Eigentlich herrscht ja Partylaune bei Microsoft. Ende Juli kommt Windows 10 auf den Markt, ein neues Betriebssystem "für Weltveränderer". Was Konzerne halt so sagen, wenn sie neue Produkte vorstellen. Gedämpft wird die Vorfreude nur durch die Ankündigung der vergangenen Woche, wonach der Softwarekonzern aus Redmond bei Seattle 7,6 Milliarden Dollar im Zusammenhang mit dem Mobiltelefon-Geschäft abschreiben will. Zusätzliche etwa 800 Millionen Dollar soll die Restrukturierung kosten, die den Abbau von 7.800 Arbeitsplätzen einschließt. "Ich nehme solche Entscheidungen nicht auf die leichte Schulter, weil sie das Leben von Menschen betreffen, die viel für Microsoft gegeben haben", teilte Satya Nadella seiner Belegschaft per E-Mail mit. Was Konzernchefs halt so herummailen bei Entlassungen.

Weitere Details dürften nächste Woche bei der Vorlage der Geschäftszahlen bekannt werden. Nadella beendet damit jedenfalls die kurze, heftige und von Anfang an unheilvolle Beziehung zwischen Microsoft und dem finnischen Handyproduzenten Nokia. Sie sind gemeinsam an dem gescheitert, was sie auch allein nicht vermocht haben: Den Markt für Smartphones zu erobern, den Firmen wie Apple, Samsung und Google dominieren.

Der Fall Nokia illustriert, wie schnell als unbesiegbar geltende Unternehmen zu Verlierern werden können und welche Prognosekraft den Worten von Managern innewohnt. Denen von Steve Jobs zum Beispiel, dem mittlerweile verstorbenen Apple-Chef, der am 9. Januar 2007 das erste iPhone vorstellte. "Ein wegweisendes und magisches Produkt", sagte er, wie das Konzernchefs halt so tun bei solchen Gelegenheiten. Aber in dem Fall war es sehr weitsichtig.

Nokia war zu diesem Zeitpunkt der größte Handyhersteller der Welt. Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo muss etwas geahnt haben, als er zugab, Nokia stehe "an der Schwelle zu einer neuen Ära der mobilen Kommunikation". Das ist das mobile Internet.

Was das bedeutet, wurde hierzulande vielen erst etwas später bewusst, als Nokia 2008 sein Handywerk in Bochum schloss und 2.300 Arbeiter entließ. Es war die letzte Produktionsstätte für Handys in Deutschland, deswegen war die Sache auch so emotional. Die Gewerkschaft IG Metall prangerte die "Gewinnsucht des Managements" an. Lokalpolitiker forderten, Nokia solle die für Bochum erhaltenen Subventionen zurückzahlen. Die Finnen jedoch verlegten ihre Produktion nach Rumänien, wofür es ebenfalls Subventionen gab, die aber ebenso wenig nutzten, weswegen sie auch diese Fabrik bald wieder schlossen.

Vordergründig wurde die Frage diskutiert, ob die Lohnkosten in Deutschland im Vergleich zu denen in Rumänien nicht zu hoch seien. Und ob in Deutschland überhaupt noch Zukunftstechnologie produziert werden könne. Dabei übersah man in Wahrheit bloß, dass es sich bei einfachen Handys nicht um die Technik der Zukunft, sondern um die der Vergangenheit handelte. Spätestens als Steve Jobs das iPhone in die Kameras hielt, war die Sache klar. Die Finnen hatten diesem Smartphone nichts entgegenzusetzen. Zwar bauten sie hervorragende Geräte. Aber für das iPhone konnten andere Unternehmen leichter Software programmieren – und diese Apps machten das iPhone populärer und brachten Geld.

