Was die Ministerin wirklich ärgert, sind Fälle wie die Warhol-Verkäufe der Spielbank Westspiel in New York oder jüngst die Absicht des WDR, seine Bildersammlung in London zur Auktion zu geben. Die Humboldt-Tagebücher mussten 2013 von der öffentlichen Hand teuer gekauft werden, auch das ein Stich ins Portemonnaie. Grütters hat hier den Aufwand von Steuergeldern beklagt und den Handel wegen seiner Gier heftig kritisiert. Von einem befristeten Vorkaufsrecht der öffentlichen Hand nach britischem Vorbild will Grütters aber nichts wissen, denn auch dann drohten ja übliche Marktpreise.

Christoph Graf Douglas, Kunstberater und Vorstand bei Sotheby’s, erinnert die Ministerin freilich in einem offenen Brief an seine Version des Humboldt-Verkaufs: "Meine Vermittlungsprovision wurde vom Verkäufer gezahlt und nicht – wie von Ihnen behauptet – vom Steuerzahler."

Mayen Beckmann entsetzt vor allem, dass Dauerleihgaben in öffentlichen Sammlungen künftig per se "nationales Kulturgut" sein würden. Das stimmt zwar so nicht, aber Leihgaben, weil dem Staat ohnehin bekannt, könnten in der Tat rasch auf eine Schutzliste wandern, auch nachträglich. Beckmann macht in ihrem offenen Brief an die Ministerin ihrer Empörung Luft. Sie spricht für all jene, deren Familienbesitz ganz oder zum Teil aus gesammelter Kunst besteht: "Da diese Kunstwerke allerdings das wesentliche Vermögen der Familie darstellen, sehe ich mich gezwungen, um die ›Inhaftnahme‹ ihres Vermögens zu verhindern, die Dauerleihverträge zu kündigen und die Bilder wiederum ins Ausland zu schicken, wo Max Beckmanns Bilder schon einmal vor den Übergriffen des deutschen Staates Zuflucht gefunden haben oder entstanden sind, nachdem der Maler vor deutscher Willkür Zuflucht gefunden hatte."

Grütters möchte es für den Staat letztlich ein bisschen billiger bekommen. Dafür muss auch der Pool der nationalen Kulturgüter nach Kräften erweitert werden. Bisher sind das nur wenige Werke, verzeichnet auf eher lustlos und nachlässig geführten Listen. "Alle Kulturgüter", heißt es nun in den Erläuterungen zum Gesetzentwurf, "die Zeugnis ablegen von einer bedeutenden geschichtlichen oder kulturellen Epoche in Deutschland, kommen grundsätzlich für die Einstufung als nationales Kulturgut in Betracht."

Also nicht nur Kunst und Kunstgewerbe, sondern auch historische Hinterlassenschaften, Zeugnisse der Natur- und Technikgeschichte, Filmrollen oder Objekte mit starkem regionalem Bezug. Der Gesetzgeber will das nicht genau definieren, er möchte vielmehr im Einzelfall entscheiden. Transparenz steht nicht im Fokus. Hier wird es Streit und Prozesse geben. Auch wer vorhatte, seine schönsten Stücke der öffentlichen Hand zu überlassen, wird jetzt stutzig, wenn diese Hand schon halb auf seinen Stücken liegt. Der Staat muss sich künftig nicht mehr rechtfertigen, dass er in private Eigentumsrechte eingreift, die Begründungspflicht kehrt sich um: "Eine Ausfuhrgenehmigung darf deshalb nur erteilt werden, wenn eine Abwägung der beteiligten öffentlichen Interessen ergibt, dass das Ausfuhrinteresse überwiegt."

Der Züricher Kunsthändler Walter Feilchenfeldt, früher Präsident des Kunsthandel-Weltverbandes, wehrt sich gegen diese einseitige Betrachtung von Kultur, die fiskalische Aspekte verschweigt und so tut, als ginge es dabei nur um immaterielle Werte und um eine Verpflichtung, die Eigentum mit sich bringt: "Der Staat betrachtet die Kunst einerseits als national schützenswertes Kulturgut, und andererseits erhebt er eine Warensteuer, nämlich die Mehrwertsteuer, bei der Einfuhr und beim Verkauf im Inland, die beim Verkauf ins Ausland wegfällt. So zu tun, als wäre Kunst nur hehres Kulturgut, ist verlogen und scheinheilig."

