Braunkohletagebau nahe Wezlow in Brandenburg © Sean Gallup/Getty Images

Es war, als hätte sich die Hölle aufgetan: "Aus der Erde brach Feuer hervor, das allenthalben Lagerhäuser, Korn auf dem Halm, ja Dörfer ergriff und sich bis an die Mauern der vor Kurzem gegründeten Stadt Köln ausbreitete", berichtet der römische Historiker Tacitus im Jahr 58 nach Christus. Was da loderte und brannte, sah aus wie ganz gewöhnliche Erde, braun und bröselig: Ein Braunkohle-Flözbrand im heißen Sommer – so etwas kann passieren.

Millionen Jahre zuvor war die Braunkohle in den Schoß der Erde gelangt: Nach der Kreidezeit brachte das frühe Tertiär (beginnend vor 65 Millionen Jahren) unseren Regionen eine üppig tropisch-subtropische Vegetation. Die brennbare Kohle entstand aus der versunkenen Pflanzenwelt jener Zeit, in der riesige Rüsseltiere durch "Europa" trabten und ungewöhnlich artenreiche Wälder in unseren Breiten wuchsen. Die Wälder und Pflanzen, in großen Mooren zu Torf zerfallen, wurden von Gestein bedeckt und wie ein Schwamm ausgepresst. So verkohlte der Torf unter Luftabschluss zu bis zu hundert Meter dicken Braunkohleflözen – noch halb Torf und schon halb Kohle, ein seltsam faseriges Mittelding. "Blumenerde!", höhnten die Anwohner der DDR-Abbaugebiete. Braunkohle ist extrem feucht mit einem Wassergehalt von bis zu 65 Prozent, sie qualmt und stinkt oft erbärmlich – ein ziemlich mittelmäßiger, aber billiger Brennstoff.

Nach Tacitus’ Feuersbrunst vergehen viele Jahrhunderte, bis die braune Erde vom 16. Jahrhundert an nicht nur zum Färben, sondern auch zum Heizen eingesetzt wird. Die Bezeichnung Braunkohle existiert noch nicht. "Turff" oder "Torf" heißt das lange Zeit für wertlos gehaltene Produkt, das man formen und pressen muss, bevor man es verfeuert. In den Färbereien wird es auch "Cöllnische Erde" genannt.

Dass es nach 1700 immer häufiger im Ofen landet, liegt vermutlich daran, dass eine andere Ressource knapper wird: Holz. 1731 nennt der Niederländer Johannes Hartmannus Degnerus die Kohlegräberei "Teutschlands neu entdeckte Goldgrube". In den strengen Wintern des 18. Jahrhunderts wird sie immer wichtiger.

Die fettesten Flöze liegen im Rheinland, südlich und westlich von Köln. Weitere reiche Vorkommen werden im Süden von Leipzig, in der sächsischen Lausitz und im Helmstedter Revier entdeckt. Noch allerdings existiert kein Braunkohlebergbau, der diesen Namen verdient. Von 1730 an hebt man zwar mehr und mehr Gruben aus, die sich meist auf den Ländereien von Adligen befinden. Der Abbau erfolgt aber eher nebenbei durch Bauern oder Tagelöhner. 1751 wird im Rheinischen dann der erste Tagebau in Betrieb genommen: die Grube des Kölner Domkapitels bei Gleuel. Die systematische Gewinnung der Braunkohle hat begonnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Es sind noch vorindustrielle Zeiten: Um den braunen Brennstoff leichter transportieren zu können, produziert man "Klütten" genannte Presslinge, die in eine Eimerform gedrückt werden. Die Klüttenbäcker modellieren sie wie Kinder ihre Formen im Sandkasten und vermischen die Braunkohle dazu mit Wasser, Ton und manchmal auch mit Kuhmist, was beim Verfeuern feine Aromen freisetzt.

Abgebaut wird in Abstichen von bis zu vier Meter Breite und fünf Meter Tiefe – der Grundwasserspiegel markiert die natürliche Grenze. Ein "Haspelknecht" zieht den in Körben gefüllten Rohstoff über eine Kurbel nach oben. Bald werden auch unterirdische Gruben und Strecken angelegt. Doch immer wieder kommt es zu tödlichen Einstürzen. Das preußische Bergamt giftet 1819 über den "schlechtesten Zustand" der Wühlerei und den "ganz versauten Betrieb" mit seinen Risiken für Leib und Leben.