Die vollen Tische und gehobenen Preise im 2 Passos, einer Touristen-Tränke am Strand von Almancil, sagen nichts über den Allgemeinzustand der Wirtschaft aus. Dass hier, direkt am Meer, 250 Gramm Muscheln 17,50 und ein Kilo Fisch inklusive Gräten, Kopf und Schwanz 72,50 Euro kosten, zeugt nicht von neuem Wohlstand. Doch einen Symbolwert haben solche Zahlen sehr wohl, jedenfalls im Vergleich zum ewigen Sozialfall Griechenland 3.000 Kilometer weiter östlich.

Portugal hat vom Weltwährungsfonds und von der EU 78 Milliarden Euro bekommen, weniger, als den Griechen allein in ihrem nunmehr dritten Rettungspaket angeboten worden ist. (Insgesamt käme Athen auf 300 Milliarden.) Jetzt kann sich Lissabon wieder am Kapitalmarkt bedienen, wo es 2,6 Prozent Zinsen zahlt – und griechische Bonds über zehn holen. Nach drei Jahren Minuswachstum registriert Portugal ein Plus von fast einem Prozent – besser als Frankreich und Italien und geradezu märchenhaft im Vergleich zu Griechenland mit knapp über null.

Portugal und Griechenland, das ist die Geschichte zweier Krisenländer mit sehr ähnlichen Gebrechen. Doch das eine scheint zu gesunden, während das andere weiter verfällt. Das dritte Rettungspaket für Athen wird nicht das letzte sein, nicht wenn die Auslandsschulden auf das Doppelte der Wirtschaftsleistung zulaufen. Es gilt die Wette, dass nach dem dritten Bail-out ein gewaltiger Schuldenschnitt und die langfristige Alimentierung durch Europa folgen werden.

Vergleichbare Ökonomien, gegenläufige Trends. Hat Lissabon unter dem teutonischen Austerity-Diktat weniger leiden müssen als Athen? Nicht wirklich. Gemessen am BIP, mussten beide ihr Defizit auf etwa ein Drittel stauchen – ein brutaler Schnitt. Beide ächzen unter einer quälenden Zinslast, aber Athen zahlte im Vorjahr nur knapp vier Prozent vom BIP, während Portugal mit fünf bluten musste.

Doch sind die portugiesischen Exporte seit dem Horrorjahr 2009 dreimal schneller gewachsen als die griechischen, meldet eine Studie der EU. Nicht dass die Portugiesen eine ultrakapitalistische Revolution entfacht hätten. Aber unter dem Druck der Troika haben sie mehr getan, um den Staatssektor zu verkleinern, die Arbeitsgesetze aufzulockern und Wettbewerbsbarrieren abzusenken. Im Ranking der Weltbank zur Unternehmerfreundlichkeit steht Portugal auf Platz 25, Griechenland auf 61 – weit hinter Ruanda.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Auch hat die Wirtschaft schneller als die griechische auf den Verfall der Binnennachfrage reagiert und aggressiv Exportmärkte angezapft – zumal in den früheren Kolonien wie Brasilien und Angola. Portugals Arbeitslosigkeit fällt (von 17 auf 14 Prozent), hat aber noch nicht den Vor-Crash-Stand von 11 erreicht. Derweil ein Tisch im 2 Passos nur schwer zu ergattern ist, leiden die Restaurants grundsätzlich an der Fast-Verdopplung der Mehrwertsteuer von 13 auf 23 Prozent. Folglich hört der Kunde, der mit der Kreditkarte bezahlen will, so oft den Spruch: "Bedaure, unser Terminal ist wieder einmal kaputt." Cash läuft nicht über die Bücher.

Portugal als Musterknabe in der Schäuble-Schule? Premier Coelho sagt es so: Hätte sein Land die Reformauflagen verweigert, wäre Portugal dort gelandet, wo Griechenland noch immer steht: kurz vor Bankrott und Euro-Exit.