Am Donnerstagmorgen erhielt ich die Nachricht, auf die ich mehr als neun Monate lang gewartet hatte. "Heute Abend soll sie freikommen", schrieb der Anwalt Zhou Shifeng. Am 2. Oktober 2014 war meine Freundin und Assistentin Zhang Miao, 41, in der Nähe von Peking verhaftet worden (ZEIT Nr. 2/15). Sie war auf dem Weg zu einer Dichterlesung, bei der die Occupy-Central-Proteste in Hongkong unterstützt werden sollten. Seither war sie in Haft, die Sicherheitsbehörden warfen ihr "Erregung öffentlichen Ärgernisses" vor. Der Einzige, der in dieser Zeit Kontakt zu ihr haben durfte, war der Anwalt Zhou.

Ich sah lange auf die chinesischen Schriftzeichen der Nachricht aus Peking, ich konnte kaum glauben, was da stand. "Sie haben das Verfahren eingestellt", schrieb Zhou, "heute Abend um zehn werden wir sie abholen." "Mann, wenn das wahr werden sollte ...!", antwortete ich. "Du bist der Beste!" – "Ich würde dich grad gern umarmen", schrieb er zurück.

An diesem Tag schaute ich alle paar Minuten auf die Uhr. Zehn Uhr abends chinesischer Zeit, das ist vier Uhr nachmittags in Deutschland. Um 16.36 Uhr dann die Nachricht von Zhou: "Sie ist draußen." Kurz darauf hörte ich zum ersten Mal wieder die Stimme von Miao via Voicechat.

Neun Monate lang hatten sich die Bundesregierung, die deutsche Botschaft in Peking, DIE ZEIT, internationale Medien und Bürgerrechtsgruppen intensiv um Miaos Freilassung bemüht. Unzählige Menschen, Fremde wie Bekannte, hatten Anteil genommen, ihre Unterstützung angeboten. Und doch hatte ich mich nie zuvor so ohnmächtig gefühlt. Jetzt war die Sorge auf einmal weg.

Am nächsten Morgen erreichte mich eine Nachricht von Miao, um 7.57 Uhr chinesischer Zeit über den Account ihrer Freundin abgeschickt. Ihre Stimme klang leise, gepresst: "Wir sind in einem Zimmer im 7Days Inn in Songzhuang. Drei große Männer haben gerade Rechtsanwalt Zhou mitgenommen. Sie haben seine Hände nach hinten gedreht, Kleidung um seinen Kopf gewickelt."

Sie hatten Zhou Shifeng geholt. Er hatte es geahnt. Man hatte ihn gewarnt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Zhou war nicht das einzige Opfer. In den nächsten Tagen holte die Regierung zu einem beispiellosen Schlag gegen Bürgerrechtsanwälte, Kanzleimitarbeiter und Aktivisten aus. 159 von ihnen sollen festgesetzt worden sein, darunter mindestens sieben Mitarbeiter aus Zhous Pekinger Kanzlei Fengrui. 96 Menschen waren bis zum Dienstag wieder freigekommen. Zhou Shifeng und sechs Kollegen seiner Kanzlei sind aber nach wie vor festgesetzt, allem Anschein nach wurde gegen sie ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet. Zwei weitere Kollegen sind verschwunden.

Ich wollte Miao nicht anrufen, weil ich davon ausging, dass sie unter strenger Beobachtung stand. Auf Umwegen erfuhr ich, was in dieser Nacht geschehen war.

Miao hatte im Künstlerdorf Songzhuang in der Nähe von Peking mit Familie und Freunden ihre Freilassung gefeiert. Aber bei aller Euphorie muss Miao an diesem Abend große Angst gehabt haben. Anwalt Zhou tröstete sie. Gegen zwei Uhr nachts war die Party zu Ende, Zhou, Miao und eine Freundin beschlossen, die Nacht im Hotel zu verbringen. Das 7Days Inn gehört zu einer landesweiten Hotelkette, es ist günstig, aber sauber. Miao und ihre Freundin schliefen in Zimmer Nummer 301, Anwalt Zhou in Zimmer 302. In der Früh hörten die Freundinnen im Halbschlaf die Stimme einer Hotelangestellten, später ein anderes Geräusch. Es war 7.20 Uhr. Sie öffneten die Tür einen Spalt, schauten um die Ecke und sahen gerade noch, wie drei kräftige Männer in Zivil, ungefähr 1,85 groß, den Anwalt Zhou abführten. Die Freundinnen schlossen leise die Tür, sie fürchteten, dass die Männer gleich zurückkommen würden, um sie zu holen. Doch keiner kam.

