Nonseum-Gründer Gall inmitten seines ausgeklügelten Unfugs: Das Museum ist eine Touristenattraktion

Früher lag das Ende der Welt nur ein paar Felder hinter dem Elternhaus von Fritz Gall. Dort, wo die Grenze des Eisernen Vorhangs zur Tschechoslowakei verlief. Herrnbaumgarten war in den sechziger Jahren ein Bauernnest im niederösterreichischen Weinviertel, aus dem nicht einmal ein Bus zur nächsten höheren Schule fuhr. Heute reisen Journalisten von weit her an. Die Washington Post und ein Fernsehteam aus Südkorea waren schon da. Gall hat das Dorf in eine ungewöhnliche Touristenattraktion verwandelt. Aber man könnte meinen, der 57-jährige betrete sein eigenes Museum gerade zum ersten Mal.

Vergnügt schlendert der grauhaarige kleine Mann durch die Reihen mit den Glasvitrinen. "487,3 Erfindungen, die wir auch nicht brauchen", steht auf dem Schild am Eingang des Nonseums, einer skurrilen Schau des Nonsens. Drinnen muss Gall schmunzeln – über den schalldicht verpackten Wecker, das historische Nagelbohrerset, die Handschelle für einarmige Banditen. "Ich bin ein verspielter Charakter", sagt er und zieht an einer Zigarette, den Ellbogen in die linke Hand gestützt – die einzige Künstlerpose, die er sich gönnt. Mit seiner Figur hätte er ohnehin keinen typischen Landwirt abgegeben: zu klein, zu schmal, die Hände eher fein. Wie ein bunter Hund sieht er auch nicht aus, eher wie der Kunstlehrer, der er im Brotberuf ist. Daran ändert auch die gelbe Hose nichts, die er heute trägt.

Gall unterrichtet an der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik in Mistelbach. In der Freizeit aber verwandelt er sich in eine Art Daniel Düsentrieb des Dada. Zu gebrauchen sind seine Erfindungen nicht wirklich, nur die Ideen dahinter sollen witzig sein. "Ich schaue mir das Leben an und denke: Wo sind lose Enden, wo gehört noch was hin?" Gall beugt sich zu einer Schachtel herunter und setzt die Brille auf, die, an einem Band befestigt, vor seiner Brust baumelt. Auf der schwarzen Box liegt eine Socke, darin ein Fingerhut, Schere und Garn. Es ist eine Grabstätte für Einzelsocken. Perfektion ist Gall wichtig: "Es soll aussehen wie ein ägyptischer Sarkophag."

Die Ideen entwickelt er oft mit Freunden vom Verein für die Verwertung von Gedankenüberschüssen. 1994 riefen sie das Nonseum ins Leben, und mittlerweile reisen 10.000 Besucher pro Jahr nach Herrnbaumgarten. Der Tüftler und seine Mitstreiter haben ihr 1.000-Einwohner-Dorf am einstigen Ende der Welt zu einer Berühmtheit gemacht.

"Ich wollte den weißen Fleck Herrnbaumgarten etwas bunter machen", sagt Gall. Das Weinviertel ist für seine flache Weite berühmt, für die pittoresken Kellergassen, in denen Presshäuser aneinandergereiht stehen, und natürlich für den Wein. Auch ohne das Nonseum wäre Herrnbaumgarten ein ansehnlicher Ort – aber eben nur einer unter vielen. Gall schlendert die Hauptstraße entlang und deutet auf die Fassade des Dorfbäckers. Sie glänzt im Hundertwasser-Stil. Geschmacklich nicht jedermanns Sache. "Aber das sind alles Elemente unserer Grundidee. Verruckt, aber nicht verrückt zu sein heißt, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten." An den Türen zu den Heurigen flattern pinkfarbene Banner mit launigen Sprüchen. "Den Wein von heute erkennst du am Gesicht von morgen", steht auf einem. Selbst den Sitz des Bürgermeisters verschönern Erfindungen: Vor dem Gemeindeamt steht eine Telefonzelle für Handygespräche und, statt einer Beschwerdekiste, eine "beschwerte Kiste", mit Steinen auf dem Deckel. Bürgermeister Christian Frank macht die Späßchen gerne mit, sie verleihen der Dorfgemeinschaft Identität. "Im Weinviertel war das Motto lange: Bei uns ist nichts, nur Landschaft", sagt er. "Der Tourismus hat den Menschen die Augen geöffnet."

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die meisten Gäste des Nonseums kommen aus Österreich, Deutschland und Tschechien. Vor einigen Wochen lud der deutsche Star-Blödler Stefan Raab Fritz Gall in seine Sendung TV Total ein. Der Entertainer hatte wohl eine Spaßkanone erwartet und wollte seinen Gast mit dessen Dialekt aufziehen. "Da hab ich mir gedacht: Jetzt kannst mich aber gern haben", sagt Gall. Er ließ Raab auflaufen und präsentierte ungerührt seine Erfindungen.

Der Nonsens-Tüftler betreibt seinen Humor mit großem Ernst. Anstatt lustige Sprüche am Fließband zu klopfen, redet er lieber darüber, welche Materialien er für seine Exponate verwendet. Aus seiner Werkstatt heraus könnte er einen Altwarenhandel führen. In den Schränken liegen ausrangierte Wecker, Wasserhähne, Perlenketten. Meist hat er sie auf Flohmärkten gefunden. Für die Werkstatt fügte er zwei Garagenhälften zusammen, sie fasst aber längst nicht sein ganzes Arbeitsmaterial. In einer Scheune am Ende des Dorfes schlummert der Rest. "Die Kammer des Schreckens" nennt er sie. In der Werkstatt herrscht Ordnung, an den Schubläden der Aktenschränke hat er Zettel angebracht, "Ha" steht für Hammer, "Bu" für Dinge, aus denen sich Busen basteln lassen. In der Mitte des Raumes thront ein Schlapphut auf einem Besenstiel, mit einer Auswahl verschieden großer Bleigewichte, um diesen zu beschweren. "So kann er nicht wegfliegen, egal, bei welcher Windstärke."