Die Propaganda in Deutschland ist auch nicht mehr das, was sie zu Zeiten der "Aktion Flaschentod" mal war: Im Kalten Krieg robbte sich ein Stasi-Rollkommando durch Gräben und Schonungen rund ums hessische Philippsthal, die Angreifer umschlichen Hundezwinger und Kaninchenställe, um schließlich 200 klassenfeindlichen Wasserstoffflaschen das Gas abzudrehen: Sie verklebten die Ventile mit kalthärtendem, lösungsfreiem Kunstharz. Aus einwandfreier ostdeutscher Produktion.

Lahmgelegt – wenn auch nur sehr vorübergehend – war damit jene Wunderwaffe, mit der die noch junge Bundesrepublik gegen die DDR propagandistisch zu Felde zog: der mit Gas gefüllte Wetterballon. Die Ballons waren so konzipiert, dass sie mithilfe eines Uhren-Mechanismus ihre Ladungen jenseits des Eisernen Vorhangs über den Köpfen der Ost-Bürger ausklinkten: Aufforderungen zur Republikflucht oder Walter-Ulbricht-Karikaturen mit der Aufschrift "Der nicht, aber Neckermann macht’s möglich".

Und heute? Heute sitzt Oberst Christian Bader in einem kahlen Besprechungsraum der Bundeswehr in der Eifel und sagt: "Unsere Waffen sind Wort, Bild und Ton." Nur dass dieser Soldat des Wortes nicht von Propaganda spricht, sondern von "Informationen". Und dass die Truppe, die er befehligt, schon lange keine "psychologische Kriegsführung" mehr betreibt, sondern allenfalls "operative Kommunikation". Auf den Kopf des Gegners zielt aber auch die.

Bader, ein Mittfünfziger, der aussieht, als hielte er körperliche Fitness für eine notwendige Voraussetzung des Soldatseins, ist der Kommandeur des "Zentrums für operative Kommunikation der Bundeswehr" mit Sitz im rheinland-pfälzischen Mayen. Wer im Verteidigungsministerium nach Propaganda fragt, wird hierher verwiesen, in die Eifel. Und zuvor belehrt, dass im Kommunikationszentrum keinerlei Propaganda betrieben werde. Bader sieht das ebenso: "Was wir hier machen, ist weit von Propaganda entfernt. Wir verstehen uns als eine Einheit, die informiert – und nicht desinformiert." Schwierig ist dabei nur, dass sich die Freunde von der Nato nun, da alte Frontstellungen und neue Propagandaformen sichtbar werden, mehr Desinformation wünschen, wie aus hohen Bundeswehr-Kreisen zu hören ist. Und dass die Trennlinien zwischen Information und Propaganda nicht so schnurgerade sind wie die Bügelfalten einer Offiziersuniform.

An die 900 Männer und Frauen gehören dem Zentrum an, darunter auch Politologen, Ethnologen und Psychologen. Sie analysieren permanent die Medienlandschaft in tatsächlichen oder potenziellen Einsatzgebieten der Bundeswehr. Ihre Erkenntnisse speisen sie in Entscheidungsprozesse ein, etwa wenn die Bundesregierung überlegt, in einem afrikanischen Staat Soldaten auszubilden, und wissen muss, ob es sich dabei um verkappte Söldner handelt oder nicht. Die Spezialkräfte in Sachen Kommunikation sind also Datensammler und -ausdeuter. Aber nicht nur.

Die Mayener Soldaten rücken auch aus – überall dorthin, wo sich die Bundeswehr an multinationalen Auslandseinsätzen beteiligt. Ihrem Selbstverständnis nach agieren die Wort- und Bild-Kämpfer als Aufklärer und Erklärer – indem sie sich direkt an die Zivilbevölkerung wenden: über Broschüren, Plakate und Flugblätter, mit Videos, CDs und DVDs, mithilfe von mobilen Lautsprechern oder interkulturellen Einsatzberatern. In Afghanistan etwa verteilten die Kommunikatoren in Flecktarn Handzettel an Kinder und Jugendliche, auf denen der Tausch "Waffen gegen Schulhefte" angeboten wurde. Sie drehten Videos, die das afghanische Fernsehen ausstrahlte. Darin erfuhr die Bevölkerung, warum die Bundeswehr am Hindukusch sei, was sie wo mache – und die einheimischen Bauern lernten, was man anstelle von Schlafmohn, dem Grundstoff von Opium, Sinnvolles anbauen könnte. Zumindest die letzte Information verfing allerdings nicht: Heute wird in Afghanistan mehr Opium produziert als je zuvor.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Als es noch das "Feindesland" und kein "Einsatzgebiet" gab, war "psychologische Kriegsführung" das Ziel jeder Kommunikation, die sich an die Menschen dort richtete. Dieses Denken und Handeln hält Zentrumsleiter Bader längst für kontraproduktiv. In den Wortwandlungen über die Jahrzehnte, von "psychologischer Kampfführung" zu "psychologischer Verteidigung" zu "operativer Information" und schließlich zu "operativer Kommunikation", erkennt der Oberst den schrittweisen Strategiewechsel der Bundeswehr: weg von den Verzerrungen und Lügen des Kalten Krieges, die allesamt darauf abzielten, den Gegner herabzuwürdigen und vor der Öffentlichkeit bloßzustellen, hin zu demonstrativer Offenheit. Diese erhöht zwar die eigene Glaubwürdigkeit, tarnt aber gleichzeitig eine subtilere Form der Propaganda: Seht her, lautet die unterschwellige Botschaft, wir sind der anderen Seite moralisch so weit überlegen, dass wir schmutzige Tricks nicht mehr nötig haben. Wir sind die Besseren.

Mit Sorge sieht man in der Eifel wie auch in Berlin, dass vor allem die Amerikaner in der Nato darauf drängen, der neu entfachten Propaganda-Offensive Russlands mit den gleichen Methoden zu begegnen. Dass der Nato-Oberbefehlshaber in Europa, US-General Philip Breedlove, den Konflikt in der Ostukraine öffentlich zuweilen so darstellt, als rüsteten russische Truppen für den Sturm auf Kiew, hat selbst den eisernen Pro-Amerikanismus der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erschüttert: Amerikanischen Wünschen nach mehr Gegenpropaganda seitens der Bundeswehr hat sie daher eine Absage erteilt. In Mayen sieht das Oberst Bader genau wie seine Chefin: "Halbwahrheiten oder Lügen wären der Todesstoß für unsere Glaubwürdigkeit. Das ist ein absolutes No-Go. Da machen wir nicht mit."

Wetterballons sollen also Wetterballons bleiben.