Um den ersten Geburtstag herum, am Übergang vom Baby- zum Kleinkindalter, erreichen Menschen die höchste Dichte an Querverbindungen zwischen den Gehirnzellen. Dann beginnt das Hirn mit der "Reduktion": Es muss Verbindungen kappen, um sich zu spezialisieren. Und der Gehirnträger wird irgendwann Juristin oder Betriebswirt.

Nun ist das nicht verboten und dem Einzelnen kann man seine Berufs- oder Studienwahl kaum vorwerfen.

In der Summe aber spürt die Gesellschaft die Folgen schmerzlich. Sie lamentiert über den Mangel an Gehirnen, die sich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz: den Mint-Fächern) zuwenden. Die Mehrheit der deutschen Studenten trägt ihr Hirn in andere Vorlesungen, besonders viele widmen sich den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Dem folgt ein großes Jammern: Ingenieur- und Fachkräftemangel, der schöne Wirtschaftsstandort, die wichtigen Forschungsfelder! Etwa beim "dritten nationalen Mint-Gipfel" der Bundesregierung Ende Juni. Oder im Wissenschaftsmagazin Nature, das gerade unter dem aktionistischen Titel Building the 21st century scientist fragt, wie wir uns bitte schön die Naturwissenschaftler des 21. Jahrhunderts basteln sollen.

Allen Gipfeln, Aufrufen und Programmen – egal, wie gut gemeint – haftet der fade Beigeschmack von Spinat an. Ja, Spinat. Der zwar im Ruf steht, wichtig zu sein. Den Eltern aber meist nur unter Einsatz von Bitten und Locken in den Kindermund bugsieren können. Ist es, wenn man für Mint mühsam Begeisterung wecken muss, also schon zu spät?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Wer mit Kindern lebt, kennt deren unstillbare Neugier, ihren anarchischen Drang zum Ausprobieren. "Forschergeist in Windeln" nennt die Psychologin Alison Gopnik das. Die Pädagogin Donata Elschenbroich spricht von "Kindern als Naturforschern". Im Jargon gesagt: Am Anfang sind wir alle Mint.

Das wirkliche Problem liegt in den Jahren, da sich die Hirne spezialisieren, die Interessen und Vorlieben so weit herausbilden, bis Jura- und BWL-Studenten übrig bleiben. Was man halt so tut, wenn für etwas ganz anderes die Vorbilder fehlen.

Jeder kennt das naheliegende Lamento: Die Schule mache das Faszinosum zum Spinat. Für alle Nichtlehrer ist das schön bequem. Etwa für all jene Erwachsenen, die mit schlechten Chemie- oder Mathe-Noten kokettieren. Für eine Gesellschaft, die ihre achtundsechzigerhafte Technikfeindlichkeit bis heute nicht überwunden hat (und die bei Debatten von Energie- über Nano- bis Gentechnik stets den Buhmann kennt). Da wollen wir bei angehenden Studenten Begeisterung wecken für das Handwerkszeug zum Erhalt unserer Zivilisation? Viel Glück! Wollen wir mehr 21st century scientists, müssen wir vor allem die kindliche Begeisterung erhalten.