Von da an wurden bei Nokia viele große Reden geschwungen, in denen sehr oft das Wort Restrukturierung vorkam. Kallasvuo ging, und mit dem Kanadier Stephen Elop übernahm im Herbst 2010 zum ersten Mal in der Firmengeschichte ein Nichtfinne den Vorstandsvorsitz bei Nokia. Schon das schien vielen Mitarbeitern der Anfang vom Ende zu sein, Elop kam schließlich direkt von Microsoft. Kritiker argwöhnten, er sei bloß ein "U-Boot aus Redmond" und solle Nokia für einen Verkauf an Microsoft vorbereiten. Offiziell war davon keine Rede.

Allerdings entdeckte Elop bald einen gewaltigen Restrukturierungsbedarf im eigenen Haus. Den von ihm geführten Konzern bezeichnete er Anfang 2011 in einer E-Mail sogar als "brennende Ölplattfom". Die Metapher wird Nokia nicht mehr los, auch nicht, als Elop in der Folgezeit 40.000 Arbeitsplätze abbaute, zahlreiche Fabriken inklusive des Stammwerks im finnischen Salo schloss und sogar das Hauptquartier bei Helsinki verkaufte. Half aber alles nichts.

Nur wenige Tage nach seiner Brandmail trat Elop gut gelaunt und zuversichtlich ins Scheinwerferlicht, das den Innenhof einer neoklassischen Villa am Hafen von Barcelona erleuchtete. Dort verkündete er, künftig eng mit Microsoft zusammenarbeiten zu wollen. Dessen Chef Steve Ballmer kannte Elop ja schon von früher – und gemeinsam hatten die beiden große Pläne: Die Finnen sollten die Geräte liefern und die Amerikaner die Software. Ein "neues Ökosystem" sollte so entstehen, sagte Elop, "ein Rennen mit drei Pferden" gegen Google und Apple. Ein Google-Manager spottete im Internet: "Zwei Truthähne ergeben noch keinen Adler." Was Manager halt so sagen, wenn sie originell sein wollen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Die folgenden zweieinhalb Jahre bestätigten den Spötter: Nokia-Handys mit Microsoft-Betriebssystem gewannen keine nennenswerten Marktanteile. Weitere Restrukturierungen waren nötig, und im Herbst 2013 verkaufte Nokia seine Handysparte für mehr als fünf Milliarden Euro an Microsoft. Bei den Finnen verblieben die kleineren Geschäftsfelder mit Netzwerktechnik und digitalen Karten. Um diese darf sich heute Rajeev Suri kümmern, der neuer Nokia-Chef wurde, weil Stephen Elop wieder zurück zu seinem alten Arbeitgeber Microsoft nach Redmond wechselte. Für seine geleisteten Dienste erhielt Elop eine Abfindung in Höhe von 24,2 Millionen Euro.

Steve Ballmer blieb danach noch einige Monate lang Vorstandsvorsitzender von Microsoft. Im Frühjahr 2014 zog er in den Aufsichtsrat und übergab die Verantwortung an Satya Nadella. Der neue Chef strich umgehend 12.500 Jobs bei dem frisch gekauften Handygeschäft. Half aber auch nicht. Deswegen kommen nun 7.800 Stellenstreichungen und die Abschreibungen hinzu. Ziel der Maßnahmen laut Nadella: "Kurzfristig werden wir ein effizienteres und fokussiertes Portfolio an Mobiltelefonen anbieten und die Kapazitäten behalten, um uns langfristig im Mobilitätsbereich neu zu erfinden." Was Konzernmanager halt so sagen.

Steve Ballmer gab seinen Aufsichtsratsposten bei Microsoft übrigens schon nach einem halben Jahr wieder auf und kaufte sich für zwei Milliarden Dollar einen Basketballclub aus Los Angeles. Stephen Elop wird den US-Konzern im Zuge der jüngst beschlossenen Restrukturierung verlassen und ist bereit für neue Aufgaben. Nokia-Chef Rajeev Suri erwägt für Ende 2016 einen Wiedereinstieg der Finnen ins Handygeschäft. Es ist kompliziert.