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1. Die europäische Öffentlichkeit dreht durch

Katastrophe, Demütigung, mentales Waterboarding, Diktat, Spaltung, Rache – das sind die Vokabeln, mit denen die Brüsseler Griechenlandvereinbarung öffentlich klassifiziert wird. Jürgen Habermas sagte dem britischen Guardian allen deutschen Ernstes, die Bundesregierung habe in diesen Wochen einen politischen Kredit verspielt, den andere in Jahrzehnten aufgebaut hatten. Wenn das die Bewertung einer rechten und schlechten Einigung ist, wie um Himmels willen wäre dann das Urteil ausgefallen, wenn die historische Nacht von Brüssel mit einem Grexit zu Ende gegangen wäre?

Doch verweist nicht allein diese Rhetorik auf den autoaggressiven Schub, den die europäische Debatte gerade durchlebt. Auch der Beifall, den Alexis Tsipras im EU-Parlament von links- und rechtsradikalen Euroskeptikern bekommen hat, zeigt, dass die feinen Unterschiede des Politischen zurzeit wenig zählen, es geht rustikal zu in Europa, stumpf ist Trumpf.

Auch dass eigentlich linke Ökonomen dieselbe Kritik vorbringen wie die Interessenvertreter von Wall Street und Londoner City, scheint niemanden fragen zu lassen, wie sich der Schulterschluss von Keynesianern und Börsianern denn erklären lässt und ob da nicht allerhöchste Skepsis und Vorsicht geboten sind.

Von der Irrationalität der Debatte zeugt auch, dass Argumente, die einander diametral widersprechen, sich in ihrer Wirkung nicht etwa aufheben, sondern gegenseitig verstärken. So wird zugleich vom Durchmarsch der Deutschen gesprochen wie auch davon, dass die Franzosen ihnen wirksam in die Parade gefahren seien, was wiederum als Beweis für eine Spaltung Europas firmiert. Angela Merkel wird im selben Atemzug als gefühllos und als Racheengel dargestellt, und dieselben Angelsachsen, die Deutschland sonst wegen seines ausufernden Sozialstaats belächeln, bezichtigen nun die Bundesregierung des allerhärtesten Neoliberalismus.

Dass in diesen Tagen die europäische Öffentlichkeit durchdreht, liegt also auf der Hand. Bleibt die Frage: Wieso?

2. Europa ist stark, aber auch stark überfordert

Es kommt einfach zu viel zusammen: Vor allem im Osten Europas herrscht angesichts des Ukraine-Konflikts eine Furcht vor einem neuen Kalten Krieg, die nicht ganz unberechtigt ist. Diese Furcht wird noch dadurch verstärkt, dass die USA sich erkennbar aus den europäischen Nachbarschaftskonflikten zurückziehen. Die Amerikaner sind zudem offenkundig nicht mehr dazu bereit und in der Lage, das innereuropäische Kräftegleichgewicht von außen zu balancieren. Erstmals seit 1945 ist die europäische Führungsfrage wieder offen. Darum geht es in der Griechenlandkrise vordergründig immer um Griechenland, tatsächlich geht es um Deutschland.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Wie kann die stärkste Nation nach dem Abgang der Amerikaner und der Schwächung der Franzosen führen und moderieren? Deutschland weiß das noch nicht, die anderen auch nicht.

Und dann hat die EU noch ihre Richtungsgewissheit verloren. Immer mehr, immer enger, das ist vorerst unrealistisch, die Völker wollen nicht recht, und die neuen Bedrohungen von außen lassen eine Konzentration auf innere Reformen erst mal nicht zu.

Die Russen kommen, die Amis gehen, die Deutschen führen, die EU schwankt – das erklärt schon einiges von dem Geschrei in der Debatte um die südliche Balkanhalbinsel. Bleibt die Frage, was hinter der Hysterie wirklich geschehen ist und was nun zu tun sein könnte.

3. Griechenland wurde nicht gedemütigt

Wer ernstlich glaubt, die Bundesregierung hätte jemals die Absicht gehabt, die Griechen zu demütigen oder zu bestrafen, der kennt weder Angela Merkel noch Sigmar Gabriel oder Wolfgang Schäuble. Der falsche Eindruck von Demütigung entstand aus einem einfachen Grund: Alexis Tsipras wollte vor drei Wochen sein Verhandlungsmandat plebiszitär erneuern, er wollte einen bonapartistischen Moment schaffen, in dem er allein den griechischen Volkswillen verkörpert. Unglücklicherweise konnte er das nach Lage der Dinge nur mit einem Nein zu den Reformplänen der Gläubiger erreichen, was er dann eine Woche später eigenhändig in ein Ja verwandeln musste. Ist das demütigend oder nicht eher dialektisch, tollkühn, tragisch?

4. Die Griechenlandkrise ist keine ökonomische

Zur Jahrhundertwende stand Deutschland an einem kritischen Punkt. In den zehn Jahren nach der Einheit hatte sich das Land an eine gute Konjunktur gewöhnt, die indes auf Verschuldung und Plünderung der Sozialkassen beruhte. Die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft drohten in defizitbasierter Selbstzufriedenheit zu erstarren und von der Globalisierung abgehängt zu werden. In dem Moment entschloss sich die damalige Regierung zu einem inhaltlich allenfalls halb vernünftigen Reformpaket (Agenda 2010), das indes ein sehr vernünftiges Signal an die Bevölkerung enthielt: Strengt euch mehr an, erneuert euch, so geht es nicht weiter.

Wenn alles einigermaßen gut läuft, dann könnte das in Brüssel vereinbarte, ebenfalls nur halb gute Reformprogramm eine ähnliche Wirkung erzielen. Ob das gelingt, ist keine konjunkturpolitische Frage, weswegen all die Ökonomen mit und ohne Nobelpreis zu der ganzen Problematik auch wenig Gescheites beizutragen haben. Vielmehr hängt die Zukunft Griechenlands an der Moral und am Veränderungswillen der Griechen. Wenn sie millionenfach andere Entscheidungen treffen als in den Jahren zuvor, wenn sie den ineffizienten Staat zurückfahren und wenn bessere Qualifikation mehr zählt als gute Beziehungen, dann wird es gelingen. Dafür spricht, dass die Griechen am Ende aller Ausreden angelangt sind. Sie haben alles ausprobiert: Pasok und Nea Dimokratia, zuletzt Syriza, gefälschte Zahlen und nicht gehaltene Versprechen, verzweifelte Proteste, ein Plebiszit – und nun sind sie wieder bei sich angekommen, sie sind Subjekt ihrer Geschichte, niemand wird es ihnen abnehmen.