In einer der letzten Landtagssitzungen vor der Sommerpause erhielt Thüringens AfD-Chef Björn Höcke unerwartet Beistand aus der islamischen Welt. Höcke, 43, hatte mit seiner Fraktion eine Aktuelle Stunde beantragt, Titel: "Religiösen Extremismus bekämpfen".

Als er zum Rednerpult schritt, setzte Musik ein. Muslimische Gesänge, abgespielt über die Lautsprecheranlage des Plenarsaals: Höcke guckte, als hätte ihn der Zorn Gottes getroffen, oder wenigstens der Blitz. Viel später stellte sich heraus, dass SPD-Fraktionschef Matthias Hey für die Einlage verantwortlich gewesen war, und zwar – so behauptet es Hey verschmitzt – aus Versehen: Er sei auf einer arabischen Webseite unterwegs gewesen, diese habe spontan Musik von sich gegeben, zufällig sei auch noch sein Tisch-Mikrofon angestellt gewesen … Die Wahrheit wird die Welt wohl nie erfahren, aber wenn man diese Episode schon interpretieren will, dann vielleicht in zwei Richtungen. Erstens: Wo im Thüringer Landtag die Alternative für Deutschland mitspielt, ist Musik drin. Zweitens: Die AfD ist am Ende irgendwie immer der Verlierer.

Denn, so viel ist klar, die Fraktion versinkt im Chaos, und nicht wenige in Erfurt sind inzwischen der Ansicht: Hier lässt sich besichtigen, was der Partei im Bund noch bevorstehen könnte – dass sie zerfällt, wenn sie sich für den radikalstmöglichen Weg entscheidet.

Drei von einst elf Thüringer AfD-Abgeordneten haben Fraktion und Partei in den vergangenen Wochen verlassen; Oskar Helmerich, Siegfried Gentele und Jens Krumpe. Alle drei sagen, Höckes Kurs sei ihnen zu radikal. Fakt ist: Würden noch einmal so viele Leute gehen, müsste die AfD um ihren Fraktionsstatus bangen. Fünf Abgeordnete sind im Thüringer Landtag notwendig, um eine Fraktion zu bilden; die Grünen bedenken deshalb jeden AfD-Abtrünnigen mit Gratulationen, sie wollen gewissermaßen Anreize schaffen.

Höckes Problem ist, dass nicht jeder in der AfD den Hardliner-Kurs mitträgt, den die Gesamtpartei inzwischen eingeschlagen hat. Leute wie Höcke – so sagen das ehemalige Mitstreiter ebenso wie heutige Gegner – rückten die Partei derart nach rechts, dass man fragen müsse, wo die Grenze zur NPD verläuft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 30 vom 23.07.2015.

Der Zerfall der Thüringer AfD ist so interessant, weil hier viele Entwicklungen im Bund vorweggenommen scheinen: Einst war die Partei angetreten mit dem Vorsatz, Politik auf ganz neue Weise betreiben zu wollen. Heute beweist sie, es gelingt ihr tatsächlich: So desolat organisiert, so zerstritten, so inhaltlich abstrus hat sich noch nie jemand im Thüringer Landtag aufgeführt. Wer Björn Höcke trifft, in seinem karg eingerichteten Landtagsbüro, an der Wand Bismarck, auf dem Schreibtisch nicht viel – wer Höcke also trifft, erlebt einen großen, fast grazil-schlanken Mann mit stahlblauen Augen. Und kann ihn durchaus für charismatisch halten, für irgendwie weltgewandt; kann sich vorstellen, dass dieser Höcke als Gymnasiallehrer – der er eigentlich ist – durchaus eine Wirkung auf seine Schüler hatte.

Die drei Abtrünnigen seiner Fraktion aber haben andere, besondere Erfahrungen mit Höckes Führungsstil gemacht: Als ihm klargeworden sei, dass sie sich nicht mehr auf Linie befinden, habe er es erst mit innerer Härte versucht; mit Maßregelungen in der Fraktionssitzung – Höcke selbst sprach von einem "Paket pädagogischer Maßnahmen". Später habe er sie verstoßen. Und man muss Höcke nicht lange zuhören, um herauszufinden, wie er wirklich tickt. "Ich gehe nicht davon aus, dass man jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen kann", sagte er vor einigen Monaten. Höcke ist gegen "Frühsexualisierung der Schüler", die AfD ist für ihn eine "Bewegung unseres Volkes gegen die Gesellschaftsexperimente der letzten Jahrzehnte". In der "Erfurter Resolution", die Höcke innerhalb der AfD auf den Weg brachte und die er gemeinsam unter anderem mit dem Brandenburger Fraktionschef Alexander Gauland und Sachsen-Anhalts Landesparteichef André Poggenburg unterzeichnete, ist auch von der AfD als "Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands" zu lesen. Das ist keine Bernd-Lucke-Rhetorik mehr. Das ist in Deutschland auch kaum mehrheitsfähig: Wenn dies die Richtung der AfD sein sollte, wird die Partei, vermutlich, schon bald marginalisiert sein. In Thüringen ist sie in den Umfragen unlängst abgestürzt.

Höcke sieht sich als Anti-Politiker; als einer, der viele Interessen der Pegida-Bewegung im Parlament vertritt: Anders als vielen anderen AfD-Politikern war es Höcke nicht unangenehm, Anfang des Jahres in Dresden eine Pegida-Demo zu besuchen, mit sichtbarer Freude. Politisch hat Höcke die AfD nach Luckes Abgang jetzt dort, wo er sie schon eher sieht. Der neuen Parteichefin Frauke Petry fühlt er sich inhaltlich wohl durchaus nahe; auch wenn diese geschickter auftritt, rhetorisch gewandter ist, ein Schmuddel-Image wie Höcke zu vermeiden versucht. Gleichwohl erlebt Petry seit ihrer Wahl, seit ihrem Putsch gegen Lucke, dass die Thüringer Entwicklung – der Zerfall der Fraktion – keine Ausnahme ist. Ihre eigene Fraktion im Sächsischen Landtag hat sie im Griff, in der Bremischen Bürgerschaft allerdings sind schon drei der vier AfD-Abgeordneten aus der Partei ausgetreten. Von den einst sieben Abgeordneten im EU-Parlament sind lediglich noch zwei an Bord. Und in Brandenburg – dem Land, in dem die AfD bei der Landtagswahl mit 12,2 Prozent ihr bestes Wahlergebnis erzielte – sind schon zwei Kreisfraktionschefs zurückgetreten, weil sie die Partei zu weit nach rechts driften sehen.

Ob der Zerfall in Erfurt auf absehbare Zeit zu stoppen ist? Im Gegenteil. Gegen mehrere AfD-Abgeordnete laufen derzeit, verschiedener Delikte wegen, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen. Höckes Trupp kommt nicht zur Ruhe. Der Ex-Abgeordnete Siegfried Gentele war nun dabei, als in Kassel Bernd Luckes neue Partei Alfa ins Leben gerufen wurde, eine "hervorragende Parteigründung", wie Gentele der Thüringer Allgemeinen sagte. Auch Oskar Helmerich und Jens Krumpe sollen sich für einen Beitritt zu Alfa zumindest interessieren, heißt es. Zwei AfDler müsste man noch abwerben, dann könnte man im Thüringer Landtag die erste Fraktion der neuen Lucke-Partei gründen.