 50 an fühlt sich mein Hirn zunehmend matschig an. Außerdem wird die Vorlesung anspruchsvoller: mehr Pfeildiagramme, mehr Studien und keine Kommilitonen, die einen aufwecken, falls man eindöst. Zudem verleitet der Baggersee viel zu häufig dazu, ins Wasser zu springen oder mit einem vorbeilaufenden Hund zu spielen. Vielleicht ist das Seeufer kein ganz idealer Vorlesungsort. Vielleicht aber ist ein Hörsaal voll schwitzender Menschen auch nicht besser. Vielleicht ist es einfach zu heiß zum Denken.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

Falls Ihnen eine besonders spektakuläre Vorlesung auffällt, die wir besuchen sollten, dann freuen wir uns über einen Hinweis an: hoersaal@zeit.de.