Jetmir bedeutet: schönes Leben. Es ist ein albanischer Name. Der rechte Verteidiger des FC Lausanne heißt so: Jetmir Krasniqi. Es gibt Jetmir Mehmedi, der auf YouTube Gitarre spielt, und einen Jetmir in Deutschland, der eine Firma für Schalungsarbeiten betreibt. Möglicherweise haben diese Jetmirs ein schönes Leben.

Als Jetmir Krasnidje 16 Jahre alt war, lag das Leben als endlose Folge von Prügeleien, Drogen und Wut vor ihm. Wut auf die Eltern, die noch immer mit den Folgen des Kosovokriegs von 1999 kämpfen, Wut auf die wirtschaftliche Situation seines Landes, auf die eigene Chancenlosigkeit. 70 Prozent der Jugendlichen im Kosovo sind arbeitslos. Auch Jetmir hing untätig herum und nahm Drogen. "Ich dachte, so muss es sein. Ein Mann hat keine Gefühle. Ein Mann kennt keine Argumente. Er schlägt einfach zu."

Jetzt ist Jetmir 18. Als er in der Schule erzählte, dass er seiner Mutter im Haushalt hilft, sagten seine Kumpels: "Du Memme. Davon wird man schwul." Jetmir antwortete: "Na und, Schwulsein ist doch nichts Schlimmes." Sie sahen ihn an, als habe er eine ansteckende Krankheit. Als Jetmir sich für ein Theaterstück die Lippen rot anmalte, schämte er sich. Aber da war der Vorsatz, die Drogen und Prügeleien aufzugeben: "Ich wollte lernen, ein echter Mann zu sein." Be a Man heißt die Initiative der Jugendorganisation Peer Educators Network (PEN), die Jetmirs Leben änderte.

Sei ein Mann!? Gleich denkt man an Grönemeyers Hit Männer, doch den Anspruch auf "Verweiblichung", dem westdeutsche Männer sich seit den achtziger Jahren ausgesetzt sahen, gibt es bei der Jungmännergruppe des PEN nicht. Im Kosovo geht es darum, die Jungen vorm Abrutschen in Gewalt und Drogen zu bewahren. Sie sollen lernen, später gute Ehemänner und liebevolle Väter zu sein. Finanziert wird der Anti-Aggressions-Kurs von der Hilfsorganisation Care. Die Botschaft: Gewalt ist uncool.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Das ist kein westliches Gender-Mainstreaming, sondern ein erster Schritt hin zu einer neuen Gesellschaft, die sich um Frieden bemüht: im kleinen häuslichen Bereich wie auch im Großen, im Zusammenleben mit den serbischen Nachbarn. Die Kosovo-Albaner stehen für das schnellste Bevölkerungswachstum in Europa: Zwischen 1921 und 2003 wuchs die Bevölkerung um das 4,3-Fache. Das Durchschnittsalter im Kosovo beträgt derzeit 26,7 Jahre – im Vergleich zu 42,1 Jahren in Deutschland.

Erwachsenwerden bedeutet für jene Generation, die in die blutigen Balkankonflikte hineingeboren wurde: andere respektieren zu lernen, ohne Ansehen von Geschlecht, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit. Denn die Kriegskinder haben das patriarchale Denken der Eltern übernommen. Schon die kleinen Jungen hätten ein Männerbild, das für den Krieg tauge, aber kaum für den Frieden, erklärt Bujak Fejzullahu, PEN-Betreuer in Pristina. Sie haben entweder gar keine Väter oder aber Väter, die den großen Tagen der selbsternannten Befreiungsarmee UÇK nachhängen. Sie haben noch immer ihre Waffe im Haus und heroisieren den Krieg. Ihren Söhnen bringen sie bei: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und tatsächlich: Gewalt ist im Kosovo die dritthäufigste Todesursache.