Einen Monat vorher hatte Zhou mir geschrieben: Man habe ihm einen Hinweis gegeben. Ein Freund, eine Kontaktperson, wer genau es war, wollte er nicht sagen. Die Behörden seien wütend, weil er nicht "kooperiere", sie könnten Rache an ihm nehmen. "Staatsfernsehen", hatte die Kontaktperson angedeutet. Zhou hatte sofort gewusst, was gemeint war. Jeder in China weiß das. Will die Partei einen Menschen öffentlich diskreditieren, präsentiert sie ihn zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen – gern in Häftlingskleidung, obwohl noch kein Gericht ein Urteil gesprochen hat. Der "Sünder" muss vor dem ganzen Volk lang und breit seine Verfehlungen gestehen, oftmals im Parteijargon. Bisweilen kommen dabei auch private und sexuelle Eskapaden zur Sprache, eben all das, was in China in schönster maoistischer Tradition zuofeng wenti genannt wird: ein Problem des Lebensstils. In aller Öffentlichkeit zelebriert die Partei eine Rufmordkampagne, die abschrecken und erniedrigen soll. Darauf erst folgt die juristische Verurteilung. Natürlich unterzieht sich kein Mensch freiwillig einem solchen Ritual, die Sicherheitsbehörden müssen also entsprechende "Überzeugungsarbeit" leisten.

In China gibt es keine unabhängigen Gerichte

Gemeinsam haben Zhou und ich damals überlegt, wie wir ihn schützen könnten. "Soll ich andere Anwälte beauftragen?", fragte ich ihn. Seine Antwort war eindeutig: "Ich mache weiter." Von diesem Moment an machte ich mir nicht nur große Sorgen um Miao. Sondern auch um Zhou Shifeng.

Ich hatte Zhou kurz nach Miaos Verhaftung in Peking getroffen. Wir waren sehr froh, dass er sich bereit erklärt hatte, diesen politisch heiklen Fall zu übernehmen. Nachdem ich China verlassen hatte, kommunizierten wir alle paar Tage über Chat und Telefon. Wir freundeten uns an. Wir versuchten, sichere Kanäle zu finden, machten uns aber keine großen Illusionen, dass wir der Überwachung durch chinesische Sicherheitsbehörden entkommen könnten. Manchmal wurde unser Gespräch 20, 30 Mal unterbrochen. Einmal, als unsere Kommunikation überhaupt nicht klappen wollte, bat ich den Korrespondenten Kai Strittmatter von der Süddeutschen Zeitung, sich mit Zhou in Peking zu treffen. Ich hatte gelernt, dass Zhou kaum schlief. Oft antwortete er morgens um vier oder fünf chinesischer Zeit auf meine Nachrichten.

In all den Monaten hatten wir nicht ein Mal über sein Honorar gesprochen. Ein paar Mal hatte ich das Thema erwähnt, er aber sagte jedes Mal: "Das machen wir, wenn sie frei ist." Zhou ist Idealist. Einer jener Anwälte, die China gern zu dem machen würden, was es vorgibt zu sein, ein Rechtsstaat. Weiquan-Anwälte heißen sie in China: die, die für das Recht kämpfen.

Seit Beginn der Reformpolitik 1978 hat China immer mehr Gesetze erlassen, längst füllen sie Bibliotheken. Das Recht wurde wichtiger, die juristische Ausbildung anspruchsvoller. Wo früher Barfußrichter Recht sprachen, sind es heute ausgebildete Richter. Doch bis heute herrscht in China keine Gewaltenteilung. Kein Gericht ist unabhängig, die Verfassung ist nicht höchste Instanz. Die Partei steht über dem Recht, es ist ihr untertan.

