Es war, als hätte eine höhere Macht nicht gewollt, dass der Euro diese kleine Insel erreicht. Im Dezember 2001 kam ein Sturm auf und fegte so ausdauernd über die Ägäis, dass es schien, die See werde sich nie beruhigen. Europas neue Währung sollte mit der wöchentlichen Fähre nach Amorgos kommen, auf die östlichste Insel der Kykladen. Aber jetzt konnten die Schiffe nicht fahren. Es war der härteste Winter seit Jahrzehnten, und auf Amorgos sahen die meisten Menschen zum ersten Mal im Leben Schnee.

Amorgos hat 2.000 Einwohner. Sechs Gemeinden. Drei Bankautomaten. Eine Bankfiliale, aber die war damals, vor mehr als 13 Jahren, noch nicht so wichtig wie heute. Fast niemand hatte ein Bankkonto, wozu auch? Man bekam sein Gehalt in bar und zahlte in bar. Höchstens ein Postsparbuch besaßen einige. Die Menschen erledigten ihre wenigen finanziellen Dinge bei Michalis Fostieris, dem Postboten.

Er war es, der den Euro in die Dörfer von Amorgos brachte, als die neuen Scheine und Münzen endlich auf die Insel kamen, die meisten im letzten Moment der Übergangsfrist, Ende Februar 2002.

Ich habe Michalis Fostieris damals eine Woche lang begleitet und eine Reportage geschrieben über die Ablösung der Drachme, der ältesten Währung der Welt. In seinem kleinen weißen Lieferwagen fuhren wir über die einzige Inselstraße. Manchmal ließen wir den Wagen stehen und gingen auf einem Geröllweg eine Viertelstunde zu Fuß zu einem Bauernhaus. Auf Treppenstufen, Holzbänken und Gartenmauern tauschte Michalis Fostieris Drachmen in Euro um. Ich sah, wie er das neue Geld auf der Insel verteilte und das alte einsammelte, und ich erlebte, wie er den Menschen die Angst nahm. Neues erzeugt meistens Angst, und der Umrechnungskurs von 340,75 Drachmen zu einem Euro machte den Alltag plötzlich schwer berechenbar. Manche Menschen glaubten, ihre Ersparnisse seien über Nacht zusammengeschrumpft, zu einer Summe, die klein genug war, um Kommastellen wichtig zu nehmen.

Doch mit dem Euro kam auch ein unbekanntes Gefühl nach Amorgos: das Gefühl, zu Europa zu gehören. Damals hatte Griechenland noch keine Landgrenze mit einem anderen Staat der Europäischen Union. Wer auf Amorgos "Europa" sagte, der meinte das im Unterschied zu "hier".

"Kommst du jetzt, weil der Euro wieder geht?", fragt Michalis Fostieris, als ich nun, im Juli 2015, wieder in seinem Postamt stehe, und dann lacht er, aber nur ein bisschen, weil es lustig ist und traurig zugleich. Er ist jetzt 53 Jahre alt, sein Haar ist grauer und ein bisschen dünner als damals, aber ansonsten hat er sich nicht sehr verändert.

"Ich bin hier, um zu sehen, wie es euch ergeht", antworte ich, aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich bin nicht nur wegen Michalis Fostieris hier, sondern auch meinetwegen. Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, in Deutschland zu sitzen und der ewigen Griechenland-Debatte zuzuhören, die immer und immer wieder um dieselben Klischees kreist. Die griechischen Schulden. Die deutschen Steuern. Der betrügerische Tsipras. Die hartherzige Merkel. Das korrupte Griechenland. Das effiziente Deutschland.

Deshalb bin ich hier. Weil ich gleichzeitig wütend und traurig bin und weil ich mich schäme. Für die Griechen, die demokratisch gewählte deutsche Politiker als Nazis beleidigen, und für die Deutschen, die nicht aufhören, von den reformunwilligen, verschwenderischen Griechen zu reden.

