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Am Sonntag um 14.26 Uhr strahlt der chinesische Staatssender CCTV auf Kanal 13 eine Sendung aus, die auf den ersten Blick wirkt wie eine ganz normale Nachrichtensendung. Das ist sie aber nicht. Der Beitrag dient der Demütigung des Anwalts Zhou Shifeng. Er soll ein Signal an andere Anwälte, ja an das ganze Volk senden: Seht her, was wir mit solchen wie Zhou machen. Auf Chinesisch nennt man das: ein Huhn töten, um die Affen zu erschrecken.

Zhou ist ein Bürgerrechtsanwalt, der darauf hofft, dass es so etwas wie einen Rechtsstaat eines Tages auch in China geben könnte. Er hätte einen sehr viel lukrativeren und sichereren Job ergreifen können. Zhou, der aus der armen Provinz Henan stammt, hat an der Peking-Universität studiert, einer der Eliteuniversitäten des Landes. Doch während viele seiner Kommilitonen hohe Posten in Politik und Wirtschaft anstrebten, eröffnete Zhou in Peking seine Kanzlei Fengrui. Sie nahm auch sensible Fälle an.

Zhou vertrat als Anwalt unter anderem die chinesische ZEIT- Mitarbeiterin Zhang Miao, die am 2. Oktober 2014 auf dem Weg zu einer Dichterlesung in der Nähe von Peking festgenommen worden war. Dort sollten die Occupy-Central-Proteste in Hongkong unterstützt werden. Neun Monate war sie in Haft, dann stellten die Behörden das Verfahren ein. Zhang Miao kam vor etwas mehr als drei Wochen frei. Am Morgen darauf traf es Zhou Shifeng. Drei Männer in Zivil führten ihn aus seinem Hotelzimmer ab. Zhou war nicht das einzige Opfer. In den nächsten Tagen setzten die Behörden mehr als 200 Bürgerrechtsanwälte, Assistenten und Aktivisten fest oder verhörten sie. Ein klares Warnsignal an alle, die für mehr Rechte in China streiten. Doch während die meisten mittlerweile freigekommen sind, wurden gegen Zhou Shifeng und acht weitere Anwälte strafrechtliche Verfahren eingeleitet. Und darum geht es in der Sendung.

Das Fernsehstudio ist in grauen Farben gehalten, was eher ungewöhnlich ist. Wahrscheinlich soll die Inszenierung schon den düsteren Charakter der Materie veranschaulichen. Eine Zeichnung im Hintergrund verdeutlicht ihn. Mehrere Comicfiguren rotten sich dort zusammen, alle sind grau bis auf ein rotes Männchen, das ein Plakat mit folgender Aufschrift emporhält: "Durch Erregung öffentlichen Ärgernisses einen Fall aufbauschen".

Am Tisch im Studio sitzt eine junge Frau in hochgeschlossener Bluse (hellgrün) und einem Jackett mit spitz aufragenden Schulterpolstern (dunkelgrün). Die Sprecherin schaut sehr ernst: "Heute wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf einen besonderen Fall richten. Unter der Leitung des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit und dank der Kooperation verschiedener Sicherheitsbehörden wurde eine Vereinigung zerstört, die krimineller Aktivitäten verdächtigt wird. Unter der Führung des Anwalts Zhou Shifeng soll sie auf gravierende Weise die öffentliche Ordnung gestört haben, wobei sie seine Pekinger Kanzlei Fengrui als Plattform nutzte."

Der Blick der Sprecherin wird noch kritischer. "Doch was für eine Anwaltskanzlei ist eigentlich Fengrui?", fragt sie. "Durch intensive Recherche treten immer mehr Tatsachen ans Tageslicht."

Jetzt beginnt der Einspielfilm. In der ersten Szene sieht man ein Gerichtsgebäude, ein männlicher Sprecher erklärt, es gehe um eine Verhandlung in Ordos, einer Stadt in der Inneren Mongolei, ohne näher darauf einzugehen, was Gegenstand der Verhandlung sei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Zhou Shifeng, erklärt der Sprecher, habe hier die Strategie angewandt, die er auch sonst zu nutzen pflegte. "Er hat das Gericht verunglimpft, er hat sehr laut vor Gericht gesprochen, er hat den ganzen Fall auf Sina Weibo (ein soziales Netzwerk nach dem Vorbild von Twitter, d. Red.) hochgejazzt." Die Stimme des Sprechers bleibt den ganzen Film über betont sachlich.

Man sieht nun Zhou Shifeng vor Gericht ein Plädoyer halten. Er spricht nicht besonders laut, man versteht nicht genau, was er sagt, im Hintergrund sind aufgeregte Stimmen zu hören. Eine Frau im weißen Hemd tritt vor ihn, offensichtlich eine Mitarbeiterin des Gerichts, sie schimpft wütend: "Nur weil ihr immer so ein Theater macht, findet der Fall hier nie ein Ende!"

