Es ist eine Firma, deren Abgründe so tief sind, dass Martin Delius nicht länger hineinsehen wollte. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses zum Berliner Großflughafen forderte die Verantwortlichen vor wenigen Monaten auf, sich von der Firma Imtech zu trennen, um das kriminelle Treiben zu beenden. Doch der scheidende Flughafen-Chef Hartmut Mehdorn setzte sich mit dramatischen Worten zur Wehr: "Wir dürfen Imtech nicht auf der Baustelle verlieren. Der Schaden wäre enorm." Wirklich?

Gegen ehemalige Manager besagter Firma ermitteln gleich drei Staatsanwaltschaften wegen unterschiedlicher Delikte, ein in der deutschen Wirtschaftsgeschichte äußerst seltener Vorgang. Die Ermittler in Neuruppin, Hamburg und München gehen auf Imtech los wegen des Verdachts auf Untreue, Bestechung, Preisabsprachen und Bilanzfälschungen. Es geht zum einen um ein gigantisches, absurdes Freizeitpark-Projekt in Polen, das nur auf dem Papier existierte. Es geht zum anderen um ein Baukartell, bei dem sich Imtech mit Mitbewerbern illegal abgesprochen und so die Aufträge für zwei Kraftwerke erhalten haben soll. Es geht zum Dritten um merkwürdige Firmenübernahmen, Manipulationen von Jahresabschlüssen, dubiose Kredite. Die Liste der Beschuldigungen ließe sich lange fortsetzen.

Frank Winter ist Oberstaatsanwalt in Neuruppin, vom Typ her ein besonnener Mann, der nichts übrig hat für Klischees. Seit Jahren hält er nüchterne Vorträge über Korruption, "und da sage ich explizit, dass keiner glauben soll, so etwas passiert in unseren modernen Zeiten heute auf dem Parkplatz einer Autobahn und wird mit einem Kuvert erledigt". Jetzt aber ermittelt Winter selbst in einem aktuellen Korruptionsfall, in dem es wohl genau so abgelaufen ist: Da traf in den Dezembertagen des Jahres 2012 ein Mitarbeiter des Berliner Großflughafens einen Mann der Firma Imtech und erhielt ein Kuvert mit 150.000 Euro, auf dass er unverzüglich eine Millionenzahlung zur Begleichung riesiger Imtech-Rechnungen veranlasse. Staatsanwalt Winter lacht. Manchmal, findet er, könne das Leben doch sehr komisch sein: "Meinen Vortrag werde ich umschreiben müssen."

Eine Milliarde Euro sollte der Großflughafen Berlin-Brandenburg ursprünglich kosten, jetzt – nach der sechsten Eröffnungsverschiebung – nähern sich die Prognosen der Marke von sechs Milliarden Euro. Die Öffentlichkeit hat den Berliner Flughafen längst zur Lachnummer erklärt und fragt sich bloß, wer eigentlich die Unfähigeren seien – die Politiker oder die Airport-Manager. Die Firma Imtech hingegen macht aus der Lachnummer ein Kriminalstück. Dabei stehen die korrupten Strukturen von Imtech im Mittelpunkt und die Erkenntnis, dass der Stillstand auf der Baustelle in Berlin-Schönefeld zu einem wahren Geldregen für den Imtech-Konzern geführt hat. Nicht Vollauslastung und Verausgabung, sondern Nichtstun und Stillstand auf dem Bau führten bei Imtech zu sagenhaften Profiten. Allein jene Sammelrechnung, um die es bei der Begegnung auf dem Autobahnparkplatz gegangen sein soll, spülte 65 Millionen in die Kasse von Imtech. Diese Firma könnte der Schlüssel sein, um zu verstehen, warum der geplante Flughafen derart in Schieflage geriet. Recherchen der ZEIT und der niederländischen Tageszeitung Het Financieele Dagblad zeigen, dass dubiose Zahlungen keine Ausnahmen sind, sondern ein System ergeben: Die korrupten Strukturen des Konzerns fördern betrügerische Energien der Handelnden. Erstmals gibt jetzt ein Hauptverantwortlicher der Imtech-Affäre, der ehemalige Deutschland-Chef Klaus Betz, Einblick in die kriminellen Machenschaften hinter den Kulissen dieser Firma.

