Zwei Virgin-Angestellte in einem Prototyp eines Raumfahrzeugs ihrer Firma (Archivbild) © Daniel Berehulak/Getty Images

Die Viertelmillion Dollar für das Ticket ins All hat Karin Nilsdotter längst überwiesen. Empfänger ist Virgin Galactic in Long Beach, Kalifornien – das Raumfahrtunternehmen des britischen Milliardärs Richard Branson. Viel Geld für eine Reise, von der noch niemand genau sagen kann, wann sie überhaupt stattfinden wird. Vielleicht wird Nilsdotter gemeinsam mit anderen wohlhabenden Touristen schon in zwei oder fünf Jahren in den Weltraum aufbrechen. Womöglich auch erst in acht oder zehn. Wenn es ganz schlecht läuft, wird sie den Tag auch gar nicht mehr erleben, an dem die Triebwerke zünden, um Reisende in den Kosmos zu bringen. Aber diese Option spielt für Nilsdotter keine Rolle. Die kommerzielle bemannte Raumfahrt, da ist sie ganz sicher, steht unmittelbar bevor.

Nilsdotter glaubt das schon von Berufs wegen. Die 40-Jährige Vorstandschefin von Spaceport Sweden ist so etwas wie eine kontinentaleuropäische Version von Richard Branson. Ohne dessen Vermögen zwar, aber mit einem gemeinsamen Ziel: Touristen ins All zu bringen. Und zwar von Schweden aus. Branson sorgt für den Raumtransporter, Nilsdotter für einen Weltraumbahnhof in Esrange, eine dreiviertel Autostunde von Kiruna entfernt und etwa 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Es gibt dort mehr Rehe, Elche und Rentiere als Menschen. Im Sommer geht fast zwei Monate lang die Sonne nicht unter, und von Mitte bis Ende Dezember bleibt das Licht bestenfalls dämmrig.

Seit Mitte der sechziger Jahre starten von Esrange aus Höhenforschungsraketen und Stratosphärenballons. Sie bringen Teleskope ins All oder Satelliten in die Umlaufbahn. Nilsdotter wollte vor drei Jahren auch schon Touristen ins All schicken. Doch zuerst gab es nirgendwo auf der Welt geeignete Transportgeräte, dann Probleme mit dem Gesetz, und als es schließlich so aussah, als hätte Bransons Firma Virgin Galactic endlich ein taugliches Fluggerät konstruiert, stürzte dieses bei einem Testflug ab. Das war im vergangenen Jahr. "Ja", sagt Nilsdotter und macht eine Handbewegung, als würde sie Krümel von einer Tischplatte herunterfegen, "auf so einen Marathon muss man lange hintrainieren."

Es ist ein regnerischer Tag Ende Mai in Stockholm, und Nilsdotter sitzt mit blauem Samtblazer, wippenden Perlenohrringen und Jeans in einem kleinen Besprechungsraum: grauer Teppich, weißer Tisch, Lamellenvorhänge. Zum Treffen ist sie mit dem Fahrrad gekommen, hat schon von Weitem den Arm in die Höhe gereckt und laut "Huhu!" gerufen. Jetzt redet sie ununterbrochen, zieht ihre Augenbrauen hoch und legt die Stirn in vier Falten, sobald sie etwas erklärt. Und Nilsdotter erklärt viel. Wenn sie von den Schwierigkeiten im Weltraumtourismus spricht, beispielsweise, die bei ihr "Herausforderungen und Möglichkeiten" heißen. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die das Wort Problem vermeiden.

Nilsdotters Ziel ist es, mit dem Weltraumtourismus eine Industrie aufzubauen, die in Europa noch ganz am Anfang steht. Eine Industrie, von der Experten sagen, dass ihr weltweiter Umsatz sich in den kommenden Jahren von derzeit 300 auf dann 600 Milliarden Dollar verdoppeln werde. "Und Schweden", sagt Nilsdotter, "soll ganz an der Spitze stehen."

Man traut der blonden Frau, die von ihren High Heels auf Durchschnittsgröße katapultiert wird, Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen durchaus zu. Bei einem Unfall beim Volleyballspielen verletzte sie sich vor vielen Jahren so schwer an der Wirbelsäule, dass sie ihre Beine nicht mehr spürte. Erst nach einer aufwendigen Operation und vielen Monaten in der Reha konnte Nilsdotter wieder ohne Hilfe laufen. Seitdem ist sie mit ihrem Mann auf den Kilimandscharo und den Mont Blanc gestiegen und hat den Mount Everest erklommen. Im letzten Urlaub fuhr sie mit dem Mountainbike durch Jordanien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Nilsdotter hält es für eine Art Grundrecht, zugleich aber auch für eine Pflicht des Menschen, das All zu erkunden. Sie sagt Sätze wie: "Die Grenzen unserer Welt liegen nicht da, wo der Himmel anfängt, sondern dort, wo wir selbst sie uns setzen." Und sie ergänzt: "Wir können vom All viel lernen: Es gibt Krankheiten, die wir dort besser erforschen, physikalische und chemische Experimente, die wir auf der Erde gar nicht durchführen können."

Der Absturz des Gleiters Spaceship Two warf ihre Pläne zurück

Im Weltraumgeschäft ist sie seit fünfeinhalb Jahren und seitdem so etwas wie Schwedens Raumfahrtbotschafterin. Ständig reist sie herum. Mal ist sie in Kiruna, mal in Stockholm, mal in London, wo ihr Mann wohnt, und mal in den USA – dem Land, das in Sachen Weltraumtourismus am weitesten ist.