Es folgen Auftritte von drei Kollegen und einem Mitstreiter Zhous. Sie alle wurden in weißen Räumen gefilmt, im Hintergrund sind bisweilen Fenster mit Gitterstäben auszumachen, ab und an hört man die Stimme eines Mannes, der Fragen stellt, offenbar ist es der für das Verhör zuständige Sicherheitsbeamte. Zwei der vier Männer sehen entsetzlich müde aus. Tiefe Ringe liegen unter ihren Augen, sie schauen zur Seite oder zu Boden.

Im "schwarzen Gefängnis" gelten keine Gesetze

Das Setting der "Interviews" ist das Gefängnis, die Männer sind Zhous Mithäftlinge. Und ihre Kooperation haben die Sicherheitsbehörden offensichtlich durch klassische "Überzeugungsarbeit" sichergestellt.

Politische Gefangene werden in China zu Beginn ihrer Haftzeit meist in ein sogenanntes "schwarzes Gefängnis" überstellt, an einen Ort, den es nach dem Gesetz gar nicht geben dürfte und an dem auch keine Gesetze gelten. Dort hindert man sie tagelang am Schlafen. Zwei Wächter stehen rund um die Uhr an der Seite des Gefangenen und achten darauf, dass er kein Auge zutut. Der Gefangene soll schließlich gestehen, sich selbst und seine Mitstreiter belasten. Viele versuchen in ihrer Not, nur Nichtiges oder Belangloses über ihre Freunde zu verbreiten. Das scheint auch die Strategie der Männer in diesem Film zu sein.

Huang Liqun, der bei der Kanzlei Fengrui als Praktikant gearbeitet hat, sagt, Zhou sei "einfach entsetzlich laut" gewesen.

Anwaltskollege Xie Yandong erklärt, Zhou habe vor dem Gerichtsgebäude Proteste inszeniert und Menschen mit Plakaten auftreten lassen. Nie sei er vorbereitet gewesen: "Er hat seine Akten und Unterlagen nicht gelesen." Vor Gericht habe er einfach nur vorgelesen, was sein Assistent ihm zusammengeschrieben hätte. "Wenn auch das nichts brachte, begann er laut Unfug zu reden. Er verdrehte Schwarz und Weiß, trat das Recht mit Füßen und griff das Gericht an." Zudem, so Xie in dem Video, habe Zhou viel Geld verprasst.

Der Assistent Liu Sixing bezichtigt Zhou, seine Kenntnisse des Rechts seien mangelhaft.

Und der Bürgerrechtsaktivist Ge Ping sagt aus, Zhou sei es ohnehin immer nur ums Geld gegangen.

Nach diesen Interviews übernimmt wieder der Sprecher: nicht allein, dass Zhou seine Arbeit als Verteidiger inhaltlich schlecht vorbereitet und ein Schauspiel inszeniert habe. Auch habe er mit allen möglichen Tricks im Internet "zu zeigen versucht, dass die Rechtssprechung der Gerichte von minderer Qualität war". Zhou habe beabsichtigt zu beweisen, "dass die Behörden und die Regierung das Schlechte unterstützten, während er selbst die Rechte der Massen verteidigte". Er und seine Verbündeten hätten "das jetzige Justizsystem stürzen wollen". Mit diesen "Tatsachen" konfrontiert, habe er zugegeben, Leute ohne professionelle Ausbildung beschäftigt zu haben, die immer wieder frech provozieren sollten. Ihr gesetzwidriges Verhalten und ihre Selbstüberschätzung seien äußerst gefährlich.

Dann folgt der Auftritt von Zhou Shifeng. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, im Hintergrund sind vergitterte Fenster zu sehen. Seine Augen sind tief umschattet und so klein, dass man sie kaum noch erkennen kann. Er hat Mühe, sich zu artikulieren, kann nur sehr langsam sprechen. Er sagt, sie hätten in der Kanzlei einige Arbeiter ohne Lizenz beschäftigt, die damit betraut gewesen seien, die Fälle und den Namen der Kanzlei groß zu machen. "Dabei kann es tatsächlich zu illegalem, vielleicht sogar zu kriminellem Verhalten gekommen sein."

Es folgen nun Anschuldigungspunkte, für die die Macher des Videos offensichtlich keine Zeugenaussagen erzwingen konnten. Sie behelfen sich also mit Grafiken. Zhou werde verdächtigt, Beamte bestochen zu haben. Man werfe ihm vor, mit der Gattin eines Klienten Sex gehabt zu haben, es gebe sogar eine Tochter aus der Beziehung.

Sex darf heutzutage in keiner chinesischen Rufmordkampagne fehlen. Zhou, so der Sprecher, habe Verhältnisse zu vielen Frauen gepflegt. Veranschaulicht wird sein angebliches Lotterleben durch ein Schaubild: oben der Kopf eines Mannes mit der Beschriftung "Zhou Shifeng", darunter sechs weibliche Köpfe, unter denen jeweils "Frau" steht – damit auch wirklich jeder Zuschauer versteht, mit welch unmoralischem Subjekt er es hier zu tun hat.

Wäre das Ganze nicht so traurig, man müsste darüber lachen.