Ja, er hat sich verändert. Ist längst nicht mehr so patzig und aufbrausend wie früher, so ungeduldig mit seinen Studenten, so harsch im Umgang mit Kritikern. Wie Thomas Quasthoff da in seiner Wohnküche sitzt im beschaulichen Berliner Südwesten und im Klavierauszug von Bachs Matthäuspassion blättert, wirkt er geradezu lieb. Wie Angela Merkel, wenn sie einen Augenaufschlag lang aus der Rolle der eisernen Kanzlerin fällt, nur gelassener. Wobei Merkel nicht Quasthoffs Partei ist, Wahlkampf hat er für Gerhard Schröder gemacht, damals in Hannover, "aber nur auf Landesebene", wie er betont. "Kuck mal", ruft er jetzt in seiner Zehlendorfer Küche und blättert mit der linken Hand vom Choral Ich bin’s, ich sollte büßen zum nächsten Evangelisten-Rezitativ und wieder zurück, mehrere Seiten, "kuck mal, kann ich, das geht!"

Der Mann hat eine unfassbare Energie. Allein, was er reden kann. Oft ohne Punkt und Komma, vom Hölzchen aufs Stöckchen, Anekdote an Anekdote, ein begnadeter Stimmenimitator, sehr lustig, im Hotelrestaurant nachts um halb zwei nach diversen Bierchen und Weinchen nicht anders als vormittags in der Hochschule oder eben zu Hause in der Küche. Eine Energie, die mit Sprache nach Leben greift. Und mit Musik natürlich.

Am morgigen Freitag gibt Thomas Quasthoff, 55, beim Festival im schweizerischen Verbier sein Debüt als Dirigent. Mit Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion (Festivals dürfen fast alles, ums Kirchenjahr jedenfalls, das vorsieht, Passionen nur zu Ostern zu spielen, scheren sie sich nicht). Das Besondere an diesem Debüt ist nicht, dass sich hier ein Sänger als Dirigent versucht, diesen Rollenwechsel haben auch andere vollzogen, von Peter Schreier bis Placido Domingo, und mit der Kanadierin Barbara Hannigan traut sich neuerdings sogar eine Sängerin ans Pult. Das Besondere ist, dass Quasthoff seit 55 Jahren schwerst Contergan-geschädigt ist. Er misst 1,34 Meter, hat Beine, aber keine Knie, und seine Arme sind so kurz, als wären die Hände direkt an den Schultern festgewachsen. Beim Singen, sagt der Bass-Bariton, sei seine Behinderung auch ein Vorteil gewesen: Dank leichter Arme habe er nie einen steifen Nacken gehabt oder ähnliche typische Verspannungen. Kopf, Hals und Brustkorb hingegen seien "normal" entwickelt, bildeten perfekte Resonanzräume. Nicht von ungefähr hat er seine 2004 erschienene, vom Bruder, dem inzwischen verstorbenen Journalisten Michael Quasthoff, geschriebene Autobiografie schlicht Die Stimme genannt.

Dirigieren aber ist etwas anderes als jazzen, schauspielern, Kabarett machen oder was Thomas Quasthoff sonst noch so alles auf die Bühne treibt, seit er sich vom klassischen Gesang 2012 verabschiedet hat. Ein Dirigent brauche, meint man, eine bestimmte Körpergröße und Mindestarmlänge (der im 19. Jahrhundert für die wachsenden Orchester erfundene Taktstock hilft letztlich nur, die Gesten zu verdeutlichen). Dem Debütanten Quasthoff fehlen diese Voraussetzungen, also stellen sich Fragen: "Der kann doch gar nicht dirigieren – ohne Arme?" Oder, noch peinlicher, weil in die seelischen Eingeweide zielend: "Muss das sein, dass er das jetzt auch noch macht?"

Das Internet ist voll von solchen Chats und Tweets, und Quasthoff kontert sie auf seine Weise. Indem er zeigt, dass es geht. Der Musikwelt in Verbier und mir zehn Tage zuvor in Zehlendorf. "Ohne Arme?", fragt er und wedelt mit den Extremitäten, "na, wie nennt ihr das denn?" Dieses "ihr" meint mich, uns, die anderen, Nichtbehinderten, die mit den normal langen Gliedmaßen, die so vieles könnten und so wenig tun. Im Gegensatz zu ihm, dessen ganze Karriere darauf fußt, das Unmögliche möglich zu machen und es allen zu zeigen. Neidern, Gegnern, Naserümpfern. "Mitleid bekommt man umsonst, Neid muss man sich erarbeiten", lautet ein typischer Quasthoff-Spruch. Dahinter steckt auch die Frage, wie lange ein Behinderter eigentlich mit seiner Behinderung konfrontiert wird? In Quasthoffs Fall, nach x-fachen Grammys und Echo-Klassik-Preisen, nach mehreren Hunderttausend verkauften CDs, könnte damit wirklich einmal Schluss sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Wer sagt eigentlich, dass man mit den Armen dirigiert und nicht mit dem ganzen Rumpf, dem Kopf, der Mimik, den Augen? Und dass andere Dirigenten keine Malaisen hätten, böse Schultern, wehe Rücken und so weiter? Überhaupt: Seit wann ist Dirigieren nicht in erster Linie eine geistige Leistung, sondern eine gymnastische?

Im Grunde war bei Thomas Quasthoff Schluss mit der Behindertennummer, war so ziemlich alles gut. Bis die Sache mit dem Dirigieren aufkam (die Idee dazu stammt von Martin Engström, dem Intendanten des Verbier-Festivals). Und die alten Vorurteile sich wieder regten.