DIE ZEIT: Herr Vogt, wann haben Sie zum letzten Mal Unkraut gejätet?

Günther Vogt: Schon seit Urzeiten nicht mehr. Ich habe keinen Garten, weil ein Garten bedeutet, viel Zeit zu haben. Und die habe ich leider nicht.

ZEIT: Aber Sie würden gerne?

Vogt: Wenn man einen Beruf ausübt, der sehr viel mit Denken und Reden zu tun hat, dann ist es wohltuend, nicht nur das Mundwerk, sondern auch das Handwerk zu trainieren. Sich selbst zu spüren, auch wenn es nur die Finger sind. Aber zurzeit ist mein Garten eine Seerose, die in einem Wasserbottich auf meinem Balkon schwimmt. Die braucht kaum Pflege.

ZEIT: Wenn Sie heute in die Gärten der Schweizer schauen, was fällt Ihnen auf?

Vogt: Anfangs der 1980er Jahre dachte ich: Dieser Beruf, den ich habe, interessiert in der Schweiz niemand. Das Land hat keine Tradition mit aristokratischen, großen Parks und Gärten wie Deutschland, Frankreich oder England. Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren geändert.

ZEIT: Zum Guten?

Vogt: Der Garten ist heute ein Lifestyle. Überall stehen Buchs-Kugeln und die immer gleichen Lounge-Möbel. Das Interessante ist, dass sich alle mit der gleichen ästhetischen Signatur umgeben, um ein gewisses Klassenbewusstsein darzustellen. Aber es sind keine individuellen Gärten.

ZEIT: Für was steht denn die Buchs-Kugel?

Vogt: Die Buchs-Kugel ist die perfekte Form. Sie stellt die Welt dar. Die Kontrolle über die Natur. Sie ist immergrün. Und es gibt keine Entwicklung: Sie ist eingefroren auf eine bestimmte Form. Ähnlich wie bei Louis XIV. und seinem Park in Versailles.

ZEIT: Man will sich gar nicht mehr ein Stück Natur vors Haus oder auf den Balkon holen?

Vogt: Cultiver son jardin meint natürlich genau das Gegenteil: nicht das Konservieren einer Form, sondern einen Dialog, der nicht immer gelingt. Einmal wachsen die Karotten gut, dann ist das Wetter schlecht für die Tomaten. Das Scheitern ist Teil eines Gartens.

ZEIT: Wie kam es denn zum Buchs-Kugel-Hype?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vogt: Ein Garten zeigt, dass man es geschafft hat. Schauen Sie an die Zürcher Goldküste. Dort gibt es drei Insignien des Erfolgs: den Balkon mit Glasbrüstung, damit man möglichst viel vom See sieht, die Plastik-Rattan-Möbel – und eben die Buchs-Kugel. Der Garten ist für diese Leute wie die zeitgenössische Kunst, die sie an die Wand hängen: reines Dekor und Ornament.

ZEIT: Sie selber bauen heute keine Privatgärten mehr. Wieso?

Vogt: Weil es extrem viel Zeit braucht. Viele dieser Menschen, für die wir bauen, haben viel zu viel gesehen. Die können nicht mehr selber denken: Was ist mir wichtig, wie möchte ich leben? Ich habe Unbeschreibliches erlebt. Es brauchte Wochen oder Monate, bis mir jemand sagte: Ich möchte einfach große Feuer machen in meinem Garten, denn die 1.-August-Feuer waren für mich immer so toll.

ZEIT: Sie sagten mal: "Fast alle lieben Gärten. Das ist manchmal auch ein Problem."

Vogt: Das gilt vor allem für England. Dort weiß man so viel über Gärten, die Natur, die Pflanzen, die Gartengeschichte. Aber Grün ist nicht per se gut.

ZEIT: Aber auch in der Schweiz ist der Aufschrei riesig, wenn in einer Stadt ein Baum gefällt werden soll.

Vogt: Der Baum fällt dann eben nicht durch das Waldsterben, nicht durch den Klimawandel, sondern wir sägen ihn um. Die Stadt Basel hat eine eigene Baumschutzverordnung. Ich habe mich massiv dagegen gewehrt, dass Zürich auch eine erhält. Wenn eine Gesellschaft es braucht, dass sie ihre Bäume per Gesetz schützt, dann ist sie krank.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Vogt: Wir entfremden uns immer stärker von der Natur. Vor 15 Jahren wurde ich jeweils gefragt: Pflanzen Sie da einheimische Bäume? Ich habe mich darüber immer gewundert. Der Ginkgo aus dem Südwesten Chinas ist ein toller Baum, den auch schon Goethe beschrieben hat. Warum soll der jetzt ausgeschlossen sein? Mal abgesehen davon, dass er im hoch belasteten städtischen Umfeld viel besser wächst als eine einheimische Buche. Irgendwann merkte ich: Die Leute wissen gar nicht mehr, was einheimisch oder fremdländisch ist. Dann habe ich einfach gesagt: Jaja, der ist einheimisch.