Er ist kleiner als gedacht. Sein Händedruck nicht so schraubzwingengleich wie befürchtet. Und sogar blinzeln muss er gegen die Sonne. Doch es dauert keine zwei Minuten, bis man daran erinnert wird, dass da ein Titan sitzt im Café an der Talstation des Kronplatzes, des Hausbergs von Bruneck in Südtirol.

Wie lange er denn brauche, um sein neues Museum auf dem Gipfel einzurichten? Das ja jetzt - zum Zeitpunkt des Gespräches ist es Anfang Juli - immer noch nicht fertig sei, die Eröffnung aber schon in knapp drei Wochen. "Ein normaler Mensch", sagt Reinhold Messner, nippt am Cappuccino und streicht über seinen noch immer unzähmbaren Salz-und-Pfeffer-Schopf, "ein normaler Mensch brauchte dazu ein Jahr. Ich mache das in zehn Tagen."

Es nützt nichts, dass der Großbergsteiger damit nur seine Erfahrung betonen will, die er mittlerweile auch als Direktor von einem halben Dutzend Museen besitzt – der Satz verströmt augenblicklich jenes elitäre Nietzsche-Aroma, das auf den Durchschnittsmenschen so irritierend wirkt.

Corones heißt das sechste und letzte der Messner Mountain Museen, die sich in Südtirol und der italienischen Provinz Belluno verteilen und dem Thema Berg widmen. Am 23. Juli hat es ihr Initiator auf der Spitze des Kronplatzes, italienisch Plan de Corones, im Pustertal eingeweiht. Damit soll ein Projekt zum Abschluss kommen, das Messner seinen "fünfzehnten Achttausender" nennt und in dessen Sammlungen und Einbauten er so viele Millionen gesteckt hat, dass "meine Frau überzeugt war, es führt die Familie in den Ruin". Auf dem Weg zur Baustellenbesichtigung geht Messner im wiegenden Schwippgang eines Vogels. Ob das an den fehlenden sieben Zehen liegt, die ihm 1970 am Nanga Parbat erfroren?

An der Kabinenbahn zeigt er auf das Gipfelplateau, den Knotenpunkt des größten Südtiroler Skigebiets. "Im Winter herrschen da oben Aggression, Geschwindigkeit und Lärm. Das ist genau das Gegenteil von dem, was ich will." Dennoch zögerte Messner nicht, als er das Angebot erhielt, gemeinsam mit der britischen Stararchitektin Zaha Hadid auf dem Gipfel ein weiteres seiner Museen zu entwickeln. Die Baukosten von knapp drei Millionen Euro übernimmt Skirama Kronplatz, der Verband des Skigebiets. Warum, liegt auf der Hand: Während in den Wintermonaten gut 20.000 Besucher pro Tag das Areal bewimmeln, ist es im Sommer fast verwaist. Mit dem Museum soll das nun anders werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Zu zweit in der Gondel wird man das Gefühl nicht los, schon lange mit Reinhold Messner bekannt zu sein. Diese zwischen zwei Tonlagen kippende Stimme; die blauen Augen, die so adlerkühn schauen können; oder dieser berühmte Dzi-Stein im offenen Hemdkragen, den seine Museumsshops nicht verkaufen, weil man den tibetischen Glücksbringer nur geschenkt bekommen darf. Irgendwann bleibt der Blick an seinen Füßen hängen. Messner trägt tatsächlich Segelschuhe. Dabei kann er noch nicht einmal schwimmen. Seine jüngste Tochter habe ihm darum zum Siebzigsten im letzten September Schwimmflügel geschenkt, erzählt er und grinst.

Oben angekommen, breitet sich auf knapp 2.300 Meter Höhe eine Ebene aus, auf der drei, vier Fußballfelder Platz fänden. Von Aggression, Geschwindigkeit und Lärm ist jetzt im Juli wenig zu spüren. Eher von der Trostlosigkeit, die entsteht, wenn man einen Skiberg auf Teufel komm raus sommertauglich machen will. Hüpfburgen stehen herum, Klettergerüste, Indianertipis und eine 18 Tonnen schwere "Friedensglocke", die den Charme eines Kriegerdenkmals verströmt. Von fast allen Seiten laufen die Trassen von Skiliften in hässlich verspiegelte Gipfelstationen ein. Zusammen wirken sie wie ein Klassentreffen von Autobahnraststätten aus den achtziger Jahren. Rentner spazieren mit Gehhilfen, Mountainbiker im Schutzpanzer rollen über das Gras, als zögen Samurai in die Schlacht.

Der Bergsteiger Reinhold Messner bei der Einweihung seines Museums. © www.wisthaler.com

Der Blick wandert lange, bis man das Museum entdeckt. Nicht nur, weil es so weit am Rand liegt, als wolle es sich aus dieser Party des schlechten Geschmacks davonstehlen. Das Corones gräbt sich auch tief in die Erde. Der Balkon und zwei große, quadratische Fensteröffnungen schauen aus den Berghängen heraus, der Eingang lugt unter einer Kuppe hervor. Deren fahle Betoneinfassungen wirken, als bohrten sich gigantische Backenzähne durch grünes Zahnfleisch. Messner bleibt stehen und blickt zufrieden. So stelle er sich die Zukunft der Architektur in den Alpen vor, sagt er. "Das Sammelsurium auf dem Kronplatz ist der falsche Weg." Stattdessen: Entschleunigung, in die Stille des Bergs hineinbauen. "Mit dem Corones zeige ich, wie wir der Verbauung der Alpen Herr werden können. Ich sehe mich da als Tourismuspionier."