Denn das Kosovo ist heute Europas Zentrum für Drogen- und Menschenhandel, zerfressen von Korruption und Kriminalität. Im wirren wirtschaftlichen Geflecht der Nachkriegszeit entstand eine Mafia, der man nachsagt, gewalttätiger zu sein als die Cosa Nostra. Trotzdem gibt es junge Kosovaren, die vom Krieg nichts mehr hören wollen. Die einstigen Helden, verdiente UÇK-Kämpfer, die heute in der Regierung und an anderen Schaltstellen sitzen, taugen nicht mehr als Vorbilder.

Jetmirs Held ist der Rapper Lyrical Son aus Pristina, dessen Lieder von Liebe und vom Sinn des Lebens handeln. Den Politikern, sagt Jetmir, könne man kein Wort glauben. Und von Religion, gar von Rache, will er auch nichts wissen. "Wenn jeder den anderen in Ruhe lässt, können wir wunderbar zusammenleben." Nein, Religion interessiere ihn nicht. Das Beten überlasse er seiner Mutter, und in die Moschee gehe er auch nicht. Als er kürzlich beim PEN auf serbische Altersgenossen traf, sei das Wort Religion kein einziges Mal gefallen.

"Der Konflikt zwischen Serben und Kosovaren hatte doch nichts mit Glauben zu tun, das ist einfach Quatsch", sagt Jetmir und wedelt mit der Hand, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. "Unser Problem ist, dass wir Konflikte immer gleich mit der Faust austragen. Seit sie in meiner Klasse wissen, dass ich mich nicht mehr prügele, haben sie keinen Spaß mehr daran, sich mit mir anzulegen." Be a Man hat in den letzten drei Jahren 3.000 Schüler angelockt, fast die Hälfte davon kam zu den Fortgeschrittenen-Workshops, und einige Dutzend sind feste Mitglieder der Initiative.

"Die Mädchen fahren voll darauf ab"

Jetmir wohnt mit seiner Mutter Nevi und seiner zwei Jahre älteren Schwester Fatboda in einem Vorort von Pristina, in einem Haus mit Küche, Waschraum und Garage mit Wintergarten, der zugleich Wohnzimmer ist. Dahinter erstreckt sich ein langer Garten, in dem Gemüse, knorrige Rosensträucher und Weinreben wachsen. Kurz nachdem Jetmir geboren wurde, ging sein Vater in die Schweiz und kam nie wieder.

Das Kosovo im Jahr 1996, damals autonome Provinz der Bundesrepublik Jugoslawien, war eine unruhige Region. Ein Jahr zuvor hatte die internationale Gemeinschaft auf der Friedenskonferenz von Dayton eine Autonomie des Kosovos ausgeschlossen, daraufhin begannen die ethnischen Albaner einen bewaffneten Unabhängigkeitskampf. Von Januar 1998 an lieferten sich die UÇK und die jugoslawische Armee, die hauptsächlich aus Serben bestand, erbitterte Kämpfe. Obwohl die UÇK Gräueltaten beging, hatte sie die Sympathien des Westens. Tausende Albaner flohen vor den Kämpfen, die Presse berichtete von ethnischen Säuberungen und Massengräbern. Mit dem Argument, eine humanitäre Katastrophe verhindern zu wollen, begann die Nato ohne entsprechendes Mandat der Vereinten Nationen im März 1999, Serbien zu bombardieren. Dabei starben mindestens 3.500 Menschen.

In jenem Jahr verlor Nevi Krasnidje, Jetmirs Mutter, ihr Haus in einem Dorf im Norden des Landes. Es brannte nach einem Angriff der Armee ab. Nevi hat Fotos von jenem Tag, auf denen sieht man sie mit Sack und Pack von dem brennenden Haus fortgehen. Einmal dreht sie sich noch nach den Flammen um, auf dem nächsten Bild ist ihr Blick starr geradeaus gerichtet. Sie ging nach Pristina, wo ihr Bruder lebt, und zog mit den Kindern in jenes kleine Haus mit Garten. Alleinerziehende Mutter im bitteren Nachkrieg: Das war kein leichtes Schicksal. Sie brauchte die Unterstützung beider Kinder; nicht nur die Tochter, auch Jetmir lernte kochen und Wäsche waschen.

