Die Autobiografie von Oliver Sacks", sagten mehrere Leute, denen ich von der Lektüre berichtete, "die ist doch nicht neu, die habe ich doch schon gelesen?" Sie meinten Onkel Wolfram, ein Buch über die Kindheit des Autors, das in den 1940er Jahren endet, um Sacks’ 15. Lebensjahr herum. Die im April auf Englisch und jetzt auf Deutsch erschienene Autobiografie On the Move: Mein Leben deckt die Zeit von 1950 bis 2009 ab. Sacks schreibt darin schon wieder mit solcher Begeisterung über Wissenschaft, dass man umgehend den eigenen Beruf an den Nagel hängen und Forscher werden möchte. Genau genommen wollte ich nach Lektüre seiner Bücher nicht nur Forscher werden, sondern Oliver Sacks sein, daran hat sich nichts geändert, seit ich im Alter von 20 Jahren Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte im Bücherregal meiner Großmutter entdeckte. Leider hat dieser Wunsch keineswegs zu einem Medizinstudium oder sonst etwas Praktischem geführt, ich war zu sehr damit beschäftigt, außerdem noch 30 andere Leute sein zu wollen, und dann kommt man natürlich zu nichts.

Mein Kummer darüber, dass ich nicht Oliver Sacks geworden bin, wird durch die Autobiografie immerhin ein bisschen gelindert, und zwar durch die Auskunft, dass der Autor, seitdem im Juli 1973 eine kurze Affäre zu Ende ging, 35 Jahre lang keinen Sex hatte. Sacks ist, wie er in On the Move zum ersten Mal öffentlich erwähnt, schwul und war dem Sex mit Zufallsbekanntschaften nicht abgeneigt, der allerdings, wie sich zeigen sollte, eine sehr riskante Angelegenheit wurde. Das Jahr 1973 war so gesehen ein vorausschauend gewähltes Jahr für eine Pause, auch wenn sie nicht unbedingt bis 2008 hätte dauern müssen. Ein Paralleluniversum ist denkbar, wenn auch nicht wünschenswert, in dem das Gesamtwerk von Sacks lediglich aus Migräne (1970), Awakenings: Zeit des Erwachens (1973) und vielleicht noch Der Tag, an dem mein Bein fortging (1984) bestünde.

Es war kein Leben ohne Körper: Sacks war bis in die siebziger Jahre Gewichtheber und zeitlebens "glücklicher im oder unter Wasser als an Land". Sicher auch kein Leben ohne Liebe, wenn man die leidenschaftliche Beschäftigung mit Palmfarnen, Kopffüßlern und neurologischen Fragen gelten lässt. Nicht nur demjenigen entgeht etwas, der ein Leben ohne Sex führt. Auch die Konzentration auf Paarungsangelegenheiten hat Opportunitätskosten. In einer Miniatur aus der zweiten Hälfte der siebziger Jahre begegnen sich die beiden Welten: "Ich hatte mir angewöhnt, mit einem winzigen Taschenspektroskop durch die Straßen zu gehen, um damit verschiedene Lichtarten zu betrachten und die unterschiedlichen Spektrallinien zu bewundern – die glänzende goldene Linie des Natriums, die roten Linien des Neons, die komplizierten Linien der Halogen- und Quecksilberdampflampen mit ihren seltenen Erden. Als ich an einer Bar in der Nachbarschaft vorbeikam, staunte ich über die Vielfalt farbiger Lichter in ihrem Inneren, woraufhin ich mein Spektroskop gegen die Scheibe drückte, um sie genauer zu untersuchen. Es zeigte sich allerdings rasch, dass die Gäste beunruhigt waren von diesem seltsamen Verhalten – sie glaubten, ich starre sie mit diesem eigenartigen kleinen Instrument an –, daher ging ich mutig hinein – es war eine Schwulenbar – und sagte: 'Hört mal alle einen Augenblick auf, über Sex zu reden! Schaut euch lieber etwas wirklich Interessantes an.' Einen Augenblick herrschte verblüfftes Schweigen, aber dann gewann abermals meine kindliche, naive Begeisterung die Oberhand, und sie reichten das Spektroskop einander weiter und sagten Dinge wie: 'Wow. Cool!' Nachdem jeder einen Blick hindurchgeworfen hatte, gaben sie mir das Gerät zurück und bedankten sich. Dann sprachen sie alle wieder über Sex."

Anderen Lesern mag vielleicht die Information Trost verschaffen, dass der Autor sein Leben lang "mehr oder minder von Cornflakes gelebt" hat, "oder von Ölsardinen, die ich direkt aus der Dose aß, im Stehen, in dreißig Sekunden". Das ändert sich erst, als er sich in seinem 77. Lebensjahr in den Autor Bill Hayes verliebt – "ein großes und unerwartetes Geschenk in meinem fortgeschrittenen Alter, nachdem ich mein ganzes Leben lang Distanz gewahrt hatte". Zeitlebens habe er Schwierigkeiten mit den drei Bs gehabt: bonding, belonging und believing .

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Sacks hat dem LSD "reichlich zugesprochen" und war in den sechziger Jahren amphetaminabhängig. In Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte gibt es den Bericht Hundenase über einen Medizinstudenten, der nach dem Konsum von Amphetaminen einige Wochen lang über einen extrem empfindlichen Geruchssinn verfügt. Der junge Mann ist, wie man jetzt erfährt, Sacks selbst. Im Buch taucht er unter dem Pseudonym Stephen D. auf, im Nachhinein leicht als Anspielung auf Stephen Dedalus zu entschlüsseln, das Alter Ego von James Joyce in A Portrait of the Artist as a Young Man.