"Rette die Welt und sieh gut dabei aus" – der Hipster 4.0 © beornbjorn / photocase.de

Im April fand in Hamburg der Social Travel Summit statt, eine Tagung für internationale Blogger. Die Grundidee, soweit sich das anhand von Schlagwörtern wie "Future Navigating" und "Cutting Edge Story Telling" ermitteln ließ, ist, Leute, die das Internet vollschreiben, mit Leuten, die etwas verkaufen wollen, zusammenzubringen. Ausgerichtet wurde das Ganze vom Hamburger Stadtmarketing, und weil man erstens dort eine Abteilung für Kultur- und Lifestyle-Themen unterhält und zweitens irgendwann mitgekriegt hat, dass junge Menschen Kultur und Lifestyle je nach Milieuzugehörigkeit und finanziellen Möglichkeiten mit Shopping übersetzen, wurde ein "Hipster Guide" aufgelegt. "Wir leben in einer Stadt, die einerseits stolz auf ihre Tradition und Beständigkeit ist, andererseits aber eine Vielzahl an Orten, Menschen und kreativwirtschaftlichen Ereignissen hat", heißt es aus der zuständigen Abteilung. "Kurzum: Hamburger Understatement meets Hipsterkultur."

Der Hipster also. Dieser Hornbrille, Bart, Skinny Jeans und Mütze tragende Nerd, dieser alle Trends nachhaltigen und politisch bewussten Konsums sofort aufgreifende Geschmacksbürger, dieser ehemalige Arbeiterstadtteile bevölkernde und zu Boutiquen und Galeriengebieten umfunktionierende Gentrifizierungsbeschleuniger, dieser aufgrund seiner ironischen Grundhaltung zu allen Fragen der Ästhetik mit Polaroid-Kameras hantierende und dabei netztechnisch superinstruierte Blog-Checker, Instagram-Bestücker und Tumblr-Volltexter: Dass dieser mittlerweile rund um den Globus gehasste Typ des Auskenners in Hamburg in verfeinerter und erträglicher Form existiert, das fand man ganz großartig und beschloss, die im Marketingführer eingetragenen Locations (Hipster-Slang für: Orte) aufzusuchen, um ihn persönlich kennenzulernen: den neuen, erträglichen Anti-Hipster-Hipster. Den Hipster 4.0.

1. Urban Gardening

Im Hipster Guide steht: "Der nachhaltige Lifestyle ist wichtig, frei nach dem Motto: ›Rette die Welt und sieh gut dabei aus!‹ So schmeckt der morgendliche Pfefferminztee, natürlich im Urban-Gardening-Projekt Gartendeck auf St. Pauli liebevoll selbst hochgezogen, am besten."

Es gibt aber keinen Pfefferminztee, wenn man hingeht: Pestalozziquartier, ein fußballplatzgroßes Areal zwischen Großer Freiheit und Reeperbahn, bestückt mit orangefarbenen Plastikkästen, worin alles Mögliche gedeiht. Gemüse, Blumen, Kräuter. "Wir sind doch kein Café", sagt Michaela, 33, Ingenieurin, fest angestellt im öffentlichen Dienst. "Wir sind auch kein Ort für Touristen, sondern ein Platz der Ruhe für die Bevölkerung der Umgebung."

Deshalb keinen Tee, dafür bietet eine junge Frau namens Cleo, barfuß, weißes Designer-shirt, eine fair gehandelte Limonade an. Der Kühlschrank steht neben einem Bücherregal. "Wir haben hier kein WLAN, deshalb brauchen wir Gedrucktes, um uns zu informieren", erklärt Michaela. Klingt irgendwie retro, alte Botanikbücher als Insignien des nicht entfremdeten Wissens. Im Hintergrund japst die Häckselmaschine, handbetrieben, eine Antiquität. "War schwer, die zu finden!" Michaela lächelt, und das ist jetzt doch klassischer Hipsterstil: Gartengeräte à la Manufactum, weil alles andere uncool, Mainstream, hässlich wäre.

Also: Gibt es hier Hipster?

"Nein, für die ist das nix, weil dann müssten sie sich ja einbringen."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Erste Etappe: keine Hipster, nur hipstereskes Bewusstsein. Das sagt man aber nicht, sondern drückt Michaela die erdverkrustete Hand.

2. Accessoires

"... schmeckt der Pfefferminztee am besten aus einer matitim-bemalten Tasse des süßen Hamburger Labels Ahoi Marie." (Hipster Guide)

Vom Jungfernstieg aus vorbei am Apple Store, wo die Kids vorm Schaufenster das lokale WLAN für Downloads und WhatsApp-Unterredungen nutzen. Links hoch in die Neustadt, ins Galerien- und Nette-Lädchen-Viertel. Geschäfte wie ausgedacht für die Bastelecke höherer Frauenzeitschriften, in den Auslagen Filzblumen, die aus Reagenzgläsern wachsen, Eierbecher aus Halogenstrahlern und für den Rebellen im Konsumenten: Flaschenschließer in Totenkopfform.