Ist Botanik, die Kunde von den Pflanzen, ein sexy Forschungsgebiet?

Ältere Herren mit leicht verrutschtem beigem Tropenhut auf lichtem Haar. Die Taschen ihrer Allzweckweste sind ausgebeult von Taschenmesser, Kompass, Lupe und Bestimmungsbuch. Das Auffälligste an Schuhwerk und Hosen ist ihre zeitlose Zweckmäßigkeit. Dermaßen ausgerüstet, stapfen die Jünger des Grünzeugs durch die Flora und entzücken sich an Kräutchen, die am Wegesrand sprießen. Quer über die Brust tragen sie von Lederriemen gehaltene Zylinder. Sachte auf und ab hüpfen diese blechernen Trommeln bei jedem Schritt. Es sind: Botanisiertrommeln. In diesen werden die gepflückten Schätze sicher vor Zerdrücken und Verknicken geschützt.

Ist Botanik, die Kunde von den Pflanzen, ein sexy Forschungsgebiet? Nun ja. "Ein Imageproblem" habe das Fach, spekulierte kürzlich das britische Fachmagazin Nature Plants. Ein Imageproblem! Das ist wahrhaft eine zaghafte Formulierung für die Krise der Botanik. Im Jargon des Fachs könnte man genauso gut sagen: Die Pflanzenkunde verkümmert, sie ist vom Aussterben bedroht. Und damit ist eine grundlegende Kulturtechnik, eine der ältesten Wissenschaften der Menschheit in Gefahr.

Wer sich unter Taxonomen und Artenkennern umhört, begegnet stets derselben Klage: Pflanzen zu benennen und zu ordnen, sie mit Botanisiertrommeln zu sammeln, um sie zu trocknen, zu pressen und in einem Herbarium haltbar aufzubewahren – dieses Handwerk der Naturforschung stehe auf der Roten Liste. Nicht nur an den Hochschulen ist es bedroht, auch die Hobbywissenschaft liegt darnieder. Um ein Fünftel soll die Zahl der Artenkenner hierzulande in den letzten 20 Jahren zurückgegangen sein, rechnete der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Bayern aus. Im vergangenen Jahr warnten die Umweltschützer, es handele sich dabei um ein bundesweites Phänomen. Wer wollte bestreiten: In der Smartphone-Welt zelebrierter Zeitoptimierung scheint der Gedanke seltsam aus der Zeit gefallen, dass jemand zum Vergnügen stundenlang Gebüsche durchkämmt, mit der Lupe Pflanzenhaare begutachtet.

Gleichzeitig verliert die taxonomische Ausbildung im Studium immer weiter an Bedeutung, weichen Outdoorklamotten den Laborkitteln. Für neu ausgebildete Pflanzenkundler werden zudem die Arbeitsplätze rar. Dieser Wissensverlust vollzieht sich überwiegend geräuschlos, beispielsweise wenn neue Lehrpläne geschrieben werden. So sei "im Zuge der Umstellung auf Bachelor und Master viel umstrukturiert" worden, sagt Magnus Wessel, der beim BUND den Bereich Naturschutzpolitik und -koordination leitet, "und da ist mit einem Rutsch auch all das Pflanzenkundliche grundbereinigt worden". Zum Bedeutungsverlust für die Jungen kommt der demografische Faktor bei den Alten. "Die Leute, die noch im Feld tätig sind, werden älter", sagt Wessel, der selbst Geobotanik studiert hat. Die Studie seiner bayerischen Kollegen beschreibt dieselbe Dynamik bei den Hobbybotanikern: Nicht einmal mehr jeder zehnte Artenkenner sei jünger als 30 Jahre, nennenswerter Nachwuchs sei nicht zu erwarten. Weil die heute über 60-Jährigen bald altersbedingt ausfielen, werde der Rückgang in den nächsten Jahrzehnten noch drastischer. Wessel sagt: "Wir befinden uns auf dem absteigenden Ast."

Botanik aus der Mode lautete aus gegebenem Anlass der Titel der Juni-Ausgabe von Nature Plants, ein Manifest der Zukunftsangst eines Forschungszweigs. Allerdings erinnern die Autoren auch daran, dass Attacken auf die Artenkenntnis schon früher en vogue waren. Vor knapp 150 Jahren wären die berühmten Londoner Kew Gardens, die zu den ältesten botanischen Gärten der Welt zählen, beinahe einem Sparprogramm der britischen Regierung zum Opfer gefallen. Der für öffentliche Gebäude und Anlagen zuständige First Commissioner of Works wollte im Jahr 1870 die Notwendigkeit "der Kew" nicht so recht erkennen. Per Prüfbericht wurde den botanischen Systematikern dann höhnisch bescheinigt, dass sie "unbekannten Unkräutern barbarische Doppelnamen" anhefteten. Kurzerhand beschloss man, aus der Forschungs- und Bildungsstätte einen Park zu machen. Verhindern konnte dies nur der Protest von Wissenschaftsgrößen um Charles Darwin. Suspekt blieb das Pflanzensortieren den Regierenden weiterhin: Nach Budgetkürzungen verlor in Kew Gardens – obwohl inzwischen Unesco-Weltkulturerbe – ein Sechstel der angestellten Forscher ihre Stelle. Das war 2014.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Das Schicksal der Pflanzen-Taxonomie scheint besiegelt: Pflänzchen sammeln und durch die Lupe gucken sind passé! Niemand muss mehr Knöterich, geflecktes Knabenkraut oder Schachbrettblume auf den ersten Blick erkennen. Oder gar den pfundschweren, 900 Seiten dicken Schmeil-Fitschen wälzen, das bekannteste akademische Bestimmungsbuch für Pflanzen. Generationen von Studenten hat er zum Schwitzen gebracht. Doch der Taxonom von morgen blättert nicht mehr, er macht einen DNA-Test. Beinahe per Knopfdruck lässt sich das Erbgut auslesen. Schon basteln Ingenieure am letzten fehlenden Element für den genetisch-digitalen Feldeinsatz: ein tragbares Sequenziergerät zur schnellen Artbestimmung.

Wenn schon niemand mehr Blütenblätter und Blatthaare lebender Pflanzen zählen will, welches Schicksal ist dann den Schätzen der Herbarien beschieden? Gepresste und getrocknete Pflanzen – weltweit liegen in rund 2.600 öffentlichen Herbarien mehr als 300 Millionen Artproben – zu verwahren und zu erhalten ist aufwendig und kostspielig. Gerade werden viele Sammlungen virtualisiert, als Kombination hochauflösender Digitalfotos und molekularer Daten. Und die Versuchung ist groß, die bröseligen Trockenpflanzen danach budgetschonend wegzuwerfen.