Ich bin der Sohn einer Deutschen und eines Griechen. Meine Großväter haben Krieg gegeneinander geführt. Der deutsche fuhr als überzeugter Nazi im Zweiten Weltkrieg auf einem Minensuchboot durch die Ägäis. Der griechische war Dorflehrer auf der Insel Euböa. Die deutschen Besatzer haben ihn verhört und gefoltert, weil seine älteren Kinder Partisanen waren und die Besatzer ihn offenbar für den Spiritus Rector des örtlichen Widerstands hielten (ich weiß nicht, ob zu Recht).

Wenige Jahre nach Kriegsende schickte mein griechischer Großvater meinen 1945 geborenen Vater auf die Deutsche Schule in Athen – weil Deutschland für ihn das Land von Goethe war. Er war der Meinung, dass ihn nicht die Deutschen gefoltert hatten, sondern die Nazis. Als sich 1967 die faschistische Obristen-Junta in Griechenland an die Macht putschte, ging mein Vater nach Deutschland ins Exil, lernte meine Mutter kennen und gründete eine Familie. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber in fast jedem Jahr meines Lebens in Griechenland gewesen.

Die kleine Insel Amorgos ist weit weg von der Hauptstadt. Selbst im Sommer, wenn die schnellen Schiffe fahren, braucht man beinahe acht Stunden von Piräus, dem Hafen Athens, bis hierher. Amorgos ist anders als die honigsüßen Inselparadiese Santorin und Mykonos, Amorgos ist wild, eine karge, ruppige Schönheit. Die Insel ist berühmt für ihre Kräuter, eine bestimmte Art von Minze wächst nur hier. Urlauber nennen so einen Ort einen "Geheimtipp". Einmal, Ende der Achtziger, wurde die Welt ein bisschen aufmerksam auf Amorgos, weil der französische Regisseur Luc Besson hier Im Rausch der Tiefe drehte, einen Tauchfilm. Auch schon wieder lange her.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Hier lebten bis vor Kurzem nur Fans der Europäischen Union. Die EU bezuschusste die wöchentliche Fähre. Die Straße, die quer über die Insel führt, wurde mit europäischer Hilfe asphaltiert, und eine moderne Müllverbrennungsanlage gibt es auch. Amorgos entwickelte sich, und das Geld dafür kam aus Brüssel, von der EU, vor allem aber kam es aus Athen, vom griechischen Staat. Es kam auch zu Michalis Fostieris, dem Briefträger, der seit 20 Jahren mit seinem Auto über diese Insel rollt und die Post einsammelt und ausfährt, der hier nicht nur jeden Menschen, sondern auch jeden Stein und jede Ziege kennt. Auch er wird vom Staat bezahlt.

Damit bin ich schon bei einem dieser Schlagwörter, an denen sich der Streit um Griechenland immer wieder neu entzündet: dem griechischen Staatsapparat. Wahrscheinlich steht für jeden Griechen, ob er auf Amorgos lebt, in Athen oder anderswo, außer Frage, dass das Land zutiefst reformbedürftig ist. Die griechische Verwaltung: ineffizient. Das Steuersystem: unproduktiv. Das Rentensystem: chaotisch. Das Gesundheitssystem: erbärmlich.

Allerdings, das finde ich interessant, waren all diese Probleme lange bekannt. Jeder Grieche wusste davon, und jeder Manager einer deutschen, französischen, britischen oder amerikanischen Bank, die dem griechischen Staat in den ersten Jahren nach der Euro-Einführung Geld lieh, wusste auch davon, oder zumindest hätte er davon wissen können. Auch die Regierungschefs der übrigen Euro-Länder müssen diese Probleme gekannt haben. Offenbar haben sie sich nicht weiter daran gestört. Warum auch? Die Wirtschaft wuchs in Griechenland in den Jahren von 2002 bis 2007 stärker als in den übrigen Euro-Ländern, viel stärker als in Deutschland. Es reisten viele Touristen nach Amorgos in jenen Jahren, vor allem Griechen vom Festland, aus den Städten. Mit ihnen gelangte der Wohlstand auf die Insel.