Anders als bisher wird das Votum einer Expertenkommission über die Aufnahme in die Schutzliste nicht mehr verpflichtend sein. Die Länder könnten die Frage nach nationalem Kulturgut also in Zukunft auch von einem Regierungsrat entscheiden lassen. Nicht verwunderlich ist zudem, dass der Zoll bei Verdacht Meldung machen soll, unter Einschränkung des Brief-, Post- und Steuergeheimnisses. Ein Sammler mit gelistetem Objekt muss jeden Ortswechsel anzeigen, auch in der Bundesrepublik.

Dass Sammler dagegen rebellieren, ist verständlich. Das neue Kulturgutschutzgesetz würde bürgerliche Freiheiten in einer Weise einschränken, als ginge es hier um Geldwäsche oder Drogenhandel. Seine Regelungen stehen in keinem Verhältnis zur strafrechtlichen Relevanz möglicher Tatbestände.

Wieso aber sind die Belange privater Sammler in diesem Zusammenhang so wichtig? Da Museen in Deutschland nicht mehr über nennenswerte Ankaufsetats verfügen, werden sie bis auf Weiteres von Stiftungen, Schenkungen und Dauerleihgaben Privater abhängen. Viele namhafte Sammler haben bereits angekündigt, ihren Bestand rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die Zolllager in der Schweiz würden sich füllen.

Grütters argumentiert währenddessen, viele europäische Länder hätten bereits Ausfuhrbeschränkungen – und diese seien auch im Einklang mit dem EU-Recht. Das stimmt. Strengere Regeln gibt es nur in Italien, doch blickt Italien auf eine besondere Plünderungsgeschichte zurück. Den eigenen Kunsthandel hat es allerdings durch seine Schutzregeln gleich mit ruiniert. EU-Recht erlaubt die Ausfuhrkontrollen für Kultur, aber es schreibt sie nicht zwingend vor. Die Frage stellt sich, ob diejenige Nation, die am meisten vom Freihandel in Europa profitiert und am lautesten die Renationalisierungstendenzen in der EU beklagt, mit diesem Gesetz das richtige politische Signal setzt. Die Frage stellt sich auch, ob die kulturpolitische Rhetorik vom Kulturaustausch, von shared heritage und vom Humboldt-Forum als einem Ort, an dem die große, weite Welt neu gedacht werden soll, durch eine Rückkehr zum geschlossenen Kunsthandelsstaat nicht ad absurdum geführt wird. Das Land, das noch immer mehr Kultur importiert, als es exportiert, fühlt plötzlich das Bedürfnis, seine nationale Kultur in Objekten zu definieren und eifersüchtig darüber zu wachen. Man dachte, man wäre weiter.

Einige im politischen Berlin sind der Ansicht, die Bundesregierung sollte diesen Entwurf einkassieren und auf die heilende Kraft des Vergessens hoffen. Das ist nach der Verteidigungsoffensive der Ministerin nicht mehr möglich. Die Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes wird nach der Sommerpause kommen. Doch auch das "Strucksche Gesetz" wird zur Anwendung gelangen, wonach ein Gesetzesvorhaben den Bundestag nie so verlässt, wie es eingereicht worden ist. Unter Parlamentariern, unter Museumsleuten und Sammlern, unter Galeristen, Auktionatoren – und auch unter ihren Parteifreunden herrscht Kopfschütteln über Monika Grütters. Die Maschinerie der Schadensbegrenzung ist angelaufen, nur über den Grad der politischen Beschädigung der Ministerin herrscht noch Unklarheit. Die Ersten erinnern daran, dass sie im Herbst 2016 eine hervorragende Spitzenkandidatin der CDU bei der Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus wäre. Richtig ist, dass sie gute Chancen hätte, Berliner Bürgermeisterin zu werden.