Und doch haben die Gesetze kleine Freiräume geschaffen, die Bürgerrechtsanwälte wie Zhou zu nutzen versuchen. Mühsam gehen sie den Weg durch die gerichtlichen Instanzen, von Verhandlung zu Verhandlung, von Fall zu Fall. Bisweilen werden sie bedroht, geschlagen, erniedrigt oder selbst verhaftet, einfach nur, weil sie ihrer Arbeit nachgehen. Indem sie handeln, als sei China ein Rechtsstaat, versuchen sie, es genau dazu zu machen.

Zhou, 1964 geboren, hatte im Jahr 1993 mit dem Jurastudium begonnen. Seit 1998 arbeitet er als Anwalt. Er mag seinen Beruf, weil er abwechslungsreich ist und er sich darin ausdrücken kann, auch wenn die Herausforderung gewaltig ist. "Inzwischen gibt es zwar mehr Gesetze, doch die Menschen haben keine Vorstellung von Gerechtigkeit", erzählte er einmal. Wieder und wieder habe er erlebt, wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte eine Interessengemeinschaft bildeten. Es sei, sagte Zhou, als wolle man in einer Familie den Rechtsstaat einführen – doch die Eltern entschieden alles. Seine Pekinger Anwaltskanzlei Fengrui hatte schon vorher schwierige Fälle betreut, etwa den des uigurischen Wirtschaftsprofessors Ilham Tohti, der wegen Separatismus zu lebenslanger Haft verurteilt wurde – ein Urteil, das im Ausland stark kritisiert wurde. Zhou selbst sei aber nicht direkt damit betraut gewesen.

Miaos Fall war heikel. Ihre Akte umfasste 4.000 chinesische Seiten, auf Deutsch wären das sehr viel mehr. Die Akte wanderte mehrmals von den Sicherheitsbehörden zur Staatsanwaltschaft und wieder zurück, ohne dass es zu einer Verhandlung kam. Offenbar gab es dafür Gründe. Die Behörden wussten, dass ein Prozess genau verfolgt werden würde, die internationale Aufmerksamkeit für Miaos Fall war sehr groß. Welche Beweise konnten sie präsentieren? Miao hatte zugegeben, eine Dichterlesung besuchen zu wollen – das aber war nach chinesischem Recht kein Straftatbestand. Miao hatte zugegeben, im September 2014 ein paar Kerzen gekauft zu haben, um vor der Polizeiwache in Songzhuang gegen das Verbot des unabhängigen Filmfests zu protestieren – würde das aber für eine Verurteilung nach dem Paragrafen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" ausreichen?

Die Behörden drängten Zhou, mit ihnen zu kooperieren. Er lehnte ab. Käme es zu einer Gerichtsverhandlung, sagte er, würde er aussagen, wie die Sicherheitsbehörden versucht hätten, Beweise von Miao zu erzwingen. Kurz nach ihrer Festnahme wurde sie in ein schwarzes Gefängnis gebracht, einen Ort, den es von Gesetz wegen gar nicht geben dürfte, wo man sie vier Tage und Nächte am Schlafen hinderte. Schließlich stellten die Behörden das Verfahren ein.

Auf die gute Nachricht folgte die Schreckensmeldung: der crackdown auf Zhou Shifeng und all die anderen Anwälte, Assistenten und Aktivisten.

Am Sonntag veröffentlichte die Volkszeitung, das oberste Parteiorgan, einen Artikel: Anwälte, heißt es in dem Text, hätten ein "kriminelles Syndikat gebildet, wobei sie die Fengrui-Kanzlei als Plattform gebrauchten". Diese habe seit 2012 Aufstände organisiert und "auf diese Weise ernsthaft die soziale Ordnung gefährdet". Zhou stünde im Herz der Organisation. "Bösartige Manipulatoren" hätten Demonstrationen organisiert, um Gerichte unter Druck zu setzen. Das angebliche Verbrechersyndikat bestehe aus Bürgerrechtsanwälten, ihren Gehilfen und Petitionären, die "sensible Fälle zu politischen machten, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregten und zur Unzufriedenheit mit der Regierung anstifteten". Doch während sie "vorgaben, für ›Rechte‹, ›Gerechtigkeit‹ und ›öffentliches Interesse‹ zu streiten", hätten sie in Wahrheit "auf schwerwiegende Weise die soziale Ordnung gestört und versucht, ihre bösartigen Ziele zu erreichen". Es sei ihnen um "Geld, Ruhm und soziales Chaos" gegangen.