Imtech ist ein Riese in der Branche der Gebäudeausstatter, etwa 23.000 Angestellte gehören weltweit dazu, der Umsatz lag 2014 bei vier Milliarden Euro. Spezialisiert ist der Konzern auf den Einbau von Elektroanlagen, mal sind es Klimaanlagen, mal Steuerungen wie Belüftungssysteme. Der Sitz des Unternehmens befindet sich im holländischen Gouda, die Deutschlandzentrale liegt in Hamburg. Die Firma hat Bauprojekte in der ganzen Welt, von Katar bis Bielefeld. Der Konzern galt als so etwas wie eine Perle, er war ein Vorzeigeunternehmen der holländischen Wirtschaft. Noch im Jahr 2012 wurde Imtech eine besondere Ehre zuteil: Das Unternehmen wurde von der Königin gewissermaßen in den Adelsstand erhoben, aus Imtech wurde Royal Imtech, das ist so etwas wie die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. War die Aufzählung der Imtech-Bauprojekte früher ein Beweis für Glanz und Größe, so sprechen solche Listen inzwischen für systematische Pannen:

Neubau des Bundesnachrichtendienstes (BND), Berlin. Eröffnungstermin: mindestens vier Jahre später. Mehrkosten: mindestens 600 Millionen Euro. Operationszentrum der Uni-Klinik, Düsseldorf. Eröffnungstermin: fünf Jahre später. Mehrkosten: 80 Millionen Euro. Campus der Fachhochschule, Bielefeld. Eröffnungstermin: mindestens zwei Jahre später. Mehrkosten: mindestens 100 Millionen Euro. An all diesen Baustellen ist Imtech nicht allein verantwortlich, aber das Unternehmen war oder ist entscheidend an ihnen beteiligt. Am Großflughafen Berlin ist Imtech besonders aktiv, etwa bei der Entrauchungsanlage oder bei der Verlegung von Millionen Elektrokabeln – genau in jenen Bereichen also, die dramatische Probleme machen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Um einen geplanten Eröffnungstermin noch zu halten, genehmigt ein Auftraggeber, dessen Bauprojekt in Verzug zu geraten droht, den beteiligten Firmen nicht selten Beschleunigungszahlungen oder Nachtragsforderungen – auch ohne die Vorgänge ausgiebig geprüft zu haben. Daher nützen drohende Baustopps und Verzögerungen auf einer Baustelle vor allem einer Seite: den Bauunternehmen. Pannen, die lange bestehen bleiben, werden auf diese Weise zu Goldgruben. Firmenmanager wissen das und versuchen, ihre Machtposition in der entscheidenden Bauphase auszunutzen: Die Fertigstellung verzögert sich und verzögert sich. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, warum sich bei fast jedem Großprojekt in Deutschland die Bauzeiten verlängern und die Baukosten dramatisch erhöhen. So weit ist das noch Alltag auf deutschen Großbaustellen. Die Spezialität der Firma Imtech besteht nun darin, es in der Disziplin der Verschleppung zur Meisterschaft gebracht zu haben. Das bestätigen unabhängig voneinander nicht nur Bauleiter verschiedener Firmen und ehemalige Imtech-Manager, sondern auch Rechtsanwälte, Bauprüfer, Bausteuerer, Architekten und Auftraggeber, die zuletzt mit Imtech zu tun hatten.

Sogar Behörden stimmen ein in den Chor. "Geld mit Stillstand verdienen ist die Königsdisziplin von Imtech", sagt der Mitarbeiter eines Bauamtes. Und fügt hinzu: "Imtech betreibt das Nachtragsmanagement am aggressivsten. Sie weisen Kosten nach, ohne sie gehabt zu haben – das ist gut verdientes Geld."

"Imtech hat die Situation am meisten ausgenutzt", sagt ein Bauüberwacher des Berliner Flughafens. "Die kamen immer wieder mit dauerhaft extrem hohen Forderungen."

"Imtech macht ein Geschäft mit dem Stillstand", sagt ein Architekt, "von anderen Firmen unterscheidet sie sich vor allem in Dreistigkeit und Größenordnung der Forderungen."