Die Arbeitslosigkeit im Kosovo beträgt heute 45 Prozent, offiziell. Der Westen, dessen vermeintlicher Glamour im Fernsehen zu sehen ist, verschließt seine Grenzen für Kosovaren, weil deren politischer Status ungeklärt ist. Lediglich Bulgarien und Albanien stehen ihnen offen. Die weite Welt, die sich die Unabhängigkeitskämpfer erträumten, bleibt verschlossen.

Und dann Pristina, diese graue Stadt in grauer Kohlestaubluft. Inzwischen hat sie Cafés und vegane Restaurants, Diskotheken, Clubs und Fitnessstudios – doch nur für die solvente Mittel- und Oberschicht. Ärmere Jugendliche verbringen ihre Freizeit auf der Straße. Auch deshalb ging Jetmir zu Be a Man: Dort gab es einen geheizten Raum, Tee, Kaffee, Kekse und immer jemanden zum Reden. So kam er wieder, nahm teil an Gesprächen über Geschlechterrollen, Verhütung und Respekt gegenüber Homosexuellen. Indem er argumentieren lernte, wuchs sein Mut, eine Meinung zu haben. Bald folgten ihm die härtesten Jungen seiner Clique zu den Treffen des PEN.

Der hübsche Korab zum Beispiel, 17 Jahre, der gern Mädchen beleidigte und sich heute in Galanterie übt. Die Zwillinge Agon und Art, 18 Jahre, die keiner Droge abgeneigt waren und inzwischen nicht einmal mehr eine Zigarette anrühren. Sie träumen davon, mit dem Fahrrad durch ganz Europa zu fahren. Da ist Jakob, 19 Jahre, der gern aufhören würde, sich zu prügeln, aber seine Aggressionen noch nicht im Griff hat. Sie alle vertreten nun die Devise: "Bonu burre", sei ein Mann, nutze dein Gehirn.

Im Januar 2014 bekamen sie Besuch von dem deutschen Serienschauspieler Steffen Groth. Er probte mit ihnen das Theaterstück Lippenstift für harte Kerle: Am Anfang gibt es Prügelszenen, am Ende spülen die Kerle das Geschirr. Jetmir spielte die Mutter, mit Kopftuch. Es fiel ihm anfangs schwer, weil er wusste, viele aus seiner Schule würden zur Aufführung kommen. Doch dann entdeckte er die Komik seiner Rolle und reizte sie aus. "Ich finde es interessant, mal eine Frau zu sein. Als Mann weiß man ja nicht, wie das ist mit Schminke und Pumps." Seither fühlt er sich im realen Leben den Frauen näher: Ohne Hemmungen küsst und umarmt er seine Mutter, kuschelt mit seiner Schwester. "Die Mädchen fahren voll darauf ab", grinst er. "Ich behandle sie wie ein Gentleman. Und wenn eine das nicht gut findet, sage ich ihr: Eh, arbeite doch mal an deinem Männerbild!"

Nevi Krasnidje wird mit ihren beiden Kindern demnächst in ein großes Haus ziehen. Ihr Bruder hat es gebaut. Fünf Zimmer, Heizung, funkelnde Armaturen im Bad. Davor ein Garten, in dem sie mit Jetmir Kräuter und Rosen pflanzen will. Jetmir will dem Onkel das Geld zurückzahlen, indem er Architektur studiert und erfolgreicher Architekt wird. "Ach, Junge", sagt seine Mutter, "vielleicht willst du von dem verdienten Geld lieber ein eigenes Haus bauen." – "Aber Mama", entgegnet Jetmir lachend, "ich wohne doch für immer bei dir."