Prozentrechnung müssten ihre Schüler längst können: Ein Autohändler besitzt 400 Autos, er verkauft davon drei Prozent. "Wie viele Fahrzeuge sind das dann?", fragt Vanessa Fernandez und reißt die Augen auf. Ihre Schüler starren zurück, ein paar seufzen. Einfachster Dreisatz. Stoff aus der Siebten. Und so viel Ratlosigkeit. "Stöhnt nicht so viel!", ermahnt die Lehrerin ihre Achtklässler. "Formeln haben auch Gefühle!" Ein Junge, er soll hier Murat heißen, weil er wie alle anderen Kinder seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, nickt und wippt mit dem Oberkörper vor und zurück. So lange, bis es aussieht, als nicke alles an ihm. Das macht er meist, wenn er aufgeregt ist. Murat ist immer der Erste, der auffällt. Wer ihn sieht, weiß, dass die Klasse 8.3 anders ist.

Der autistische Murat ist nur eine von vielen Figuren in einem Stück namens Inklusion. Bekannt als eine der umstrittensten Inszenierungen innerhalb des deutschen Bildungstheaters. Ohne Probe, ohne Testlauf wurde es auf die Bühnen unserer Schulen geholt, ohne dass sich Menschen wie Vanessa Fernandez darauf vorbereiten konnten. Als die Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) 2011 beschloss, in diesem Stück mitzuspielen, kam die Mathelehrerin gerade aus dem Referendariat; über das Unterrichten behinderter Schüler hatte sie dort nichts erfahren. Der Klassenlehrer Frank Dopp hatte zu diesem Zeitpunkt schon weit mehr als zwanzig Lehrerjahre hinter sich. Ihn reizte das Experiment, der Bruch mit der Routine. Einen Autisten wie Murat jedoch hatte Dopp noch nie im Unterricht. Auch keinen wie Tuna, dessen Aggressionen so heftig und unerwartet wie ein Tornado über die Klasse kamen. Auch keinen wie Alex, der durch sein Quietschen und Schreien einen Sound in die Klasse brachte, der sich nur durch Mitmachen ertragen ließ. Irgendwann jedenfalls machte die halbe Klasse Geräusche. Das war der Moment, in dem Dopp und seine Kollegen dachten, dass sie durchdrehen.

Der Einzige, der Ahnung hatte von Kindern, die schnell aufbrausen, Ticks entwickeln, keine Struktur in ihre Arbeit bringen, Probleme mit Buchstaben und Zahlen haben, war Siebo Donker. Ein Sonderschulpädagoge, der froh war, die Förderschule verlassen zu dürfen. Oft genug hatte er dort Angst bekommen, "selbst zu verblöden".

Bremen hat die inklusive Schule als erstes Bundesland bereits 2009 ins Schulgesetz geschrieben. Gleich nachdem Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und sich verpflichtet hatte, jedem Kind die gleiche Bildung an einer Grund- oder weiterführenden Schule zu ermöglichen. Egal, ob es gesund oder behindert ist, begabt oder entwicklungsverzögert, ruhig oder verhaltensauffällig. In Bremen besuchen bereits 77 Prozent aller Schüler mit besonderem Förderbedarf eine Regelschule.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Seitdem Dopp und Donker gemeinsam mit Vanessa Fernandez und der Sozialpädagogin Astrid Möllmann vor vier Jahren ihre erste Inklusionsklasse übernommen haben, fahren wir einmal im Jahr an die GSO, um zu sehen, wohin das Großexperiment führt. Ob das Versprechen auf gleiche Chancen für alle Kinder einzulösen ist. Ob das gemeinsame Lernen die Perspektiven der förderbedürftigen und behinderten Kinder verbessern kann. Man sagt ihnen nun: Ihr gehört dazu. Verändert das ihre Zukunft? Werden sich Murat, Alex, Tuna, Elena und Max aus der 8.3 nach der Schule mehr zutrauen? Vor allem aber: Was trauen wir ihnen zu?

Es ist unser vierter Besuch an der GSO seit 2012. Was in diesem Jahr anders ist: Murat sitzt nicht mehr allein an seinem Tisch. Eine Schulbegleiterin flüstert ihm die Regeln der Prozentrechnung ein. Murat habe aus der siebten Klasse nichts mehr gewusst, sagt sie nach der Stunde. Sie fragt sich, ob er morgen auch schon alles wieder vergessen haben könnte, was sie ihm soeben erzählt hat. Murat sagt: "Die will mir immer helfen, aber ich brauche ihre Hilfe gar nicht." Übersetzt könnte das heißen: Wenn mir schon einer helfen muss, dann soll das Siebo Donker sein! Murats Anker in dieser Welt, die ihm immer noch ein wenig unheimlich ist. "Herr Donker, Herr Donker!", ruft der Junge immer und überall, wenn er den großen, dunkel gelockten Mann sieht. Murat fordert mehr, als Donker ihm geben kann.

In den 14 Stunden, in denen der Sonderschulpädagoge die Fachlehrer unterstützt, ist er für alle Inklusionsschüler zuständig. Die Fachlehrer hätten ihn gern immer dabei. Wenn Donker im Raum ist, kann sich der Lehrer auch mal auf Schüler konzentrieren, die nie auffallen, problemlos mitlaufen. Er muss sich dann nicht permanent Alex widmen, der nicht anfängt zu arbeiten und lieber Werbeslogans vor sich hin murmelt, und kein schlechtes Gewissen haben, wenn er Tuna oder Elena mal eine Stunde lang ignoriert. Donker als Zweitbesetzung ist ein sicheres Mittel gegen das Gefühl, "sich 45 Minuten lang mitten im Schleudergang einer Waschmaschine zu befinden", wie manche Lehrer den Unterricht in der Inklusionsklasse beschreiben.

"Ich möchte endlich mal wieder dahin kommen, dass mein Unterricht nicht zufällig gut verläuft, sondern weil ich ihn gut geplant habe", sagt Frank Dopp, und das ist nur einer von vielen Wünschen, die er seit vier Jahren mit sich herumträgt. An diesem Montagvormittag geht er ausnahmsweise mal in Erfüllung. Deutschunterricht, Balladen. Da legt Dopp plötzlich die Kreide aus der Hand, dreht sich zu seiner Klasse um und fängt an zu singen. Singt die Ballade vom Kaspar, gehört bei Reinhard Mey. Alle 64 Zeilen kann er auswendig. Seine Schüler begreifen schnell: Das ist nichts Alltägliches, was sie hier erleben. Und jedem fällt zu Kaspar Hauser etwas ein: Ausgrenzung, Flucht, Intoleranz. Für Dopp sind das gute Momente, wenn er alle Schüler erreicht, wenn es für einen Augenblick keine Rolle spielt, welche diagnostischen Gutachten in ihren Schülerakten stecken, und er nicht nachdenken muss über ausdifferenzierte Arbeitsblätter. Wenn das Roma-Mädchen Elena eine verblüffende Antwort gibt. Sie, die lange nicht sprach, die lange nicht schrieb.