Dieter Stein hat noch das alte, zerbeulte Nummernschild im Schreibtischfach. Wenn Stein, der Gründer, Herausgeber und seit 1986 Chefredakteur der Jungen Freiheit (JF), das Verhältnis seiner Zeitung zum – in seinen Augen – linken Mainstream illustrieren will, zieht er schnell die Schublade auf, hält das Nummernschild hoch und ist prompt in seiner Paraderolle: der des harmlosen, ehrbaren Opfers.

Das Nummernschild stammt von Steins damaligem Auto; 1995 fiel es einem Brandanschlag von Linksradikalen zum Opfer. Dass viele Journalisten und Politiker den Anschlag ignorierten, wenn nicht gar schweigend begrüßten, nimmt Stein Deutschland bis heute übel.

Seine Wochenzeitung Junge Freiheit ist im Gegenzug wenig zimperlich mit der Gesellschaft: "Das ganze Land umerziehen" steht über einem wütenden Kommentar zur Förderung sexueller Vielfalt. Zum Zweiten Weltkrieg titelte das Blatt ironisch: "Rettet die Alleinschuld! Geschichtsdebatte: Das deutsche Urheberrecht für die Eskalation des Zweiten Weltkriegs ist bedroht". Ein aktueller Bericht über einen bayerischen Diskotheken-Betreiber, der Migranten den Zugang verwehrt, ist mit Die Schwarzen haben ein Frauenproblem überschrieben, das Gedenken an die Toten der Roten Armee am 8. Mai ist der JF ein "Antifaschistischer Zivilisationsbruch".

Die Junge Freiheit hat heute eine Auflage von etwa 30.000 Exemplaren. Und hat diese – entgegen dem Trend fast der gesamten deutschen Presse – in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Die JF ist das Zentralorgan am rechten Rand der Gesellschaft. Und sie ist so erfolgreich, dass Alexander Gauland, Vizechef der AfD, vor einiger Zeit sagte: "Wer die Alternative für Deutschland verstehen will, muss die Junge Freiheit lesen." Inzwischen hat Gaulands Verbündete, die prononciert rechte sächsische Fraktionsvorsitzende Frauke Petry, den moderaten Bernd Lucke an der Parteispitze abgelöst. Es stellt sich die Frage: Ist die JF der AfD sogar voraus gewesen, kann man in dieser Zeitung schon heute besichtigen, wie die AfD morgen aussehen wird? Am Ende eines Redaktionsbesuchs fällt die Antwort überraschend aus.

Die JF residiert in einem gepflegten Ärzte- und Anwaltsgebäude im Berliner Westen. Kein Ort, an dem man Lautstärke oder Eifer schätzen würde. Überhaupt ist die Redaktion von ihrer Einrichtung her nicht nur nüchterner, schmuckloser und kühler, als man es nach der Lektüre der Zeitung erwarten würde. Sondern, von ihrem Personal her, auch jünger, vollbärtiger und langhaariger. Wer erwartet hat, auf eine Art knallkonservative Kameradschaft oder einen Verein älterer Herren zu stoßen, wird überrascht: Felix Krautkrämer, Jahrgang 1979, Leitender Redakteur für Innenpolitik, würde mit seinem buschigen Bart zur Glatze in einem Technoclub nicht auffallen. Und Onlineredakteur Henning Hoffgaard, Jahrgang 1987, wirkt mit seinen kinnlangen Haaren wie aus einem Soziologieseminar. Die JF-Redaktion hat schon viele rechte und rechtspopulistische Parteien aufkommen und untergehen sehen, ob Republikaner, Bund Freier Bürger, Schill-Partei oder ProDeutschland. Mit der AfD schien alles anders zu werden: Es sah so aus, als bekäme Deutschland eine Partei, die den Spagat zwischen rechter Demagogie und bürgerlichem Benimm meistert. So, wie es auch die JF versucht. Der ebenfalls am rechten Rand operierenden Zeitschrift Sezession sagte Chefredakteur Dieter Stein einmal über die Erfolgsaussichten der AfD: "Bei aller Skepsis: Diesmal hoffe ich!"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Darüber möchte man mit Stein reden, auch wenn das nicht leicht ist: Bittet man um ein Interview, beklagt er zunächst ausufernd, dass er und sein Blatt ständig zu Unrecht in die Nähe von Nazis gerückt würden. Lange Jahre markierte die JF mit ihrem "biedermännischen Patriotismus in Butzenscheibendeutsch" (Neue Zürcher Zeitung) den Punkt im rechten politischen Spektrum, der nicht mehr anschlussfähig an bürgerliche Kreise war. Wer der Zeitung Interviews gab, machte sich gemein mit einem Blatt, das zeitweise vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Und zu dessen Autoren etwa auch der spätere Neonazi und NPD-Politiker Andreas Molau zählten – der sich inzwischen von der rechtsextremen Szene losgesagt hat.

Nach längeren Telefonaten erklärt sich Stein doch zu Treffen bereit, aber nicht gleich im Büro. Zunächst in einem Café am Fehrbelliner Platz, direkt am Preußenpark, unweit der Redaktion. Berlin, aber mit Krawatte. Das Publikum: gediegen-bürgerlich. Theoretisch Steins Zielgruppe.

Kerzengerade sitzt Stein am Tisch. Er trägt kurzes, gegeltes Haar und ein groß kariertes Sakko. Dieter Stein, Jahrgang 1967, ist im links-alternativ geprägten Freiburg aufgewachsen – als Sohn eines Militärhistorikers und Oberstleutnants der Bundeswehr. Zwei Schwestern, erzählt Stein, hätten sich früh bei den Grünen engagiert. Ein Bruder habe den Nachnamen seiner Frau angenommen. Er macht lange Pausen zwischen den Sätzen. Spricht zögerlich, tastend. Und holt schließlich zu einer langen Erzählung aus. Darüber, wie empört er war, als einst einer seiner Texte in der Schülerzeitung nicht gedruckt wurde. Wie enttäuscht er war, weil Kohls "geistig-moralische Wende" nie vollzogen wurde. Und wie er als Teenager die Junge Freiheit als Jugendblatt der Freiheitlichen Volkspartei gründete, einer ebenso kurzlebigen wie erfolglosen Absplitterung der Republikaner. Der erste Eindruck: Steins Bild von Deutschland zeigt die Stadt Freiburg um 1980.