Der Atlantische Nordkaper hatte es schon früher nicht leicht. Walfänger brachen in Jubel aus, wenn sie die Blasfontäne des mächtigen Bartenwals am Horizont erkannten. Denn er ist ein langsamer Schwimmer, dümpelt an der Oberfläche herum und kann den Jägern nicht entfliehen. Die Walfänger tauften ihn "Right Whale", den "richtigen Wal". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren noch etwa hundert Tiere übrig. 1935 einigten sich die Staaten darauf, den Nordkaper zu schonen. Erholt hat sich der Bestand kaum, noch immer wird die Art auf der Roten Liste bedrohter Arten als "stark gefährdet" geführt. Es gibt nicht mehr als 500 Exemplare.

Heute ist es wieder der Mensch, der die größte Bedrohung darstellt. Kollisionen mit Handels- oder Kreuzfahrtschiffen sind die häufigste menschengemachte Todesursache bei Großwalen, zusammen mit dem Verfangen in Fischernetzen und -leinen. Von den 67 toten Nordkapern, die zwischen 1970 und 2004 gefunden wurden, starben ein Drittel eindeutig an Verletzungen durch Schiffskollisionen. Für ihre Art kann das fatal sein: Wenn jährlich nur ein bis zwei Exemplare durch Schiffe umkommen, wird die Spezies aussterben, hat der US Fish and Wildlife Service errechnet. Denn Nordkaper pflanzen sich extrem langsam fort.

Will man die Wale retten, muss man also Kollisionen verhindern. Ein entsprechendes High-Tech-Instrument testen Forscher gerade in der Bucht von Boston an der amerikanischen Ostküste. Dort sind zwölf akustische Bojen verankert, die auf die Rufe der Nordkaper lauschen. Sie sind mit einer App verbunden, Whale Alert heißt sie, Wal-Alarm. Nehmen sie ein Signal auf, werden die Nutzer gewarnt – Kapitäne sind dann aufgefordert, besonders langsam zu fahren.

Whale Alert ist ambitioniert, weltweit einmalig – und es stellt eine große Frage: Kann Hightech die Probleme lösen, die entstehen, wenn Mensch und Tier einander in die Quere kommen?

In der Bucht von Boston sammeln sich Nordkaper, um zu fressen. Ein Teil des Ozeans, die Stellwagen Bank, ist als Meeresschutzgebiet ausgewiesen. Trotzdem verläuft die viel befahrene Schifffahrtsroute in den Bostoner Hafen mitten hindurch. Es ist, als führte eine Autobahn durch einen Spielplatz. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der nächste Unfall passiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

Patrick Ramage weiß, was geschieht, wenn ein Schiff einen Wal rammt. Er ist Programmdirektor beimInternationalen Tierschutzfonds (IFAW). Ramage zeigt das Bild eines Containerschiffes, das gerade in einen Hafen einläuft. Auf der Bugwulst liegt ein jugendlicher Buckelwal, schlaff und leblos. "Die Besatzung kriegt meistens gar nichts davon mit, wenn ihr Schiff einen Wal rammt", sagt er. Für Schiffe sind die Kollisionen keine ernste Gefahr.

Auf seinem Tablet hat Ramage Whale Alert installiert. Die App zeigt eine Seekarte der Bucht. Inmitten des Gewimmels aus Linien und Beschriftungen blinkt das Symbol einer gelben Walfluke. Es steht für eine der zwölf Hightech-Bojen, die Forscher der Cornell- und der Harvard University draußen installiert haben.

"Oooouuuuub". Auf dieses Geräusch warten die Bojen. Unter der Wasseroberfläche horchen Mikrofone nach dem charakteristischen Signal der Nordkaper, ihrem sogenannten Up-Call. Maximal eineinhalb Sekunden ist er lang. Nehmen die Bojen den Ruf auf, senden sie das Signal zur Kontrolle aufs Festland nach Upstate New York.

Dort arbeitet der Bioakustiker Harold Cheyne von der Cornell University. Er interessiert sich für die Geräuschwelt unter der Wasseroberfläche. "Dort ist es verdammt laut", erzählt er: Wenn irgendwo die Erdkruste auseinanderbirst, ist noch Tausende Kilometer entfernt ein Krachen zu hören. Wale und Delfine unterhalten sich mit Gesängen und Knacklauten. Und das Brummen der Dieselmotoren und Schiffsschrauben dröhnt wie ein Basso continuo durch das Wasser. Aus dieser Unterwasser-Kakofonie sollen die Bojen den sekundenkurzen Ruf der Nordkaper herausfiltern, das Signal verarbeiten und per Satellit an das Labor schicken. Und sie müssen natürlich wasserdicht und sturmfest sein und nur dann Walalarm auslösen, wenn tatsächlich einer der Riesen in der Nähe ist. Deshalb sind sie teuer: 20 Millionen Dollar hat das Projekt gekostet. Den größten Teil hat eine Firma bezahlt, die vor der Küste einen Windpark gebaut hat.