Leicht hatten es Bürgerrechtsanwälte noch nie. Derzeit haben sie es besonders schwer. Vor ein paar Monaten erschien ein Artikel in der Onlinezeitung China Daily Show. Dort parodieren anonyme Auslandskorrespondenten Stil und Inhalt chinesischer Parteimedien. Bürgerrechtler sehnten sich voll Wehmut nach den Jahren der liberalen Vorgängerregierung von Hu Jintao und Wen Jiabao, hieß es dort. Der Artikel war satirisch gemeint, das Erschreckende aber ist: Es stimmt. Liberal war auch die Regierung Hu/Wen nicht, auch damals wurden unzählige Menschen willkürlich verhaftet, starben Untersuchungshäftlinge in Polizeigewahrsam. Und doch erscheinen jene Jahre im Vergleich zur Regentschaft des heutigen Präsidenten Xi Jinping wie eine Ära der Entspannung, in der die Machthaber kleine Freiräume zuließen und Premier Wen Jiabao öffentlich für mehr Liberalität plädierte. Xi Jinping dagegen hat allen Ideen, die auch nur im Entferntesten eine politische Reform verheißen könnten, den Kampf angesagt. Innerhalb von zweieinhalb Jahren gelang es ihm, alle Macht auf sich zu konzentrieren, zum mächtigsten Führer seit dem Reformer Deng Xiaoping zu werden. Schon vor zwei Jahren definierte das Zentralkomitee mit seinem "Dokument Nummer 9" sieben "westliche" Diskurse über Konstitutionalismus, universelle Werte und Zivilgesellschaft, die es als besonders "schädlich" ansah. Seither werden Universitäten und Zivilgesellschaft von diesen Werten "gereinigt". Von besonderer Bedeutung ist auch das Internet, sei es doch, wie kürzlich die Tageszeitung der Volksbefreiungsarmee schrieb, ein "ideologisches Schlachtfeld", auf dem China "feindliche westliche Kräfte" bekämpfe. Getrieben von der Angst, die Herrschaft der Partei könnte bedroht sein, ist Xi Jinping bestrebt, die wenigen Freiräume, die es im Land gibt, einzuengen.

Übergriffe auf Bürgerrechtsanwälte nehmen zu

Diesen Geist atmet auch das neue Sicherheitsgesetz. Es definiert "Sicherheit" außerordentlich weit, formuliert weitreichende Kompetenzen für die Sicherheitsbehörden, ohne dabei ins Detail zu gehen – Polizei und Stasi dürfen die Paragrafen also nach Belieben auslegen. Derzeit kursiert auch ein Gesetzentwurf, der den Umgang mit westlichen Nichtregierungsorganisationen regeln soll. Würde er Gesetz, dürfte er den internationalen Austausch des Landes empfindlich schwächen. Geplant sind zudem neue Regeln zur Gerichtsordnung, die das Verhalten von Anwälten vor Gericht kriminalisieren.

"Gewalt gegen Bürgerrechtsanwälte hat es vorher schon gegeben", sagt Eva Pils, deutsche Expertin für chinesisches Recht am King’s College in London. "Doch haben die Übergriffe und Rufmordkampagnen in jüngster Zeit stark zugenommen." Zu beobachten sei die entschiedene Ablehnung liberaler Werte, für die man unter der vorherigen Administration offener war. "Dazu kommt die Idee, dass das chinesische Volk Feinde hat und dass man durch öffentliches Anprangern allen zu verstehen geben muss, wer diese Feinde sind."

Wo Sicherheitsbehörden ungestört schalten und walten dürfen, regiert die Willkür. Wobei schon die Weise, auf die man Anwalt Zhou abführte, suggeriert, dass man sich nicht mal mehr die Mühe macht, den Anschein von Rechtsstaatlichkeit zu wahren. Wie sagte doch Zhou Shifeng? "Dies ist eine Zeit in China, die großartige Anwälte erschafft. Hier müssen Anwälte Mut, Weisheit und Gewissen haben." Parteinahe Medien melden, Zhou Shifeng sei nun verhaftet. Der Verdacht lautet auf nicht näher genannte "schwere Verbrechen".

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio