Natürlich ist es möglich, dass die Schreckensherrschaft des IS bald endet, dass die afghanische Regierung demnächst ihr Land befriedet und die Verhältnisse in Libyen, Somalia und Eritrea sich zügig bessern. Wahrscheinlicher ist aber etwas anderes: dass auch weiterhin Flüchtlinge aus diesen und anderen Ländern sich nach Norden aufmachen und ein kleiner Teil von ihnen Hamburg erreicht. Zuletzt waren das oft etwa 200 Personen pro Tag.

"Das Bild der Stadt wird sich ändern", sagt der Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele. "Es wird in jedem Stadtteil eine Unterkunft geben, man wird beim Spazierengehen immer auf ein Flüchtlingsdorf treffen."

Hamburg, die wachsende Stadt: Das war einmal die Wohlstandsvision einer konservativen Regierung für den Standortwettbewerb, "gartenbezogenes Wohnen" entlang der Bille-Achse inklusive, wie die Handelskammer gerade präzisierte. Jetzt geht es immer noch um Wachstum, auch um Bevölkerungswachstum, aber es vollzieht sich in den Vierbettzimmern ständig neuer Containerdörfer und zuletzt auch wieder in hastig aufgebauten Zeltstädten.

Muss man das schlimm finden? Dem Land geht es wirtschaftlich gut. Es ist für einen Stadtstaat dünn besiedelt, vor 50 Jahren hatte Hamburg 200.000 Einwohner mehr als heute. Und in die Wachstumspläne der Wirtschaft sind die Flüchtlinge schon eingerechnet, wenn auch auf eine eher gedankenlose Art. Hamburg sei eine "Boomtown", heißt es im jüngsten Vorschlag der Handelskammer zur Stadterweiterung. Begründung: "In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung um 74.000 Menschen angestiegen." 14.000 Flüchtlinge, grob geschätzt, werden in der amtlichen Bevölkerungsstatistik mitgezählt. In die Analyse der Handelskammer gehen sie als Wachstumsfaktor ein.

Straßen reparieren, Schulden tilgen, Flüchtlingsunterkünfte bauen – ist das der neue Alltag im Management der Stadt, Herr Scheele?

"Auf absehbare Zeit, also in der nächsten Dekade, wird das so sein."

Und wo Flüchtlinge hinziehen, da werden auch in zehn Jahren noch Flüchtlinge leben?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich die Zustände in den Herkunftsstaaten in den nächsten zehn Jahren so gravierend ändern, dass man viele Menschen zur Rückkehr bewegen kann."

Wer nach Deutschland flieht, kann sich nach sechs Jahren legalem Aufenthalt einbürgern lassen. Viele, wenn nicht die meisten, die in diesen Tagen kommen, werden bleiben. Sie werden sich Jobs suchen, mehr oder minder gut Deutsch lernen, Angehörige nachholen. Das Land erlebt eine neue Einwanderungswelle, auch wenn viele, die sich hier in Sicherheit bringen, selbst noch nicht wissen oder wahrhaben wollen, dass es für sie keinen Weg zurück gibt.

200 Flüchtlinge an einem einzigen Tag – Anfang der neunziger Jahre, als infolge der Jugoslawienkriege eine Fluchtwelle Deutschland erreichte, speisten sich Untergangs- und Überfremdungsfantasien aus solchen Nachrichten. Im Hamburg von heute ist von einer solchen Stimmung wenig zu spüren. Sicher, Bürger reagieren gereizt, wenn sie glauben, ihrem Stadtteil würde zu viel zugemutet. In Jenfeld hinderten Anwohner Mitarbeiter des Roten Kreuzes einen Tag lang daran, ein provisorisches Zeltlager aufzubauen. Andy Grote, Bezirkschef von Hamburg-Mitte, verstieg sich zu der Drohung, er werde die Zusammenarbeit mit dem Senat einstellen, nachdem er sich bei der Entscheidung über zusätzliche Zelte im ohnehin stark in Anspruch genommenen Wilhelmsburg übergangen gefühlt hatte. Der CDU-Flüchtlingsbeauftragten Karin Prien rutschte in einer Bürgerschaftsdebatte das hässliche Wort "Massenabschiebung" heraus.