Er erinnere sich noch gut an seinen ersten Besuch in den Dörfern Karniens, sagt Giancarlo Dall’Ara. An die Steinhäuser, vor denen braune Holzfensterläden klapperten. An Dorfplätze, über die abends, fein herausgeputzt, die Bewohner flanierten. An den Blick auf Berge, schroff und grün. Aber auch an viele Häuser, die leer standen, und Läden, die dichtgemacht hatten.

Dall’Ara arbeitete damals, in den 1980er Jahren, für einen Hoteliersverband. Er wollte die touristischen Möglichkeiten Karniens erkunden, eines Gebiets im Friaul in Italiens Nordosten. Damals sah es gar nicht gut aus für die Region. Arbeit war rar. Den Dörfern rannte die Jugend davon – spätestens, seit ein Erdbeben 1976 ganze Häuserzeilen in Schutt und Trümmer gelegt hatte. Zwar wurden viele Gebäude wieder aufgebaut. Aber leben wollte hier kaum jemand diesseits des Rentenalters.

Auch Touristen kamen nur selten. Schließlich ist Karnien nicht die Toskana, wo sich für jedes alte Landhaus ein zahlender Ausländer findet. Und zu abgelegen für Urlauber, die nur rasch in die Sonne wollen. Erst viele Besuche später hatte Dall’Ara einen Plan, wie man die Dorfstraßen beleben könnte: "Urlaub für Touristen, die keine Touristen sein wollen".

Albergo Diffuso nennt sich das Konzept – ein Hotel, das über das ganze Dorf verstreut ist. In einem Haus ist die Rezeption untergebracht, ein kleiner Shop oder ein Fernsehzimmer. Geschlafen wird vielleicht eine Gasse weiter. Für das Hotel wird nichts neu gebaut, es werden alte Dorfhäuser hergerichtet. Und jedes Haus, das Gäste bewohnen, liegt zwischen zweien von Einheimischen. Um den Kontakt zu erleichtern. "Das ist was für Gäste, die ins wahre Leben eintauchen wollen. Die gerne in der Dorfschenke sitzen, wo die Wirtin den neuesten Klatsch erzählt." Die Lebensart sei es, sagt Dall’Ara, die Gäste in die Einöde locke. Und zwar ganzjährig: "Wenn nur ein paar Monate im Jahr Touristen kämen – davon könnten die Leute hier in den Bergen nicht leben."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Geführt werden die Hotels in den fünf Dörfern des Friaul von Einheimischen. Überhaupt sollen die Bewohner im Albergo mitmischen: Marmelade kochen fürs Frühstück, lose Balken in den Gästezimmern richten. "Die Dörfler sollen das Gefühl haben, dass die Herberge ein echter Teil des Ortes ist."

"Wir wollten, dass die schönen alten Häuser nicht verfallen", sagt Gianni Quaia aus dem 3.200-Einwohner-Dorf Polcenigo. "Manche stehen hier seit fast 200 Jahren. Die mussten dringend renoviert werden. Dafür brauchten wir Geld." Vor einem Jahr hat Quaia gemeinsam mit acht anderen Dörflern, denen alte Häuser gehören, ein Albergo Diffuso mit 140 Betten eröffnet. Als GmbH. Ein Konzept, das ihm manchmal den letzten Nerv raubt: "Neun Italiener sitzen zusammen und sollen sich einigen. Das dauert immer lang. Wird immer laut." Doch er glaube an das Projekt. Schließlich habe Polcenigo Gästen einiges zu bieten – einen Fluss, der sich durchs Dorf schlängelt, nebenan einen Wald, in dem Quellen sprudeln, und in der Nähe steinzeitliche Pfahlbauten. Er hofft, dass das Albergo das Dorf für alle lebenswerter macht. "Vielleicht hält sich hier dann auch mal ein gehobenes Restaurant."

Die Aussichten stehen nicht schlecht. Die Alberghi, sagt Giancarlo Dall’Ara, hätten dafür gesorgt, dass in den Schenken wieder der Euro rollt, neue Geschäfte oder etwa eine kleine Sprachschule eröffnen konnten und die Abwanderung nachgelassen habe. Längst haben auch in anderen Regionen Italiens Alberghi Diffusi eröffnet, wird das Konzept von Gemeinden in Kroatien und Slowenien kopiert. Gerade das Altmodische der Dörfer könnte ihre Zukunft sichern.